Archiv für September 2018

Mitreißende Doku. Mehr Erfüllung geht in einem Leben kaum, inklusive brutaler Einbrüche und Krisen. Der Tanz macht alles wett, durchdringt die große Tänzerin La Chana und erfasst den Zuschauer. Siehe Review von stefe.

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Annäherung zwischen einem Vater und seinem Sohn durch eine antörnende Geschichte von Frankreich über den Atlantik in den kanadischen Wald und ein paar Menschen dort mit ungewissen Beziehungen. Durch Ungewissheit zur Klarheit. Siehe Review von stefe.

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Bunte Palette. Die Filme handeln von zerrissenem Künstlertum (in Spanien), vom britischen Kolonialismus (in Australien), von den Heldenträumen kleiner Leute (in Hollywood), von der Falschheit in der Familie in Spanien, von Achtsamkeit in der Reizüberflutung (in Europa), von einer abenteuerlichen Fluchtgeschichte (aus der DDR), von einer Metoo-Geschichte (aus dem Pfründenland), einem ungeordneten Enkelnachlass (aus dem ehemaligen Naziland), von religiöser Erweckung (aus dem Amiland). Im TV war die Münchner Staats-Oper Objekt eines Liebhaberfilmes und eine Münchner Symbol-Figur redete über sich privat wie auf einer Pressekonferenz.

Kino
THE MAN WHO KILLED DON QUIXOTE
Das Portrait des Künstlers als eines gespaltenen Mannes.

SWEET COUNTRY
Britischer Kolonialismus und britische Justiz in Australien im Clinch miteinander.

DIE UNGLAUBLICHEN 2
Herr und Frau Jedermann als Superhelden.

OFFENES GEHEIMNIS
Ein offenes Geheimnis ist kein Geheimnis.

DAS STILLE LEUCHTEN
Beispiele von Achtsamkeit gegen Reizüberflutung.

BALLON
Zu wenig heiße Luft, um im Kino abzuheben.

ALLES IST GUT
Eine Drehbuchdozentin macht die krasse Diskrepanz zwischen Drehbuch-Lehren und Drehbuch-Schreiben unübersehbar.

NACHLASS
Ein klitzekleines Bisschen Ordnung täte dieser Nazi-Enkelploitation gut.

I CAN ONLY IMAGINE
Ein problemscheues Biopic, das mit Tonnen von Weichzeichnern das Leben von Bart als Rührstück nachillustriert.

TV
GROSSE OPER
Für den Opernfan springt nettes Geplauder von Münchner Opernkoryphäen ab; aber hintenrum hat ein Kulturfunktionär und kinematographischer Laie den kurzen Zugriff auf Zwangsgebührengelder ausgenutzt.

LEBENSLINIEN ICH WAR DIE WIESN WIRTIN
Was macht eine (menschliche) Institution ohne die Institution?

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Porträt des Filmemachers als eines alten Mannes.

Er wird nicht aufgeben, er wird für immer leben, das Künstlertum wird überleben.

Als junger Mann hat der Regisseur Toby (Adam Driver) in Schwarz-Weiß ganz seriös einen Don Quixote – Film in Spanien gedreht. Er wollte Wahrhaftigkeit und hat Leute aus dem Dorf besetzt. Für den Don Quixote überredete er den Schuster (Jonathan Pryce). Der Schuster als Künstler oder Schuster bleib bei deinen Leisten oder Hans Sachs, der Schuhmacher und Spruchdichter; naheliegende Assoziationen. Angelica (Joana Ribeiro), ist die Tochter des Kneipiers.

Den Film hat Toby längst vergessen. Er ist ein Erfolgsregisseur geworden dank Werbung für Wodka; er spürt die Faust des Produzenten (Stellan Skarsgard) im Nacken, vor Augen die verführerischen Schönheiten des Films und die Frau des Produzenten, Jaqui (Olga Kurylenko) ist auch nicht ohne; den Kopf hat er gefüllt mit den Bildern von allerlei Ikonographien des Films, der spanischen Renaissance, der Don Quixote Geschichte und am Horizont drehen sich Windräder in einer langen Reihe.

Toby soll einen Werbespot mit dem Quixote-Motiv drehen. Er leidet unter Leere. Eine Kopie seines Studentenfilmes wird ihm zugespielt. Er braust mit dem Motorrad vom Set weg durch die spanische Landschaft an den Drehort seines Studentenfilmes „Los Suenos“ (Die Träume).

Nichts ist, wie es war. Don Quixote hat sich auf die Vermarktung seiner Vergangenheit spezialisiert; in einem abgerissenen Unterschlupf tritt er gegen Eintrittsgeld in einem Dunkelraum in seiner Uniform auf und sagt seine ersten Sätze, mit denen Terry Gilliam, der mit Tony Grisoni auch das Drehbuch geschrieben hat, den Film eröffnet. Schön klassisch. Quixotes Frau, ein altes Weiblein, besorgt die Technik mit Anwerfen einen Motors für die Lichtmaschine.

Die Sache endet unglücklich, aber Quixote erkennt allmählich seinen früheren Regisseur, der ihn erst nach oben gebracht und dessen Ruhm er so schäbig nun auswertet. Die Bude fackelt ab, es gibt ein Intermezzo mit der Polizei. Die beiden brennen durch.

Regisseur Toby wird immer mehr zu Sancho Panza, das ist der mit den Klamottengags, mit den „rustikalen“ Streichen, von denen es zur Genüge im Film gibt (gleich zu Beginn verhängt sich Quixote im Windmühlenflügel und die Technik kann das nicht sofort beheben), bis zuletzt wird das ausgereizt, wenn er einer Erscheinung von drei Riesen, die aussehen wie Sumokämpfer, begegnet und gegen sie kämpft.

Jetzt sind die beiden auf dem Weg, sich ins irre Bilderuniversum im Regiekopf zu begeben und sich dort zu den mannigfachsten Abenteuern zu verirren.

Die aufwändigsten Settings sind ein spanischer Königshof, ein Maskenball und der Werbekunde Alexei (Jordi Moila) als spanischer König (der Kunde ist der König, der Satz gilt).

Auch die Folklore und die religiöse Folklore ist spendabel mit ihren Sujets von der Selbstauspeitschungsprozession bis zum Gebrauchsgegenstandsmonument, das abgebrannt wird bis zur wahnwitzigen Fahrt zum Mond.

In all dem schwelgt Gilliam zügellos bis an die Grenze vom Mummenschanz und mit klarer Priorität des Bildwerkes vor dem Sinnwerk. Gilliam tobt sich spanisch aus, bis ihm die Szenerien über den Kopf wachsen zur fröhlichen, iberischen Scherzkekserei.

Dazu visionäre Szenen in wilden Mülldeponien, wüstenhaften Landschaften, Muslimas mit Schnurrbart und unter Terrorverdacht, Anzugsmänner mit Knopf im Ohr und statt von der Muse wird der Regisseur vom Schaf geküsst.

Es scheint, dass dem Regisseur seine Figuren und Bilder sich verselbständigen. Sie geraten in einen irren Bildersog von unwiderstehlicher Kraft, nachdem der Film anfangs mit seiner Exposition nicht besonders originell und merklich geknarzt und geharzt hat. Da war der Regisseur ja auch noch nicht von der Muse (oder vom Schaf) geküsst.

Jetzt haut sie ihm seine eigenen Kreationen um die Ohren.
Sancho Panza und Don Quixote als zwei Beschreibungen von Grundelementen des Künstlers und seines Verhältnisses zu Luftschlössern, was diesen „großartigen Tag für Abenteuer“ ermöglicht – und mit hinterlistiger Ironie unterlegt.

Quixote kämpft gegen die Schimären der Bilder in seinem Kopf. Und als Sancho Panza liefert er die derben Gags. Das Derbe gehört zur Kunst wie der Misthaufen zum Bauernhof oder der Müll zur Zivlisation.

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Leiharbeiter. Schwarzer Bestand.

Von der Weite und der Schönheit Australiens groß durchatmetes, leicht und smart montiertes Kino als Chiffre für Leiharbeit und rassistische Diskriminierung.

Farmer Harry March (Ewan Leslie) ist neu in der Gegend und möchte sich von Farmer Fred Smith (Sam Neill) einen Schwarzen ausleihen für eine Tag, um Zäune zu bauen. March fragt nach dem „schwarzen Bestand“ von Fred. Der versteht erst gar nicht. Denn sein Angestellter Sam Kelly (Hamilton Morris) ist ein freier Mann, so wie dessen Frau Lucy (Shanka Cole) auch. Harry bietet im Gegenzug Alkohol und Tabak an. Fred Smith kontert, auf seiner Farm gebe es weder Alkohol noch Tabak. Man ist christlich. Der gute Kolonialist. Die Farmen sind auf indigenem Stammesland errichtet.

Die „Ausleihe“ von Sam an March setzt eine Dramatik in Gang, die die Gesetze, die auch in diesem von manchen als gesetzlos betrachteten Gebiet, das sieht ja auch schön aus wie der Wilde Westen, wenn nicht noch schöner, missachtet und am Ende die britische Krone in der Person von RichterTaylor (Matt Day) auf den Plan ruft.

Sergeant Fletcher (Bryan Brown) will vorurteilshaft den Mörder Sam fangen, ihn festsetzen und hängen sehen. Er nimmt die Jagd auf Sam auf, ohne ihn erwischen zu können. Der Indigene kennt sich aus, führt den Verfolger, der ein ideales Wildwest-Haudegen-Gesicht hat, in die Irre eines malerischen Salzsees, erbarmt sich seiner.

Eine Nebenfigur in dem Spiel ist Farmer Kennedy (Thomas M. Wright), der mit den Schwarzen nicht weniger brutal umgeht als Harry March. Die Verfolger werden unterstützt von Fährtenleser Archie (Gibson John).

Eine Rolle spielt auch der Junge Philomac (Tremayne Doolan), den sein Herr gegen Archie ausspielen will.

Warwick Thornton hat die Regie geführt und stand auch hinter der Kamera und sorgt so für einen ruhigen Bilderfluss aus einer Welt ohne Handys und Internet, in der elementare, menschenrechtswidrige Ausbeutungs- und Machtstrukturen wie in einem Reinraum herauskristallisiert werden.

Das Drehbuch schrieben David Tranter und Steven McGregor. Der Grundton ist optimistisch, dass das Recht auch in die Weiten der australischen Backlands hinein Zugriff hat, dass es hier keinen rechtsfreien Raum gibt.

Im Ort wird der australische Stummfilm THE KELLY GANG gezeigt. Der thematisiert die Ausbeutung der indigenen Bevölkerung durch die Weißen. Die Figuren reiten während der Filmvorführung vor der Leinwand durch. Realität und Kinorealität verschwimmen.

Auch ein Gerichtsdrama über die die schwere Geburt der Wahrheit. Lucy, die nicht reden kann. Der Clou: die Zuschauer des Gerichtes sitzen in Liegestühlen – in denselben, von denen aus sie auch die Filme schauen.

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Asghar Farhadi ist ein iranischer Vorzeigefilmer (The Salesman, Le Passé – Das Vergangene), der im Iran westliche Filme machte, Beziehungsgeschichten wie bei uns. Dadurch gilt er für die westlichen Filmintellektuellen als ein Missionar ihrer Weltsicht.

Jetzt hat Farhadi seinen heimischen Boden verlassen und will im Westen westliche Filme machen, in Spanien. Hier fehlt ihm allerdings der kulturelle Mitleidsbonus, hier muss er sich auf Augenhöhe mit westlichen Filmemachern und deren Filmsprache messen lassen.

Der deutsche Titel, der (genaue Übersetzung: „Alle wissen es“) praktisch den spanischen Originaltitel widergibt, ist allerdings eine gewisse Falle. Denn wenn alle etwas wissen, so gibt es kein Geheinnis mehr. Als Allgemeinplatz ist es ebenfalls kein Geheimnis, dass Familien sehr kaputt sein können (sonst lohnt es sich nicht darüber zu berichten).

Im konkreten Fall geht es darum, dass in einem spanischen Dorf allgemein bekannt ist, dass in der Familie von Laura (Penélope Cruz) mit dem Argentinier Alejandro (Ricardo Darin) und deren Tochter Irene (Carla Campra) etwas nicht stimmt. Vielleicht deshalb sind sie nach Argentinien ausgewandert.

Die Hochzeit der jüngeren Schwester von Laura ist ein Anlass, nach Jahrzehnten in das Dorf zurückzukehren. Dort trifft sie auf Paco (Javier Bardem), mit dem sie ein offenes Geheimnis verbindet. Wobei das für den Zuschauer allerdings ziemlich lange vergeheimnisst wird.

Farhadi fängt den Film mit diesem Geheimnis an. Er beginnt aufwändig in der Glockenstube der Ortskirche. Er hebt bedeutungsvoll die Zahnradmechanik der Uhrwerks hervor; Mechanik und Verzahnung spielen aber im weiteren Film keine Rolle mehr. Er blickt auf die Wandinschrift der Liebe von Paco und Laura – wer vorher das Presseheft gelesen hat, kann es deuten. Und als eher verbrauchtes Symbol kommt eine durch das Glockengeläut aufgescheuchte Taube vor – schwer, schwer symbolisch.

Im Gegensatz zum präzisen Räderwerk der Kirchturmuhr spielt Mechanik bei Farhadi keine Rolle, im Gegenteil, er setzt auf einen rucklig-hackligen, zerfaselten Erzählstil mit Verzicht auf Establishing Shots. Dafür mit Wackelkamera immer mitten rein und der Schnitt ist wenig einleuchtend, unorganisch, was ich nicht als Zeichen gepflegter iranischer Filmkultur lesen kann.

Farhadi lässt seiner Freude an hübschen Filmfrauen freien Lauf. Das sind alles Schönheiten – Spanierinnen allesamt, aber hergerichtet wie Iranerinnen und vor allem meist mit einem Aufheller auf das tadellos geschminkte Gesicht mit dem professionellen Lächeln und den offenen, dunklen Haaren. Soll wohl die Fassade der nicht intakten Familien darstellen.

Der Mann von Laura kommt später nach. Während der Hochzeit vertreibt sich ein junges Liebespaar in der Glockenstube die Zeit, hat Flausen und lässt die Turmglocke anspringen. Soll wohl Erinnerung an frühere Lieben dort oben sein. Ist aber von unserem Kulturbegriff her eher ungewöhnlich, dass bei der Trauungszeremonie nicht die ganze Familie anwesend ist. Ein filmischer Kunstgriff, der wenig Ertrag bringt.

Alejandro reist später an. Bald wird auch klar, dass er in finanziellen Schwierigkeiten steckt. Auch geht es um einen Weinberg, der vor Zeiten zu billig verkauft worden sei. Plötzlich ist die mündige Tochter Irene entführt. Es gibt Lösegeldforderungen. Der Film entwickelt sich zum Krimi, der in der Kaputtheit der Familie gründet.

Ein gelungenes Beispiel zur Demonstration von Kaputtheit in der Familie lieferte neulich Italien mit Zuhause ist es am schönsten.
Für einen begnadeten Schauspielerregisseur halte ich Farhadi nicht, die Schauspieler wirken oft allein gelassen, was zu viel bedröppelter Schauspeielerei führt. Und was ist jetzt der Plot der Filmes?

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Lass nach,

meint einer der Protagonisten dieser Holocaustnachbereitungsdoku von Christoph Hübner und Gabriele Voss.

Damit mahnt der Sohn des berühmten SS-Jagdfliegers Alfred Grislawski, Jürgen, einen künstlerischen Umgang mit dem Wort Nachlass an, was auch auf einer künstlerischen Tafel im Hintergrund zu sehen ist.

Mit diesen zwei Sätzen herrscht in stefes Review bereits mehr Klarheit als in der Doku, die das Vergeheimnissen liebt, manche Protagonisten tauchen erst im Abspann mit Namen auf, andere kann man im Laufe des zu langen Filmes identifizieren.

Die Dokumentaristen haben Kinder und Enkel von Tätern und Opfern zu deren Umgang mit der Vergangenheit ihrer Vorfahren befragt. Hauptsächlich setzen sie sie in ihrer eigenen, häuslichen oder atelierhaften Umgebung designhaft ins Bild mit sorgfältig arrangierten Hintergründen von Hausgeräten, Blumen, Akten aus der Zeit.

Das Designhafte bestimmt auch den Schnitt. Zwischen den Verzopfschnipseln der einzelnen Protagonisten setzen sie Schwarzbild, setzen den Ton aus und beginnen – lange nicht immer, aber durchaus gerne – mit einem Tonakzent den neuen Schnipsel aus den vielen Statements, die sie von ihren nach nicht weiter nachvollziehbaren Kriterien zusammengewürfelten Protagonisten gesammelt haben.

Weitere Schnipselsequenzen liefern Bilder von der Arbeit mit Nazidokumenten, Schubladen mit Karteikarten, Aufnahme der Karteikarten auf Mikrofilm, Fensterputzen in der Topographie des Terrors oder Unkrautjäten, Schaukästen leeren oder montieren, KZ-Tourismus- oder Gedenkfeiern, Arrangieren von Fressnäpfen, Herstellung von Stolpersteinen, Gerichtsprozess und ein junger Filmemacher darf sogar von seinem Südafrikafilm erzählen – immer gefilmt mit dem Designblick auf schräge Perspektiven und Geometrien im Bild.

Durch die relative Unklarheit des Dokumentaransatzes dürfte der Verwertbarkeit des Filmes im Kino enge Grenzen gesetzt sein – allenfalls im Zusammenhang mit Veranstaltungen, die eines der Themen berühren; und auch das Designhafte trägt zu einer gewissen, wenn auch gepflegten, Sterilität bei; das penible Arrangement der Interviewsituation bringt Befangenheit statt Spontaneität.

Die Protagonisten sind aus der Enkelgeneration: ein junger Filmemacher mit Täteropa, eine Reiseführerin aus Israel mit Opferopa, der Sohn des Jagdfliegers, Tochter eines SS-Arztes, Sohn von Opfern aus Ungarn.

Den Dokumentaristen fehlt eine Recherche- und dokumentarische Leitidee, wodurch ein Spannungsaufbau nicht möglich ist – so könnten sie ihre Ausbeute genau so gut in Vitrinen ausstellen. Das wäre vielleicht sogar aufschlussreicher, weil der Betrachter seinem eigenen Tempo und Interesse folgen kann.

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Auswuchs aus Trumpamerika,

die Evangelikalen, die für Trump einen mächtigen Rückhalt bilden, bemächtigen sich des Kinos, um zu missionieren. Schön für die Heils- und Bekehrungsgeschichte – ungut fürs Kino.

Der böse Vater (Dennis Quaid) aus und in Greenville Texas wird ein bekennender Christ, nachdem er seinen verachteten und von ihm oft geschlagenen Sohn Bart (J. Michael Finley) bei einer Gottesdienstübertragung am Radio hat Gospels singen hören. Da weiß der Vater bereits, dass er Bauchspeicheldrüsenkrebs in fortgeschrittenem Stadion hat.

Die Bekehrungsdramaturgie dieses Filmes der Gebrüder Andrew und John Erwin (Drehbuch: Jon Erwin und Alex Cramer) will es, dass die Kontaktaufnahmeversuche des Vaters misslingen und erst durch die Initiative des Sohnes, der auch seine Erlebnisse hat, die ihn nachdenklich und religiös werden lassen, die Wiederbegegnung, das Gespräch, die Versöhnung und der gegenseitige Respekt last minute passieren.

Der Sohn ist da gerade mittelprächtig auf Tournee mit seiner Band, schrammt am Durchbruch vorbei. Vaters Tod nach der Aussprache ist Sohnes Befreiung. Sie macht es ihm möglich, das Vaterverhältnis reflektierend – auch Tagebücher, die vor langem in der Schule verteilt worden sind, spielen eine Rolle – seinen Durchbruchssong zu schreiben: I can only imagine, Titel des Filmes und in Amerika ein Riesenhit geworden, der drei Mal Platin für eine Single gewonnen hat, das drückt der Film dem Zuschauer unerbittlich aufs Auge, als ob das ein Wert an sich ist, höher einzuschätzen als der Glaube an Gott. Materialistisch-evangelikales Amerika.

Die Gebrüder Erwin machen aus diesem gefühlsdusseligen Bekehrungsfilm ein Süßstück sondergleichen mit Puderzucker über und über bestreut, mit Weichzeichner hergestellt, mit Nebel in den Innenräumen und viel künstlichem Staub auf den Straßen, den die Autos aufwirbeln, Staub auf dem Speicher und somit über den Kindheitserinnerungen und der Wahrheit.

Dann zerdehnen und zelebrieren diese Filmemacher den „Endspurt“ zum Durchbruchssong so breit, dass einem Schnecken wie Hochgeschwindigkeitszüge vorkommen.

Als ob die ganze Weichzeichnerei nicht genug sei, tunken die Gebrüder Erwin ihr süßes Missionierstück noch in eine erlösen und gedankenfreimachen sollende Musiksauce.

Mit seinem Manierismus steckt Dennis Quaid den Rest des Ensembles an, auch die hochgezüchteten Kinderstars. Allzuviele religiös Erweckte dürfte dieser Film im europäischen Kino nicht bewirken.

Ein problemscheues Biopic, das mit Tonnen von Weichzeichner das Leben von Bart als Rührstück nachillustriert – der phyische Realismus des Vaters gegen die Träume des empfindsamen Sohnes, die sich gegen alle Widerstände realisieren.

Die unverfängliche Ablenkung vom Missionarischen stellt ein rahmendes Interview mit dem erfolgreichen Bart dar, das unter dem Motto steht, dass Musik Trost spendet, spenden soll.

Selbstverständlich ist Barts Jugendliebe mit dem Erfolg auch plötzlich empfänglich für seine Zuneigung – tja, der liebe Materialismus, der Erfolg und die Religion und die Liebe.

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Der Traum des kleinen Mannes, gegen die Ungerechtigkeit der Welt etwas unternehmen zu können, nicht nur der Unterdrückte zu sein, das ist der Traum vom Supermann, vom Superhelden, der gegen alle Gesetze der Physik sich der Gewalt des Bösen entgegenstellt.

Ein ganz gewöhnliche Familie zieht ab und an das Supermann-Kostüm an und greift ein, um mehr Gerechtigkeit in die Welt zu bringen. Allerdings kämpfen sie mit dem Paradox, dass das Gute bei ihren Aktionen illegal ist. Darum ist Familie Parr auch abgetaucht. Sie ist zwar gerechtigkeitsaktiv, wird aber öffentlich nicht wahrgenommen, tritt nicht weiter in Erscheinung.

Der aktuelle Fall ist ein Riesenbohrer, der sich zerstörerisch durch die Stadt fräst, um an Banktresore zu kommen. Die Parrs bringen den zum Stoppen. Die Deavors, ein Industriellenclan, will die Parrs dafür belohnen. Der Boss möchte die Mutter der Parrs ins Rampenlicht stellen. Sie erhält ein Motorrad, das alles kann – das ist das Schöne am Kino, den Erfindungen sind keine Grenzen gesetzt in Dehnbarkeit und der Verwandlungsfähigkeit von Materialien.

Eine supermoderne U-Bahn soll eingeweiht werden. Sie fährt ein Stück. Stoppt. Und fährt plötzlich rückwärts. Helen Parr als Elastgirl sitzt auf dem Motorrad und beobachtet die Szene. Sie bemerkt als Erste, dass etwas nicht stimmt, nimmt die unglaubliche Verfolgungsjagd auf und verhindert das Unglück, dass der mit geladenen Gästen gefüllte Zug über das Ende der Srecke hinaus in die Tiefe rast. Übermenschliche Heldentat.

Derweil kümmert sich Vater Bob um den jüngsten Sproß der Familie, Jack-Jack, der noch in den Windeln steckt. Der ist ein besonders ergiebiges Objekt für die Animateure der Figuren. Denn auch er hat diese Helden-Fähigkeiten. Das wirkt immer grotesk, wenn in so einem kleinen Menschen bereits die Talente von Erwachsenen zum Tragen kommen – und dazwischen quietscht und urlautet das Baby.

Eine weitere kleine Seitengeschichte ist die von Töchterchen Violet, die sich in den braven Jungen Tony verliebt. Und ein Intermezzo gibt es mit Edna, die sich vorübergehend um den Säugling kümmern soll.

Die Parrs haben es mit einem durchtriebenen Gegner zu tun, dem undurchsichtigen, dubiosen „Screenslaver“. Bei dessen Überfällen fallen Menschen, die eine U-Bahn- oder ein Schiff oder ein Flugzeug lenken sollen, in eine merkwürdige Starre und Ohnmacht – durch Hypnose. Da gilt es dahinterzukommen, um den Skandal öffentlich zu machen, damit endlich die Supermenschen ihre verdiente Anerkennung bekommen, denn es gibt außer den Parrs noch eine ganze Reihe weiterer Superhelden-Figuren. Zum Beispiel wird die Frosttechnik mehrfach eingesetzt, wie sie auch dem Disney-Film Die Eiskönigin – Völlig unverfroren zum Erfolg verhalf.

Die Figuren sind generell prima animiert, oft mit wenigen Strichen erhalten die Gesichter einen ganz individuellen Anstrich, der ihnen hohe Glaubwürdigkeit verleiht.

Die Geschichte ist gut nachvollziehbar und leidet nicht unter dieser oft in Blockbustern verbreiteten Manie der Überfülle der Effekte, die dann schnell zum Selbstzweck werden.

Die Parrs sind eine Familie wie wir und Ihr; sie machen sich ihr bescheidenes Leben mit den Superhelden-Träumen erträglich. Wobei es vielleicht doch besser wäre, wenn sie das nicht öffentlich machten. Denn dann würden sie zu echten Stars. So aber bleiben sie Helden des Alltags. Wie oft bei den amerikanischen Animationen ist die sprachliche Original-Bearbeitung großartig, so dass auch das Hören richtig Spaß macht.

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Ein Erlösungsfilm.

Nach zwei Stunden Kino- und DDR-Qual und dem technisch recht ordentlich gemachten Supsense des Countdowns, Ineinanderschnitt von verfolgender Stasi und in Richtung Westen davonfliegendem Heißluftballon mit Republikflüchtlingen, kommen einem die Begrüßungsworte in Bayern wie eine Erlösung vor und man ist dankbar, dass es die DDR nicht mehr – und Bayern immer noch – gibt. Und dass der Film zu Ende ist.

Dieses Befreiungsgefühl wird noch verstärkt durch den voluminös anschwellenden Feelgood-Orchestersound.

Ansonsten empfinde ich wenig Neigung, von einem begeisternden Kinoerlebnis zu berichten oder von möglicher Größe des Kinos zu schwärmen. Eher tendiere ich dazu, den Begriff eines bemühten Seminars zu verwenden, zu überlegen, wieso ich mir schwer vorstellen kann, dass so ein Kino die Massen anziehen soll, weil es eben über weite Strecke nur wie Fernsehen aussieht.

Weil es für die Grundentscheidung, nicht die Geschichte eines Helden zu erzählen, beispielsweise die von Peter Strelzyk (Friedrich Mücke), der das historische Vorbild für die dramatische DDR-Flucht zusammen mit seiner Frau Doris (Karoline Schuch) und dem Ehepaar Wetzel (David Kross und Alicia von Rittberg) und vier Kindern abgibt, und der es nach einem Misserfolg nochmal wagt. Also auf Psychologie zu verzichten, sich ganz auf das Abenteuerliche der Geschichte zu verlegen.

Dafür ist sie filmisch definitiv zu brav geworden. Das hängt zusaätzlich damit zusammen, dass die Drehbuchautoren Kit Hopkins und Thilo Röschelsen sich bemüßigt fühlten, Aufklärungsunterricht über die DDR einfließen zu lassen (insofern ist der Film schon mal prädestiniert fürs Mauermuseum) und sowieso sich zu sehr auf Erklärtexte und Planungstexte beschränken.

Dass sie nicht die Charaktere studierten und aus denen heraus dramatische Entwicklungen entstehen ließen. Insofern ist auch das Casting (Daniel Tolkien) mitverantwortlich dafür, dass der Film kaum über deutsche Gemarkungen hinaus auf besonderes Interesse stoßen dürfte.

Casting heißt in Deutschland: einen gremienkompatiblen Cast zusammenstellen. Das macht die Casterin angepasst. Und trägt damit ihr Teil für die Durchschnittlichkeit des Filmes bei. Dafür lässt sie sich dann von den Gremien rühmen und wird von den Produzenten fett im Abspann genannt. Just diese Angepasstheit hilft mit, zu verhindern, dass ein aufregender Film draus wird.

Im Presseheft ist zu lesen, dass die beiden Familien inzwischen kein Wort mehr miteinander reden. Das hätte bei einem Entscheid zur Berücksichtigung von Gruppendynamik und Psychologie hochspannende Elemente beitragen können. Denn das müsste schon angelegt sein. Aber solches hat offenbar auch Michael Herbig, den Regisseur wenig interessiert. Wobei das hätte mithelfen können, ein interessanteres und glaubwürdigeres DDR-Bild zu entwerfen anstelle des hier gezeichneten, gemütlichen Hochglanzmusterländles.

So aber erreicht der Film nicht mal die Durchschnittsqualität eines früheren Derricks, der immer das Psychologische im Auge hatte. Diese DDR-Menschen müssen vernünftelnde Dialog sprechen in einem Drehbuch, das museal-illustrierende Rekonstruktionsarbeit leisten will. Dazu der moralische Inupt mit pädagogischen Aufklärdialogen: „Eigentlich soll man nicht lügen“. „Ihr sagt mir nie die Wahrheit“. „Das mit der Wahrheit ist manchmal kompliziert … dass man sie hier in unserem Land nicht so sagen darf“.

Zudem fehlt Michael Herbig das Faible für die Montage und die entsprechende Bereitstellung der Bilder. Das macht den Film streckenweise betulich und schwer. Einzig die Tonspur erinnert sich an die Bedrohlichkeit der Lage.

Wie ein Loch in der Spannung wirkt eine Szene, in der Soldaten über den Schießbefehl, ohne dass das Wort fällt, aufgeklärt werden. Dabei ist dieser Fakt doch gleich in der Eingangsszene gezeigt worden, ohne dass verbaler Ergänzungsbedarf bestünde. So dumm sind die Zuschauer nicht – Belehrungen und Erklärung mögen sie im Kino schon gar nicht.

Dass zu viele Halbnahszenen sich häufen, mag auf das zu kleine Budget zurückzuführen sein. Auch das mindert die Strahlkraft eines Filmes, speziell, wenn er so eine allgemeine Geschichte und just nicht die persönliche Geschichte von Figuren erzählen will. Dieser museale Ansatz nimmt dem Film enorm viel an Dynamik, als ob nicht genügend Gas für den Heißluftballon da sei und er nicht mal richtig sich blähen, geschweige denn abheben kann.

Auch das Verhör mit dem LKW-Fahrer sieht eher aus wie eine Lückenbüßerszene.

Wegen diesem musealen Aufkläransatz kommt nie die Stimmung des Misstrauens, das in der DDR allgegenwärtig gewesen sein muss, glaubwürdig und nachvollziehbar rüber.

Keinesfalls unwichtig: Hollywood habe den beiden Fluchtfamilien die Filmrechte für alle Zeiten abgekauft, ist im Presseheft zu lesen. Jetzt war Hollywood so gnädig, die deutschsprachigen Remake-Rechte zu gewähren. Da müssen sie schon sehr überzeugt gewesen sein, dass die Deutschen dafür sorgen, dass daraus kein Weltmarkthit wird und ihnen Marktanteile abjagt. Der Originalballon, wie er im Abspann auf Fotos zu sehen ist, war deutlich interessanter als der rekonstruierte Filmballon (weil das Stoffangebot in der DDR vermutlich nicht so breit gefächert und bunt war).

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