Warten auf Schwalben – En attendant les Hirondelles

Wunden

Karim Moussaoui, der mit Maud Ameline (Überraschung, sie ist die Autorin von: Mein neuestes bestes Stück) erzählt von Wunden, von Menschen mit Verwundungen in Algerien.

Moussaouis Methode ist die des peripheren Erzählens. Er folgt einigen Figuren, bis er ganz nebenbei auch von deren Verwundungen erzählt hat und schwenkt aus kleinem Anlass auf die nächste: vom Architekten Mourad (Mohamed Djouhri mit den faszinierend vielen Fältchen im Gesicht) zu dessen Fahrer Djalil (Mehdi Ramdani), über eine Autopanne zum Neurologen Kamel (Lamri Kaouane) zu einer Frau ohne Namen (Nadia Kaci), die ein Schicksal ohne Namen hat und folgt dann deren Bruder (Samir El Hakim); diesem nur, um am Schluss das Prinzip des Erzählens definitiv zu machen.

Der Filmemacher als Biene, der von Blüte zu Blüte hupft, dabei das Thema nicht aus den Augen verliert, aber unvermittelt und ohne Wiederholungszwang mittendrin in der Wüste eine Musicalnummer singen und tanzen lässt (wurde leider nicht untertitelt); es geht um den aufregenden Moment einer anstehenden Hochzeit, aber die Braut wurde vom Vater einem früheren Freund als Fahrer anvertraut und sie müssen in einem grokotzigen Motel in der Wüste übernachten; es scheint die Musicalszene untermale die Heftigkeit dieser Begegnung und des Gefühlswirbels der jungen Frau.

Die Freiheit, derer sich Moussaoui bedient, zeigt sich auch darin, dass er an gleich zwei Stellen – und da wirkt es liturgisch – Dietrich Fischer Dieskau Ich hab genug von Johann Sebastina Bach singen lässt. Hier werden die Verwundungen, die ihn interessieren, besonders bei der gebildeten algerischen Oberschicht, die ins Arabische immer wieder französische Sätze und Wendungen einfließen lässt, als feierliche Zutat verwendet: es geht um Verwundungen, die keiner gerne zugibt, ja um moralisch verwerfliches Handeln. Immer auch vom christlichen Standpunkt aus.

Im Film ist nicht eine Moschee zu sehen, aber Kirchtürme gibt es. Insofern eine christliche Behandlung des Themas Schuld und wie der Mensch damit umgehen soll.

Es werden weitere Themen gestreift, um keinen Stress auf das Hauptthema auszuüben. Der Sohn des Architekten, Nacim, sollte studieren, aber weil der Vater ihm ein Motorrad geschenkt hat, verbringt er die Zeit lieber auf diesem. Das führt zu einem Unfall. Der Vater selbst lebt in gespaltenen Verhältnissen, nicht mit der Mutter des Sohnes zusammen, einer Lehrerin, die kurz vor der Rente steht, Lila (Snia Mekkiou); er lebt mit der Französin Rasha (Aure Atika), bei IMDb wird sie als seine Mätresse bezeichnet.

Der Neurologe dagegen steht kurz vor seiner Hochzeit und wird unvermutet mit einem brutalen Stück seiner eigenen Vergangenheit konfroniert. Was Moussaoui nicht hindert, ebenfalls als quasi-liturgisches oder umrahmendes Element genügend von der ausgelassenen Hochzeitsfeier zu zeigen.

In der Umgebung der Szenen von Fahrer Djalil streift der Film das Thema der Durchfallserkrankungen durch unreines Wasser. Mir scheint: fast wie ein Pfarrer – oder mehr ein Theologe? – betrachtet Moussaoui das sündige Menschentum ohne dabei zum Moralprediger zu werden. Die Message scheint die zu sein: hütet Euch vor der Hybris, keiner ist ohne Sünde, keiner soll den ersten Stein werfen und urteilen.

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