Ein Dorf zieht blank

Mêle-sur-Sarthe

ist ein 700-Einwohner Dorf in der Normandie. Wenn einer hier einen Film machen will, wie Philippe Le Guay, so muss ihm was Besonderes einfallen. Zum Beispiel ein Massen-Nacktfoto von der Art, mit denen Spencer Tunick berühmt geworden ist. Massenfotos von nackten Erwachsenen an signifikanten Lokalitäten.

Hier im Film heißt sein Pendant Newman (Toby Jones). Er ist auf Sujetsuche in Frankreich und mit nichts zufrieden, der Lavendel in der Provence ist ihm zu violett. Bei der Rückfahrt durch die Normandie auf dem Weg zum Flughafen gerät er mit seinem Mitarbeiter Bradley (Vincent Regan) in einen Stau bei Mêle-sur-Sarthe.

Die Bauern protestieren gegen die miserablen Bedinungen in der Landwirtschaft. Dabei schießt Newman ein Foto vom Champ Chollet, einem zwischen zwei Bauern seit Generationen umstrittenen Stück Land.

Hier sieht der Künstler den perfekten Hintergrund für sein Frankreich-Bild. Er steigt mit seinem Mitarbeiter im Hotel du Boeuf Noir (zum Schwarzen Ochsen) ab. Dort entdeckt er an der Wand Fotos von Kriegsgräbern. Jetzt kombiniert der Meister und hat die zündende Idee. Er will die Nackten auf dem Champ Chollet in der Geometrie jener Kreuze auf dem Soldatenfriedhof aufstellen.

Mit seinem Projekt stochert er in den Dorfbeziehungen herum wie ein Bär im Bienenstock. Er wirbelt alles durcheinander, Hoffnung (wahrgenommen zu werden als Dorf) und Scham (in der Normandie hat sich noch nie ein Bauer nackt ausgezogen, nicht mal zuhause oder zum Baden im künstlich angelegten See) und bringt Spannungen und Zerwürfnisse an den Tag und zu erhöhter Dringlichkeit.

Philippe Le Guay dröselt die Geschichte allerdings andersrum auf. Das scheint etwas willkürlich. Seine Erzählerin, auch ab und an voice-over, ist Chloé (Phil Groyne). Sie ist die Tochter des Parisemigranten Thierry (Francois-Xavier Demaison) und seiner Frau Valérie (Julie-Anne Roth). Er will seine Agentur vom Home-Office aus betreiben; sie will biologisches Brot backen.

Unabhängig von der Ereignissen um das Nacktfoto herum, erkennt Thierry im Laufe des Filmes, dass das Land doch nicht sein Ding ist. Vielleicht hat Le Guay diesen Erzählstandpunkt eingenommen, weil er Chloé mit ihrem Vater, wie das Nacktbild nach harten Twists doch noch und ganz anders als erwartet zustande kommt, schön mit dem Helikopter über dem Champ Chollet mit den Nackten darauf entfliegen kann.

Unter den splitternackten Darstellern auf dem Feld ist auch Francois Cluzet als Bürgermeister Balbu (Georges Balbuzard). Er hat die Hauptrolle. Sicher ist es gewöhnungsbedürftig, in so einem gottverlassenen Nest einen Bürgermeister zu haben, der ganz offensichtlich sein Gesicht sich schönheitschirurgisch aufrunden lässt und auch die Haarpflege dürfte weit über dem Durchschnitt normannischer Bürgermeister liegen. Aber da es sich um keinen Tatsachenfilm handelt, sei wohlwollend darüber hinweggesehen.

Denn immerhin nutzt Le Guay seine Story, um auf ein paar gravierende Probleme der Landwirtschaft, der Subventionen, des Streites zwischen Biologie und den Pestiziden aufmerksam zu machen.

Zudem gibt es Einblicke in einige Familien, beispielsweise des Apothekers Roger (Grégory Gadebois) der mit der ehemaligen Miss Calvados Gisèle (Lucie Muratet) verheiratet ist; es gibt die Geschichte vom Fotografen Vincent (Arthur Dupont), der einen nostalgisch anmutenden Fotoladen von seinem Vater geerbt hat; als der junge Schönmann bekommt er im Film noch eine Liebesgeschichte zugeordnet; es gibt eine Hochzeit. Und Streithähne.

Allerdings werden diese Einzelschicksale von außen eher kursorisch oder chronistisch vorgebracht und nicht wie im berühmten britischen Nacktfotofilm „Ganz oder Gar nicht“, wo Empathie für die Einzelnen ermöglicht wurde, Teilhabe am tiefen inneren Need für die Kalenderblattfotografie.

Die Musik schwämmt diese eher distanzierte Erzählweise wohlig auf mit einem Feelgood-Sound. Die Fotografie aus der Normandie ist beeindruckend.

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