Archiv für 9. August 2018

Kalt gekocht,

um im Kino heiß verschlungen zu werden. Diese perfekte Fotoromanze von Mike Newell (Große Erwartungen) nach dem Drehbuch von Kevin Hood, Thomas Bezucha, Don Roos nach dem Roman von Annie Barrows und Mary Ann Schaffer hat alles, was zu einer Romanze gehört und – das wird im Abspann noch ironisiert – ganz ohne Psychologie: eine junge, bildhübsche Frau, Juliet (Lily James), die schon erfolgreich Bücher veröffentlicht hat und für die Times schreibt; In Liebesdingen scheint sie nicht versaut; sie wird angehimmelt vom Amerikaner Mark (Glen Powell), reich und der unter Liebe versteht, einen Heiratsantrag mit einem protzigen Diamantring zu machen und der Geliebten pausenlos Blumen zu schicken, ein wahrer Luxus kurz nach dem Krieg im London von 1946, wo ein frisch gestrichenes Haus auffällt wie die erste Schwalbe im Frühling.

Und ein wohlgesonnener Verleger und Herausgeber, Sidney (Matthew Goode), dessen Geliebte wohl besser George oder Tom heißen sollten. Außerdem kommen typische Zimmerwirtinnen vor und eine Kanalinsel von herber Schönheit (Guernsey) mit einem Lesekreis mit dem skurrilen Namen The Guernsey Literary and Potato Peel Pie Society, wobei vor allem der Kartoffelschalen-Auflauf im Namen aufhorchen lässt; vor dem Degustieren des entsprechenden (Kriegs)Gerichtes wird eher gewarnt.

Es gibt den guten Deutschen, der bei der Geburt eines Kalbes hilft. Es gibt die mutige Elizabeth McKenna (Jessica Brown Findlay), die einen deutschen Besatzer mit dessen Knüppel niederhaut und Isola (Katherine Parkinson), die nie im Leben eine leidenschaftliche Beziehung hatte, aber die Herzlichkeit selber ist.

Ein Club aus lauter Einzel-, also Singlefiguren und der Naturbursch, der frisch genug ist, in jeder Schäferromanze den Schäfer zu spielen, Dawsey Adams (Michiel Huisman). Er hält Schweine und bei ihm wächst ein kleines Mädchen ohne Eltern, Kit, auf. Er ist frei. Er schafft aus literarischem Interesse den Kontakt zur Großstadt-Autorin. Die möchte über den Lesezirkel in der Times schreiben. Sie rechnet nicht damit, dass das auf so einer Insel nicht unbedingt gerne gesehen wird.

So nimmt sie Fährte auf und will stattdessen über den Krieg schreiben, der Geheimnisse hinterlassen hat; die in schnellen Rückblenden zwischengeschnitten werden, chronikhaft und dem Halbnahformat dieses Fotoromanze-Stils angepasst.

Die Recherche zieht sich, sie lässt Juliet immer wieder Dawsey begegnen (und der Zuschauer checkt wohl schneller als die beiden selbst, welche Schwingungen durch die gegenseitige Präsenz erzeugt werden), der Verlobte in London ist verunsichert, er platzt in die Insel-Rercherche-Idylle hinein, verschafft der Handlung neue Dramatik, die immer wieder angereichert wird mit literarischen Querverweisen zu Shakespeare und vor allem den Geschwistern Bronté Inbegriff von Autorinnen von Liebesromanzen, die zum Kanon von Literaturverfilmungen gehören, zu den klassischen Stoffen. Aus dem Lesekreis kommt von Amelia Maugery (Penelope Wilton) allerdings auch der Hinweis auf das Geschwätz (Gossip) – zweifelsfrei als einer Quelle für Literatur genauso wie für bestens unterhaltendes Kino.

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Eine sommerlich bayerische Brotzeit, ein hippes Lifestyle-, ein Kindermoral-Stückchen und ein aufgewärmtes Haifischsteak aus den USA, zwei schwierigere Gerichte mit Input aus der nahöstlichen Konfliktregion. Und last not least eine Nachzüglerreview zu den Filmstarts vom 2. August. Auf DVD gab es 3 empfehlenswerte Filme, die stefe schon zum Kinostart gesehen hatte.

Kino
SAUERKRAUTKOMA
Diesmal erwischt die Ehe fast den Eberhofer.

VOLLBLÜTER
Diese Ostküsten-Ricchiezza, das grenzt schon an Dekadenz im Nihilismus.

GANS IM GLÜCK
Wer gibt, dem wird gegeben – plus Entenslapstick in kruder Ästhetik.

MEG – THE MEG
Vor lauter Kalkül ist statt Schreckverbreitung ein gemütlicher Studiofilm draus geworden.

ITZHAK PERLMAN – EIN LEBEN FÜR DIE MUSIK
Distanzloses Verehrungsmovie.

AUS NÄCHSTER DISTANZ – SHELTER
In Nahost ja nicht Partei ergreifen, scheint hier die Devise.

DESTINATION WEDDING
Ein bisschen geht’s diesen beiden Weltstars wie dem Ebenhofer aus Niederbayern, was die Gefahr des Heiratens betrifft.

DVD
CLASH
Blecherne Kiste mit Gucklöchern, ein fahrbares Gefängnis mitten im Unruhegeschehen auf dem Tahir-Platz, das dieses auf engstem Raume spiegelt.

GARTEN DER STERNE
Dem Tod zum Vertrauten machen.

ÜBERLEBEN IN NEUKÖLLN
Menschliche Vielfalt statt Vorurteile und Diskriminierung.

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Alles kalkuliert.

Für den asiatischen Markt, für den amerikanischen Markt, für den schwarzen Markt, für den Weltmarkt. „Der weiße Hai“ war einst ein Riesenerfolg. Da müsste sich in seiner Strömung doch was machen lassen. Allerdings heißt jetzt der Regisseur Jon Turteltaub und nicht Steven Spielberg und das Drehbuch stammt von Dean Georgaris + 2 nach dem Roman von Steve Alten.

Jason Statham ist ein Zugname, dem kann kein Drehbuch und keine Regie was anhaben; er ist da, schaut, packt an, begibt sich in waghalsige Situationen, kann aber auch sich damit abfinden, dass ein Geretteter, der selbst die Klappe im verlorenen Tauchboot zumacht, dort zugrunde gehen wird, um nicht das Leben der anderen zu riskieren.

Nach dieser Aktion hat er sich nach Thailand zurückgezogen. Auch das kalkuliert, das traumhafte Strandleben und das Bier. Kalkuliert auch, dass ein Unglück passiert, das den erfahrenen Taucher wieder an die Front ruft. Kalkuliert auch, dass auf der Tiefseeforschungsplatform Mana One als Mitarbeiter Darsteller für eine breite Palette von Kinomärkten gecastet worden sind.

Kalkuliert ferner eine Vater-Tochter- und eine Mutter-Tochter-Beziehung, also das kleine stardressierte Mädchen, das kühn auf den Tauchgang mitwill. Denn das Team unter einem Finanzhai im Marianengraben – Platform steht interessanterweise auf Stelzen – will noch tiefere Tiefen ergründen. Dabei entwischt ein ausgestorben geglaubter Megalodon. Der wütet auf den Meeren und bietet den Filmemachern jede Menge Studio-Bassin-Standardsituationen.

Kalkuliert auch, dass später das Untier am chinesischen Strand Sanya sein Unwesen treibt und unübersehbaren Massen von chinesischen Sommerfrischlern einen Schrecken einjagt, kalkuliert dass ein pummeliger Bub mit besorgter Mutter in den Fokus rückt und kalkuliert auch, dass eine Hochzeit auf einem Schiff statttindet und das nette Schoßhündchen Pipin ins bedrohte Wasser springt. Keine Bange, auch das kalkuliert, es wird nicht gefressen werden, denn in so einem Film werden weder Lebewesen noch Tiere verletzt oder getötet, schon gar keine schnuckeligen Pipins von Bräuten.

Jon Turteltaub inszeniert das mit Großbuchstabenklarheit und mit einer gewissen Studiogemütlichkeit, die nicht unbedingt auf der Höhe zeitgenössischen Actionfilmschaffens ist.

Die Figuren bleiben marktorientiert eindimensional, werden als Stars gut geschminkt und behandelt. Und jetzt darf noch geraten werden, wer gefressen wird und wer nicht.

Ein Film, der einem garantiert nie das Gefühl großer Tiefe vermittelt. Ein Augenfang dürfte der von der Postpro exzellent nachbearbeitete nackte Oberkörper von Jason Statham sein und weibliche Fans von Männerstrip in Ekstase versetzen.

Der Film könnte mit manchen Szenen auch als Messefilm zur Ankurbelung des Verkaufes von Harpunen und anderem Schiffszubehör durchgehen.

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Via Negationis.

In diesem kleinen, feinen 2-Personen-Konversationsstück von Victor Levin tauschen Winona Rider als Lindsay und Keanu Reeves als Frank an einem rauschenden, mehrtägigen Hochzeitsfest Argumente aus, die gegen eine Beziehung und gegen die Ehe im Besonderen sprechen.

Sie ventilieren geistvoll und gebildet Positionen des Narzissmus. Dazu schleudert sie die Hochzeitsplanung von Keith und Anne mit schicksalshafter Macht, sie, die überzeugten Singles, zusammen.

Das fängt schon mit einem süperben Hickhack am Flughafen von Mokulele Air an, von wo aus sie in die großartige Schönheit der kalifornischen Berglandschaft von San Luis Obispo in einer Maschine fliegen, die eher an eine Seifenkiste erinnert. Auch da setzt der Zufall sie nebeneinander, ganz hinten im engen Rumpf.

Mit wunderbar zurückhaltender Komik und mit diskreter Verhaltenheit inszeniert Victor Levin. Wie Frank sich am Flughafen an Lindsay vorbeidrängt, so als ob er das nicht bewusst macht. Und wie sie ihm in die Parade fährt. Die Szene zeigt bereits, worauf es Levin ankommt: ganz auf die Dialoge, ihn interessieren keine Kameraschnörkel, kein Leben drumherum. Am Flughafen stehen die anderen Passagiere mehr wie abgestellte Pappkameraden rum und müssen sich nicht, Aufmerksamkeit abziehend, mit dem Mimen von Wartesituation abmühen. Das ist durchaus dem Text dienlich, der sich abgründig und nicht nur freundlich dem Thema der Beziehungskisten widmet.

Action wird höchst sparsam eingesetzt. Auf dem Rückflug verschüttet Frank bei einem Rumpler im Flugzeug Rotwein auf seiner Hose. Wobei er eh bereits dabei ist, sich über den Schraubverschluss der Weinflasche auszulassen.

Für die Trauungszeremonie, die sinnigerweise eine Sonnuntergangszeremonie über einem Weinberg sein soll, wird er Lindsay auf Armen die 30 Meter hinauftragen, weil sie das mit ihren Schuhen nicht selber bewältigen kann. Symbolik Weinberg, Symbolik Sonnenuntergang.

Während im üblichen Hochzeitsfilm die Gesellschaft zur Komparserie reduziert wird, um den Glanz auf das Hochzeitspaar zu werfen, wird hier die Hochzeitsgesellschaft lediglich als Staffage-Bild eingesetzt, ganz diskret, mehr als ein Objekt, das die beiden eingefleischten Singles gemeinsam betrachten, belästern und bemeckern.

Die Szene gehört ganz den beiden unfreiwilligen Diskutanten, denen in langen Einstellungen, in den sie meist nebeneinader sitzen, die Bühne bereitet wird. Und wenn sie mit ihren Argumenten sich gegen Beziehung aussprechen, so setzen sie just durch die Intensität der Dikussion – ganz contre coeur und Wort – mittels des gemeinsamen Betrachtens der Hochzeit, ein mächtiges Votum für Beziehung.

Ihre Gebildetheit schlägt sich nieder im Streit über die Aussprache von „Pasa Robles“ und die Abneigung gegen Hochzeit in deren Charakterisierung als Schlachtbank. Ist die Liebe Wunder oder Debakel? Aber auch: die Bequemlichkeit der Beziehungslosigkeit. Die Musik zupft leicht an Saiten, schlägt Akkorde an zum Weitersummen.

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Die Moral dieser Geschichte und dieses Filmes von Christopher Jenkins ist klar: egoistisches Einzelgängertum und Eskapaden sind nicht gut: die wahren Werte sind Sich-Kümmern, Sich-Sorgen, Freundschaft und Familie.

Im Presseheft wird es in der „Director’s Note“ noch so zitiert: „Was du gibst, bekommst du irgendwann zurück“. Wobei der Satz auch zu einem kalkulierten Investorentum in Humanismus uminterpretiert werden könnte. Das passiert hier nicht.

Hier macht Peng, der Gänserich (einmal heißt es, der Ganter aus Gandersheim) die Erfahrung. Ihn interessiert das Sozialleben seiner Gänseschaft nicht. Er fliegt Kapriolen, wenn die anderen militärisch für den Vogel-Formations-Flug trainieren, zweimal jährlich, einmal hin, einmal zurück.

Peng verpasst den gemeinsamen Abflug. Stattdessen fallen ihm die Entenkücken Lissy und Lucky zu. Mit denen macht er sich widerwillig auf den Weg. Allzu biologisch sollte da allerdings nicht gedacht werden. Kücken sind noch nie den Vogelflug geflogen.

Das Ziel heißt ja auch plötzlich „Pleasant Valley“, was auf ein Entenparadies schließen lässt, ein Garten Eden für Enten.

Der Weg, den Peng mit seinen zwei Kleinen macht, ist voller Gefahren und Tücken, wie sich das für einen Entwicklungsweg gehört und genügend Platz für kinderfreundlichen Slapstick bleibt auch. Das funktioniert noch jedesmal, wenn ein Tier gegen einen Gong platscht, ob Frosch ob Gänserich ob Schildkröte.

Die Bildtierwelt in dieser amerikanisch-chinesischen Koproduktion ist eher grobkörnig-krud zu nennen, das Orchester voluminös wie ein aufgeplatzter Airbag, die deutschen Texte dürften oft nicht denen des Originals entsprechen, wirken gerne wie aus dem Ärmel gezaubert.

Damit sind wir beim Hauptproblem des Filmes angelangt. Das ist die deutsche Tonspur. Hier hat mir die Hühnermutter noch am ehesten gefallen. Der Rest ist tierische Chargiererei bis zum Geht-nicht-mehr und wenn der Regie zu den Figuren keine Sprachhaltung einfällt, dann muss eine Dialektfärbung her, ein billiges Mittel, das sich so aus der Geschichte nicht erschließt – es geht ja nicht ums So- oder Anderssein, es geht ums Solo- oder das Miteinandersein.

So ist das Hörspiel am Film jedenfalls nicht sprachkulturbildend für das kindliche Gehör. Fraglich, ob es hier, wie im englischen Abspann erwähnt, ein richtiges Voice-Casting gegeben hat.

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Rundum gelungenes Dorfkino.

Das Rundum kann wörtlich und symbolisch genommen werden. Mit einem Drohnenblick auf einen harmonischen Verkehrskreisel fängt der Film an. Den quert gerade das nostalgische Polizeiauto des Protagonisten Franz Eberhofer, der Lebens- und Glanzrolle von Sebastian Bezzel dank der Romanautorin Rita Falk und dank Regisseur Ed Herzog, der mit Stefan Betz auch das Drehbuch geschrieben hat.

Wie um einen Kreisel trabt der Film gemütlich – deutlich gebremster als sein Vorgänger Grießnockerlaffäre – auf dem Culture-Clash-Karussell des Zusammenstoßes von Landpolizist und Stadtpolizei (die setzen in München auf Teamwork), von Land und Stadt generell, von Pflichtbewusstsein und von Eberhofersein, von Singlesein und vom Verheiratetsein.

Diesmal nähert sich die ewige Liebe zu Susi (Lis Maria Potthoff) schon fast dem Glücksfinale eines Hochzeitsfilmes – aber dann wäre die Reihe, die sich irgendwie auch, zwar immer vertrauter – im Kreise dreht – dem Ende zu. Daran dürften weder Macher noch Publikum ein Interesse haben.

Die Figuren wachsen durch die Macht der Gewohnheit zusammen und einem ans Herzen. Mit jeder Umdrehung um den Kreisel gerät der immer so vorwurfsvoll und konsterniert blickende Eberhofer in eine neue schwierige Situation.

Erst wird er nach München versetzt, weil die ihn und seine ewigen Umstände, die er mit sich bringt, loswerden wollen. Dort gerät er an die karrieristische Nora von Waldstätten, die ihr Sphinxsein auf die Spitze treibt, kultuviert und bearbeitet.

Und doch zieht es den Ebenhofer nach Niederkaltenkirchen und zu seiner Susi zurück. Dort hält das neue Sicherheitsdenken mit privaten Sicherheitsdiensten in der Person von Eager-Beaver Ferdinand Hofer Einzug. Auch das legt im Zusammenprall mit Eberhofer unterschiedliche Ansichten zum Thema Law and Order offen.

Es müsste halt was passieren in Niederbayern, damit der nicht ersetzte Polizist wieder gebräucht würde. Das tut es denn auch und hängt mit dem Bürgermeister zusammen, der in einer großkotzig-angeberischen, mehrteiligen Villa wohnt. Dem Au!-Pair-Mädchen ist etwas Schreckliches passiert.

Es bekommt dem Film durchaus, dass Ed Herzog nicht auf Schenkelklopfen hin inszeniert und so diesen ländlichen Stillstand, der sich im Kreise dreht, humorvoll auf die Leinwand bringt.
Und wers noch nicht wusste: Ein Heiratsantrag ist keine KFZ-Zulassung, und die schönsten Rosen gibt’s im Baumarkt.

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Das Theater ist eine moralische Anstalt – nicht nur bei Schiller – auch im modernen Ostküstenamerika und kann beispielsweise mit der Schilderung kaputter menschlicher Verhältnissse und also Spiegel von Verkommenheit im Reichenmilieu beachtlichen Erfolg haben.

Genau dies tut Cory Finley mit seinem Theaterstück, das er hier als Debütant hochtalentiert und mit einem TopEnsemble verfilmt.

Finley gibt ein trendig-griffiges Bild einer von psychischen Schäden angegriffenen, von Nihilismus imprägnierten, liebesunfähigen Oberschicht.

Das Theaterhafte – und das Thesenhafte – dominieren geschmackvoll. Im Theater spricht man von Akten. Die braucht es wegen allfälliger Umbauten. Das Kino kann darauf verzichten. Deshalb ist der Film in auf Schwarzbild annnoncierte Kapitel römisch 1 bis 4, entgegen der klassischen Dreiteilung und Einheit von Zeit, Handlung und Ort unterteilt. Diese Vorschrift handhabt Finley großzügiger in seinem dialoglastigen Stück, das auf kulturelle Referenzen weitgehend verzichtet, bis auf Ausschnitte aus Filmklassikern, die im TV gezeigt werden.

Die kulturellen Querverweise lassen sich bei einem ausführlichen Rundgang durch das fette Landhaus der Eltern von Lily (Anya Taylor-Joy) an Gemälden und weiteren Ausstattungsgegenständen besichtigen.

Lilys frühere Schulfreundin Amanda (die unnahbar faszinierende Olivia Cooke) wird von ihrer Mutter hintenrum (aber Amanda liest die Mails) unter fadenscheinigem Vorwand an Lily vermittelt, gedacht als Heilmittel gegen ihre psychischen Probleme.

Lily leidet unter ihrem Stiefvater Mark (Paul Sparks). Die beiden Mädels verstehen sich bald, entwickeln Mörderfantasien. Der Kleinganove Tim (Anton Yelchin – seinem Andenken ist der Film posthum gewidmet) soll die Tat vollbringen.

Die Kaputtheit des Milieus wird manifest in der selbstverständlichen Benutzung von Drogen, Beruhigungsmitteln und anderen Medikamenten, dem generell dekadenten Lifestyle (wie Weinkeller oder deLuxe Spa) oder einem Institut wie das von Brockmore, das sich reichtumsgeschädigter Jugendlicher annimmt, in der leichten Verfügbarkeit von Schusswaffen, in der problemlosen, technischen Herstellung von Tränen durch Amanda, in der Ermöglichung eines Praktikumplatzes für Lily mittels Bestechung.

Die jazzige Untermalung des Geschehens ist enthusiastisch durch und durch, macht sich die Geräusche eines Ergo-Trainingsgerätes fallweise genauso zunutze wie ein Handyklingeln oder führt eine Assoziation zum Rasseln der Klapperschlange ein, kennt keine Grenzen, feuert an, lässt sich voll ein auf das Geschehen und muss aufpassen, nicht allzu viel zu verraten.

Der Film spielt in Connecticut. Der Hinweis auf die titelgebenden Vollblüter erfolgt als akademisches Apercu.

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Inklusionsfilm.

Itzhak Perlman hat die Kinderlähmung nicht unbeschadet überstanden. Die religiös betonte Behandlung des Defektes in Israel hat keine Wirkung gezeigt. Er ist mobilitätseingeschränkt und gleichzeitig ein hochbegabter Geigenspieler, er spielt von Klein auf.

Das Verehrungs- und Auf-den-Sockel-heb-Movie von Alison Chernick schildert sein glückliches Leben als erfolgreicher Geiger, Dirigent und Musiklehrer und als ein Beispiel gelungener Integration.

Perlman fährt mit seinem Scooter auf die Konzertbühnen, in die Studios, durch die Straßen von New York oder Tel Aviv.

Chernick darf Mäuschen spielen und dabei sein und filmen, oft, wenn Itzhak oder seine Frau kochen, wenn sie Familienfeste feiern, bei Proben, auf Tournee, bei Auftritten hinter der Bühne, im Studio, auf einer Reise nach Israel.

Hier unterscheidet sich Perlman allerdings vom berühmteren jüdischen Musiker Barenboim, der sich engagiert gegen die schief laufenden Entwicklungen zwischen Israel und Palästina.

Perlman wird von Netanjahu, dem völkerrechtsbrechenden israelischen Regierungschef geehrt und eingeladen. Dokumäuschen darf beim anschließenden Essen dabei sein. Schon vorher hat Perlman angekündigt, dass er nicht über Politik reden will. Das erinnert an Lothar Matthäus, auch er eine prominente Figur, der nach der Fußball-WM in Russland sich mit dem dortigen diktatorischen Machthaber ablichten lässt und ihm bedenkenlos Komplimente für die WM macht oder an die beiden deutschen Fußballer, die sich vor der WM mit dem skrupellosen Potentaten der Türkei zu dessen Propagandazwecken haben ablichten lassen.

So kann von dem Film gewiss nicht behauptet werden, er sei antisemitisch, eher wirkt er prosemitisch als ein Werbefilm für den Staat Israel – wobei das Wort prosemitisch keine Konjunktur hat; auch die Holocaust-Vergangenheit, das Leben von Perlmans Eltern im polnischen Ghetto, wird erwähnt.

Inklusion ist ein wichtiges Thema. Perlman ist in Israel aufgewachsen und wollte an die Julliard-School in New York. Aber da ist als Behinderter nicht daran zu denken. Mit 13 wird er in eine amerikanische Show eingeladen. Damit ist der Weg frei.

Von seiner Lehrerin an der berühmten Musikschule schwärmt er heute noch. Manchmal gibt er Statements zur Musik ab oder zum Spielen oder erzählt einen jüdischen Witz, manchmal bekommt er Besuch von anderen Künstlern oder er besucht einen Geigenbauer oder er zeigt, wo er früher mal gewohnt hat. Irgendwie tritt der Film auf der Stelle. Und nach fernsehtauglichen gut 90 Minuten hört er wieder auf.

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Viel Fernsehsenf

von koproduzierenden Redakteuren und Filmförderern dürfte in das Drehbuch von Eran Riklis (Zaytoun, Lemon Tree, Die syrische Braut) nach der Erzählung „The Link“ von Shulamith Hareven eingeflossen sein, so dass von der Handschrift Riklis, die in seinen Vorgängerfilmen doch spürbar war und für ihn vereinnahmte, nichts, aber auch rein gar nichts mehr übrig geblieben ist.

Vielmehr der Eindruck, hier sind alle darauf bedacht mit vermutlich genügend Geld, nichts falsch zu machen. Der Film kommt einem vor, als ob er dauernd auf der Bremse stünde, er wirkt ungelenk. Wodurch nichts Richtiges zustande gekommen ist.

Dass Spionage- und Geheimdienstthriller, um einen solchen handelt es sich hier, oft etwas undurchsichtig sind, das mag noch angehen. Aber hier fehlt alles, um für eine der beiden Agentinnen oder Doppelagentinnen Empathie zu ergreifen, weil der Film neutral bleiben möchte in dem zähen Nahostkonflikt, um nicht als PR-Veranstaltung für die eine oder andere Seite wahrgenommen zu werden. Wodurch gar keine Haltung mehr ablesbar ist.

Die beiden Protagonistinnen sind sicherlich hübsche Frauen und ordentliche Darstellerinnen. Naomi (Neta Riskin), die israelische Mossad-Agentin, die nach einem zweijährigen Berufsunterbruch für einen kleinen Job nach Hamburg beordert wird und Mona (Gosfhifteh Farahani), die Doppelagentin aus dem Libanon, die bei der Hisbollah angeheuert hat und parallel beim Mossad.

Mona hat sich im Rahmen eines Schutzprogrammes in Hamburg einer Gesichtsoperation unterzogen. Bis sie mit neuem Gesicht und neuer Identität nach Kanada gehen kann, soll sie in einer wie aus dem Fernsehstudio-Fundus möblierten Wohnung in altbürgerlichem Hamburger Haus mit Lotterlift von Naomi bewacht und beschützt werden. Denn die Hisbollah ist der abtrünnigen Mona auf den Fersen.

Früh macht der Film deutlich, dass es in diesen Kreisen keine Wahrheit und keine Ehrlichkeit gibt. Insofern wirkt die Annäherung der beiden Frauen über frauliche Probleme unglaubwürdig. Naomi spritzt sich, anfangs meint man sie habe Zucker, regelmäßig etwas subkutan in den Bauch; nach langer Ungewissheit erst klärt der Film den Zuschauer auf: mit diesen Spritzen soll sie sich auf eine künstliche Befruchtung vorbereiten, da das offenbar auf natürlichem Wege bei ihr nicht möglich ist.

Mona musste in der Eile der als Eingangsszene informativ gedrehten, überhasteten Abreise aus Beirut mit einem Gummimotorboot ihren 8-jährigen Zais zurücklassen.

Erschwerend kommt eine ungünstige Kamera hinzu, die keine klare Stellung bezieht und auch mit der Rahmensetzung schwimmt, das wiederum trägt das Problem auf den holprigen Schnitt weiter, wodurch der Film von einem organischen Flow weit entfernt ist; dann verzichtet er auch noch auf gut fundierte establishing Shots.

Vermutlich aus Koproduktions- und Filmfördergründen mussten zudem Szenen in Berlin und Köln gedreht werden.

Den vorangestellten, poetischen Satz von Khalil Gibran über die Einsamkeit und das Leben als einsamer Insel im Ozean, kann der Film nicht mal theoretisch illustrieren, da er sich für die Einsamkeit seiner Protagonistinnen nicht interessiert. Im Presseheft dupliziert der Regisseur diese Intention noch: „Nichts ist sicher. Niemand ist in Sicherheit. Niemand ist immun. Jeder sucht nach einem Schutzraum, nach einer Zuflucht.“

Den haben die dreinredenden Redakteure vermeintlich in ihren öffentlich-rechtlichen Redaktionsstuben gefunden und beziehen daraus die Legitimation, einen Thriller ungenießbar zu machen, ihn auf Nummer sicher aufzumotzen – das ist das wahre Desaster an der Redakteurseinsamkeit.

Und im Fernsehen gibt es nur Terrornachrichten.

Touristisch antörnend: die Ajaltoun Monastery im Libanon.

Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers!

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