Zuhause ist es am Schönsten

Kino als Abbild der Wirklichkeit.

Wenn Kino es schafft, ein glaubwürdiges Abbild menschlichen Lebens und Zusammenlebens zu entwerfen, und der Zuschauer oder Betrachter einen erweiterten Zugang dazu finden kann, einen Anlass zum Nachdenken darüber vorfindet, dann dürfte das Kino eine seiner hervorragendsten Qualitäten erreicht haben. Reflektion (oder auch: Projektion) des Lebens.

Dies kann Gabriele Muccino, der mit Paolo Costella auch das Drehbuch entwickelt hat, ohne weiteres attestiert werden. Denn sein Film verleitet zum Nachdenken über die Familie. Was ist Familie? Etwas, das aus dem initmsten, innersten Zusammengehen von zwei Menschen sich entwickelt, aus der Liebe, die allerdings auch Lust und Gier beinhalten.

Aber auch etwas, das keinen Bestand hat, das in ständiger Veränderung sich befindet – durch Geburt, Paarung, Vermehrung, Trennung und Tod. Eine Familie ist ein Hort für einen Schwarm der unterschiedlichsten Gefühlstemperaturen und –regungen.

Für eine größere Familie ist es allerdings von Vorteil, wenn die Großereltern über ein geräumiges Anwesen mit ausgedehntem Kakteengarten verfügen, noch dazu auf der traumhaften Mittelmeerinsel Ischia.

Zu ihrer Goldenen Hochzeit laden Alba (Stefania Sandrelli) und Pietro (Ivano Marescotti) ihre Kinder samt Anhang (Ehegespons, Ex, Kinder und Kindeskinder, Geliebte) auf die Insel ein.

Nachteil der Insellage: bei Sturm geht die Fähre aufs Festland nicht. Das nutzt Muccino, um den temperamentvollen, schnell, viel und durcheinandersprechenden Clan für eine Nacht auf der Insel zu halten.

Das wiederum ermöglicht den intimen Blick in diverse Schlafzimmer und zu provisorischen Übernachtungsräumen. Was sich da tut im Sinne der Vermehrung oder lediglich der Lust oder der Unlust.

Oder gar der fremdgehenden Lust in einer am Hafen aufgebockten Yacht. Dafür ist der Erfolgsschrifsteller Paolo (Stefano Accorsi) zu haben. Er verführt Isabella (Elena Cucci), denn ihr Gatte, von dem sie eh nicht mehr begeistert ist, ist nicht mit auf die Insel gekommen.

Paolos Bestseller „20 Minuten“ ist ein alternativer Zugang zum Thema des Filmes. Paolo geht von den ersten 20 Minuten einer Beziehung aus, die verrückt sind, voller Schmettlerlinge, inneren Aufruhrs, und aus denen 20 Stunden und dann 20 Tage bis hin zu 20 und mehr Jahren werden können. Die Beständigkeit von Familie und Liebe. Aber irgendwann scheint der Hunger nach frischen 20 Minuten sich Bahn zu brechen, zumindest beim Schriftsteller.

So ergeht es aber auch Diego (Giampaolo Morelli), dessen Date in Paris auf ihn wartet, während er seine nichtsahnende Ehefrau samt Kind bei sich hat. Oder Carlo (Pierfrancesco Favino), der bereits mit seinen zweiten 20 Minuten verheiratet ist, Ginevra (Carolina Crescentini) – aber seine Ex Elettra (Valeria Solarino) ist auch dabei. Wobei der Name Elektra auf Drama hindeutet.

So erscheint Familie als eine Abfolge – und in der Massierung auch Gleichzeitigkeit – intimster Momente von Lüge, Eifersucht, Begehren, Vereinigung, Abstoßung, von Vertrauensseligkeit, Misstrauen und guter Miene zum bösen Spiel und gleichzeitig allumfassender Herzlichkeit, von Überschwang, Hass und lautem Geschrei bis hin zur Versuchung, die Partnerin über die Klippen zu stürzen.

Wobei Muccino sich als wohlwollender, heimlich lachenden, überraschten nie aber bis zum Exzess oder zum Kriminalfall gehenden Betrachter und Erzähler geriert. Insofern hat er sich den Temperatmentpool einer durchschnittlichen italienischen Familie vorgenommen.

Sohn Riccardo (Gianmarco Tognazzi) mit seiner schwangeren Frau Luana (Giulia Michelini) nervt die Verwandtschaft mit seinen Geldsorgen und seiner Bitte um Kredit.

Beim noch bartlosen Nachwuchs regen sich die ersten Liebesgefühle, ahnungsvoll, und noch nicht so richtig im Bewusstsein der familiären Konsequenzen, wie Muccino sie uns grandios und lebensnah schildert.

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