Archiv für August 2018

In Britannien kämpfen Glauben und Medizin vor Gericht; in Tokyo sucht das deutsche Kino seine Freiheit, in Amerika entdeckt ein Nachwuchsbootskapitän, dass er noch nicht alles kann, will ein Filmemacher das Computererlebnis auf die Leinwand bringen, verfangen sich zwei Frauen aus Liebesgründen in Geheimdienstnetzen; in Deutschland heftet sich ein Dokumentarist an die Fersen eines Politikers, versucht die Subventionsschickeria mal wieder das Kino zu bändigen, die Subventionswenigerschickeria versalbadert sich in Trend und Jargon, geht auf Fotoshooting bei Obdachlosen und die Integrationsbemühungen des Subventionskinos erstarren in Leere. Das deutsche Fernsehen verbannt einen starken Trommlerfilm in die Schlafenszeit, verwechselt Antidiva mit nichtssagend und zeigt, dass es am falschen Ort spart und damit Geld zum Fenster rauswirft.

Kino
KINDESWOHL – THE CHILDREN ACT
Der Glaube, die Medizin, eine Bluttransfusion und das Gericht.

BREAKDOWN IN TOKYO – EIN VATER DREHT DURCH
Das deutsche Kino auf Freiheitsfindungstrip, bestens munitioniert mit Gedanken von Cioran.

KÄPT’N SHARKY
Frühreifer Held wider Willen hat noch einiges zu lernen.

SEARCHING
mpeg-Kino auf Computerkistenformat.

BAD SPIES
Beste Freundinnen erzählen sich alles. Wirklich?

FOLLOWING HABECK
Bei dem Termindruck ist eigentlich kein Platz für eine Doku.

GRÜNER WIRD’S NICHT, SAGTE DER GÄRTNER UND FLOG DAVON
Besser wird’s nicht mit dem deutschen Kino – es fliegt uns leider nicht davon. In Tokyo, siehe oben, geht’s ihm deutlich besser.

SAFARI MATCH ME IF YOU CAN
Subventioniertes, deutsches Jargon- und Anbandelkino.

DRAUSSEN
Fotoinszenierung mit Obdachlosen.

ASPHALTGORILLAS
Neuer Tiefpunkt des deutschen, subventionierten Integrationskinos, das glaubt, es tummle sich im Gangstermilieu – und sind doch nur Kaulquappen im Subventionsteich.

TV
DAGMAR MANZEL – PORTRÄT EINER ANTIDIVA
Ein Star, der sich ums Startum drückt.

HÜTE DICH VOR GINGER BAKER
Da gibt’s für den Dokumentaristen schon mal eine Kopfnuss.

NICHTS ZU VERLIEREN
Denn in diesem Zwangsgebührenmurks ist schon alles verloren – und die Macher sind mit dem Zwangsgebührengeld abgehauen.

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Gute Freundinnen erzählen sich alles.

Das mag für das Seelenleben von Vorteil sein, wenn aber diese beiden Freundinnen ganz unerwartet ins Visier von CIA und M16 geraten, so kann es problematisch werden, falls sich die Filmemacherin Susanna Fogel, die mit David Iserson auch das Drehbuch geschrieben hat, nicht was anderes ausdenkt und eine ziemlich groteske Situation erfindet, in der die beiden Freundinnen gefesselt ums Leben ihre intimsten Geheimnisse ausplaudern.

Mila Kunis als Audrey und Kate McKinnon als Morgan sind schon zwei Marken von Frauen, zumindest so wie sie sich hier darstellen mit einen Schuss Naivität, einem Schuss unerschrockener Präsenz und der unverhohlenen Neigung, die Stimmung eines Jungesellinnenabschiedes in eine simple Geburtstagsparty und die aus dieser sich entwickelnden Geheimdienstaktivitäten einfließen zu lassen.

Schwarm von Audrey ist Drew (Justin Theroux). Den hat sie vor einem Jahr bei ihrem Geburtstag in L.A. kennengelernt. Er ist oft nicht da und sie weiß nicht, dass ihn da sein verheimlichter Beruf als Geheimagent in Atem hält. Bei diesem Geburtstag versucht er gerade, in Litauen sein Leben zu retten.

Das weiß Audrey nicht und will sein Zeugs schon wegschmeißen. Da taucht er auf. Ein Pokal von ihm habe große Wichtigkeit und solle am Tag drauf in Wien im Café Schiele an Verne übergeben werden.

Schon überschlagen sich die Ereignisse in L.A., nachdem Audrey bereits in einen Van gezogen und vom CIA befragt wurde. Schon sind Typen hinter Drew her, erschießen ihn. Die beiden Freundinnen besinnen sich auf ihren Auftrag. Gänzlich unvorbereitet fliegen sie nach Wien.

Wobei beim Interview im Van noch einer weiterer Mann ins Spiel gekommen ist, Sebastian (Sam Heughan), so dass latent das Liebes- und Liebessehnsuchtsthema eingeführt ist.

Der Film macht diese Hals-über-Kopf-Reise hemdsärmelig amüsiert mit, lässt die Geheimdienstinstinkte der beiden Frauen, wie so ein Kind, das erste Schritte geht, erwachen und zappeln und schickt sie bald schon auf eine wilde Verfolgungsjagd durch Wien, bei der sie drei motorosierte Verfolger in schwarzer Lederkluft einen nach dem anderen erledigen.

Das Teil, hinter dem alle Welt her zu sein scheint und in deren Besitz sie sind, ist ein USB-Stick mit unklar wichtigen Informationen über einen möglichen Terroranschlag. In Geheimdienstwelten erzählt eh jeder was anderes. Da sie verfolgt werden und inzwischen auch bekannt sind, wollen sie sich wenige Minuten vor Zugsabfahrt nach Prag neue Papiere beschaffen. Auch da fällt ihnen etwas ein, was nicht unbedingt im Lehrbuch für Geheimagtenten zu finden sein dürfte.

Die Jagd geht weiter. Die Damen entwickeln sich, werden immer besser. Dadurch wird der Film allerdings auch konventioneller auf Kosten des anfänglichen Charmes der schwachen Nerven. Die vielen weiteren Ortswechsel durch halb Europa können das nicht wettmachen. Der Film scheint nur noch nach Situationen zu suchen, die halsbrecherisch sind, hochgezüchtete Trapeznummern oder Auseinandersetzungen im edlen Setting eines Technikmuseums – und findet irgendwie aus der Professionalitätsfalle nicht mehr heraus.

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Trotz

skurriler Grundidee (oder Titel) und prägnanter Schauspielergesichter dürften die schlichten Gemüter, für die der Film gedacht scheint, eher keine Kinogänger sein oder sie haben in den 50er Jahren gelebt.

Der Titel verspricht deutlich mehr Skurrilität als das einfallslose Drehbuch von Gernot Gricksch und Florian Gallenberger nach der Geschichte von Jockel Tschiersch efüllen können und die behäbig, unbeweglich-staatstheaterliche Inszenierung von Florian Gallenberger (einst hoffnungsvoller Studentenoscarpreisträger) macht den GAU der Diskrepanz zwischen Grundidee und dem mit dem Eingriff des multiplen Förderapparates schwer beschädigten Endproduktes perfekt.

Der Bauerntheaterplot (auf Degeto-Kukident Brei-Niveau runtergekocht) geht so: Der Gärtner Schorsch Kemper (Elmar Wepper) ist ein Flugnarr. Er hat Schulden. Seine Ehe mit Monika (Baumgartner, sehr todernst spielt sie, als sei sie in einem griechischen Drama – auch das wohl ein elementares Missverständnis; vielleicht möchte sie sich für die Medea empfehlen?) ist vertrocknet.

Sein Auftraggeber, der einen Golfplatz anlegen will, ist mit dem Grün des Greens nicht zufrieden, das ist Dr. Starcke (der behäbig aus dem Kino der 50er zu stammen scheinende Bernd Stegemann). Das wird eingangs in einer Szene, die wie für Analphabeten und Menschen, die schwer von Begriff sind, ausgewalzt ist, erklärt.

Wie überhaupt die Kinohandschrft des Florian Gallenberger mehr an einen ordentlichen ABC-Schützen erinnert, der zeigen möchte dass er brav lernt, als einen Künstler, der damit was erzählen will und auch, dass er sich mit der Welt auseinandersetzt. So, als ob es jenseits des deutschen Subventionstümpels kein Kino und schon gar kein Weltkino gäbe und nie eines gegeben habe.

Schulden hat Kemper auch und Töchterchen Miriam (Karolina Horster, sollte wenigstens den Umgang mit Gartengeräten und Pflanzen im Zuge des Rollenstudiums etwas üben, denn das hat sie, auch wenn ihre Ziele jetzt andere sind, von kleinauf gelernt) möchte zu Vaters Missfallen an die Kunstakademie statt die Gärtnerei zu übernehmen; ein erzbewährter Bauerntheaterplot.

Wie der Gerichtsvollzieher den zweisitzigen Doppeldecker von Kemper pfänden will, fliegt Kemper Hals über Kopf davon. Auch das inszeniert Gallenberger irre schwerfällig, wie einer, der sich beim Sprechen jede Silbe überlegen muss.

Somit wird aus dem Film ein Abhaufilm, ein Airroadmovie mit der in den Degeto-Muskuchen passenden Moral, Achtung Zeigefinger, Zeigefinger: man soll sich seinen Problemen stellen und nicht abhauen. Mit diesem fetten, billigen Stück Moralin gelingt es Tschiersch und Gricksch, sich ein schönes Stück vom Zwangsgebührenhaufen abzuschneiden, ohne sich allzusehr anstrengen zu müssen, ohne sich eingehend mit ihren Figuren beschäftigen zu müssen, die können alle mit schnellem Griff aus der Klischeekiste hervorgeholt werden.

Damit das nicht so auffällt und zum Beweis von Filmemachers kritischer Weltsicht schneidet Gallenberger ab und an Luftaufnahmen von rauchenden Kraftwerksschloten, von schäumenden Kläranlagen oder von Windparks dazwischen.

Kempers Orientierungspunkt ist das Polarlicht, das möchte er sehen und in es hineinfliegen. Wobei, so wie Wepper ihn anlegt, dieser Wunsch nicht plausibel wird, wobei auch das vermutlich schon auf handwerkliche Mängel der Drehbuchautoren zurückzuführen ist, dass das nicht richtig eingeführt wird.

Kemper fliegt ohne Navigation los gen Norden, verifliegt sich dann aber vermutlich aus Gründen regionaler Filmförderung doch lieber gegen Ostdeutschland, auch weil Dagmar Manzel von dort stammt und in ihrer Rolle angeblich nach der Wende einen Fliegerhorst für eine Mark gekauft hat.

Auch Manzel ist in den Film genommen worden, damit sie als Degeto-Moralistin dem Herrn Wepper ein paar Weisheiten verbraten soll von wegen Abhauen und über Verlust. Auch ihre ist eine an den Haaren herbeierfundene Geschichte – zumindest so wie sie erzählt wird.

Überhaupt wird der Flug zum reinen Märchen, hinkt allerdings bedenklich weit hinter dem Erzählreichtum der Gebrüder Grimm zurück.

Da immer wieder der Sprit ausgeht, muss Kemper Zwischenlandungen einlegen. An allen Landestationen findet Kemper in diesem Immer-blauer-Himmel-und-wenns-regnet-dann-richtig-Film mehr oder weniger gut präparierte und zur Statuarik neigende deutsch-öffentlich-rechtliche Subventionsstars vor, die generell ihre Rollen ungenügend vorbereitet haben – oder die damit zufrieden sich geben, den Text auswendig zu lernen und ihn präzise zu bringen und die geradezu auf den Doppeldecker gewartet zu haben scheinen.

Da ist der Bauer im Allgäu, Hans (Michael Hanemann). Er deckt das Bedröppelthema „Alleinsein“ ab. Da ist die Degeto-Klischee Superreichfamilie von Zeydlitz. Der Vater, Ulrich Tukur, distanziert sich parodistisch von der Rolle und vom Film und scheint bei der Zusage eher aufs Konto als auf das Buch geschaut zu haben (wäre ja gelacht, wenn wir den Schwachsinn nicht überspielen können, wird er sich gedacht haben). Sunnyi Melles scheint sich nicht weiter mit ihrer Rolle beschäftigt zu haben, deshalb nimmt man ihr auch nicht ab, dass sie vorher die Pflegerin der verschiedenen Gattin des Hausherrn gewesen sei; sie holt lediglich ihr Klischee von der Supperreichen aus dem Mottenschrank.

Dem Film scheint es eh nicht um Plausibilität zu gehen, Märchen ist doch leichter, glaubt er, mehr um Kitsch – und leises Sprechen, das können diese Berufsdarsteller bei Gott, wenn es darum geht, eine Banalität als wichtig darzustellen.

Reichentöchterchen Philomena (Emma Bading) ist ein Ausbund an Klischee von jugendlicher Antihaltung. Die Darstellerin macht es sich mit dem Typenspiel einfach. Sie schmuggelt sich unter die Decke des Vordersitzes vor Kempers Weiterflug. Auch das inszeniert Gallenberger mit breitbeiniger Spreitzfüßigkeit und Absehbarkeit, steif, dass einem um sein Gemächt bange wird.

Selbst mit einer Kürzung um 20 Minuten wäre der Zweistundenstreifen fürs Kino wohl kaum zu retten. Wie so ein Millionen-GAU möglich wurde, darüber darf spekuliert werden.

Es dürfte mit Pfründentum, öffentlich-rechtlicher Abschiebung von Verantwortung auf Gremien, auf Mangel an Wettbewerb, auf Funktionärsdreinredenwollen und andere strukturelle Impoderabilien zurückzuführen sein.

Wieder werden Millionen Euro an Zwangsgebührengeldern, ohne Mehrwert zu bringen, verbrannt.

Zur Beschaffung dieses Geldes greift der sogenannte „Beitragsservice“, der missgeburtige Nachfolger der GEZ, zu immer brachialeren Mitteln, bedroht arme Haushalte, die echt nichts haben, aber nicht in der HartzIV- oder Grundsicherungsstreckbank hängen, mit Zwangsvollstreckung.

Das ist kein Happy End, wie dieser Film es vorgaukelt. Insofern ist dieser Film eine einzige Lüge, auch in vielen Fällen die Bestätigung einer Lebenslüge von Suventionsabgreifern.

Staatlich geföderte Lügengeschichte zum Haarölsaufen. Für mich grenzt das bereits an kriminelles Verhalten, wenn für so beschafftes Geld solch minderwertigen Produkte hergestellt werden, bei denen es sich die Beteiligten generell sehr, sehr einfach machen, wodurch ein Resultat zustande kommt, das bestenfalls für schlichte Gemüter etwas ist, die aber sicher nicht ins Kino gehen. Wenig Geist, und wenn, dann verstaubt.

Die Gartengestaltung, die Kempter bei Zeydlitzens entwirft und zu realisieren anfängt, wird unglaubwürdig erzählt – als sei mittendrin beim Drehen das Geld knapp geworden und auch Elmar Wepper sollte sich, wenn er schon einen Gärtner spielt, der sein Leben lang Gärtner war, wenigstens auf Szenen mit dem kleinen Aushubbäggerchen vorbereiten, dass man ihm sein Handwerk wenigstens abnimmt. Denn auch Wepper spielt hier sicher nicht für Gotteslohn, weil er glaubt, mit dieser Rolle und diesem Film etwas zur Demokratie in Deutschland beizutragen. Und so ist der ganze Film durchzogen von den offensichtlichen Bequemlichkeiten überbezahlter Subventioonsstars, die im Subventionstümpel hofiert werden.

Überlüssig und ein massives Argument für eine deutliche Zwangsgebührenreduktionen.
Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers!

Zur literarischen Qualität des Unterhaltungs-Niveau:
„Winzig is er, dein Schrumpfpimmel, dass d‘ ihn überhaupt findst unter Deiner Wampe“.
„Du bist genau richtig, wie Du bist“
„Ich mach jetzt eine eigene Reise“ (das stammt wohl aus dem Drehbuch-Lehrbuch).
Und dann noch eine dezidierte UPS-Werbung.

Krasser Fortschritt gegenüber dem Heimatfilm der 50er Jahr: Oma lebt mit ihrer Frau in den Dünen.

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Hier ist das deutsche Kino auf der Suche nach seiner Freiheit – und kommt sich so vielleicht ein bisschen näher. Es sucht in der Person von Regisseur Zoltan Paul (Gone, Unter Strom, Amok) seine Mündigkeit jenseits der Subventionsfesselungen. Und es munitioniert sich dafür mit deutlichen Texten des rumänischen Philosophen Emil Cioran (die Zitate dieses ‚obskuren‘ rumänischen Denkers, wie es im Film heißt, sind am Ende der Review* aufgeführt).

Zoltan Pauls Ausgangspunkt ist der Frust. Der Frust über das Scheitern eines Filmprojektes.

Der Anlass für diesen unabhängigen Film ist ein doppelter. Der Sohn des Filmemachers, Julian Adam Pajzs, bildet mit dem Drummer Valentin Schuster zusammen das Duo Pero Pero. Die machen eine massiv-harte Musik, schwer einzuordnen, „eher Dada als Deep“. Weil das „Kranke“ in Japan gut ankomme, waren sie dort schon auf Tournee.

Jetzt im Frustmoment von Zoltan steht eine Vorführung seines Filmes „Amok“ im Goethe-Institut in Tokyo an. Aus diesem Punkt des Nichts heraus, da passen viele der Cioran-Zitate im Film, entscheidet er sich, seinen Sohn auf der Reise zu begleiten und diese zu dokumentieren, denn Julian erfüllt den Traum seines Vater, Musiker zu werden.

Statt Musiker ist der Vater erst Schauspieler geworden, später Kinobetreiber, Filmproduzent, Filmemacher und seine Ex-Gattin Adele-Neuhauser und Mutter von Julian ist inzwischen eine bekannte Wiener Tatort-Kommissarin. So weit der dokumentarische Input.

Reine Musikfilme gibt es genug. So entwirft Paul eine kleine Rahmenhandlung zu dieser Dokumentation. Seine Lebensgefährtin und Produzentin Clementina Hegewisch spielt Emma, seine Lebensgefährtin und Produzentin. Er selbst nennt sich entsprechend seiner ungarischen Herkunft Laszlo.

Die Reiseführerin in Japan, Nahoko, wird dargestellt von Tomoko Inoue. Zwischen ihr (mit der radikalen Liebesvorstellung) und Laszlo entwickelt sich eine Affäre, die in manchen Momenten gut und gern als bittersüß-ironisches-Apercu zur bierernsten Me-Too-Debatte gelesen werden kann.

Ok, am Schluss wird es eine Läuterungsreise des alternden, geilen Bockes.

Wenn das deutsche Kino, so wie hier, bei sch selber anfängt zu suchen, kommt es sich jedenfalls näher, fängt an, zu berühren, zu erheitern und einen mit den Cioran-Zitaten auch geistig auf Trab zu halten.

Die Musikausschnitte von PerPero sind harter Tobak. Ein Highlight: der Text über das Gefühl mit der neuen Zunge.

Zwischendrin gibt’s wunderschöne japanische Landschaftsaufnahmen, leicht in den Film gestreut wie frische Petersilie über den Salat.

Der Held wird zwischenzeitlich zum tragischen Helden, zum bemitleidenwürdigen Helden, er nimmt es spielend auf mit dem alternden Intellektuellenfrustie, den Josef Hader neuerdings darstellt in Wilde Maus oder in Arthur und Claire. Und was die Japan-Exploitation der Dörrie-Filme in Grüße aus Fukushima betrifft, so wirkt dieser Streifen, als lange Laszlo mit seinem Stock aus dem Schlussbild der Frau Professor unter den Rock.

*
Cioran sagt: „Alles reduziert sich schließlich auf die Begierde und die Abwesenheit von Begierde. Der Rest ist Nuance.“

Cioran sagt: „ Man hat desto mehr Zugriff auf die Welt, je mehr man sich von ihr entfernt, je weniger man an ihr klebt, der Verzicht gibt einem unendliche Macht.“

Cioran sagt: „Es gibt keine Überlegung von Rang, die nicht aus Trunkenheit entspringt, einem Verlust der Kontrolle, einer Fähigkeit, in die Irre zu gehen und somit, sich zu erneuern.“

Cioran sagt: „ Es kann geschehen, dass es Glück in einer Begierde gibt, aber die Glückseligkeit erscheint nur da, wo alle Bande gebrochen sind. Die Glückseligkeit ist mit dieser Welt nicht vereinbar.“

Cioran sagt: „So lange man begehrt, lebt man in der Unterwerfung, ist man der Welt ausgeliefert, sobald man zu begehren aufhört, genießt man die Vorrechte eines Gegenstandes und eines Gottes. Man hängt von niemandem mehr ab.“

Cioran sagt: „Wer keine Demütigungen kennengelernt hat, weiß nicht, was es heißt, auf der untersten Stufe seines Selbst anzukommen.“

Cioran sagt: „ Der Mensch neigt dazu, in Momenten höchsten Glücks zu vergessen, dass es wirklich nur Momente sind, weil sie die Lebensdauer einer Eintagsfliege kaum zu überschreiten vermögen.“

Cioran sagt: „Wer sich selbst überlebt, verfehlt seine Biographie, letzen Endes können nur die abgebrochenen Schicksale als vollendet gelten.“

Cioran sagt : „Die Tatsache, geboren zu sein, ist so unnötig, dass man, wenn man zulange darüber nachdenkt, nur noch dümmlich grinsend dasteht, weil man nicht weiß, wie man mit seiner Existenz fertig werden soll.“ und „Wo Paradoxie herrscht, da hört das System auf und beginnt das Leben“.

Emma: „Weißt du was, Dein Cioran nervt, hör doch endlich auf zu jammern“.

Besinnt sich das deutsche Kino hier endlich darauf, dass es ein Ort des Träumens sein könne?
Gleichzeitig ist der Film eine Kathederpredigt an den deutschen Filmsubventionstümpel, hat Geist, hat Witz, hat Humor, hat Tragik, hat Gefühl,
und im richtigen Moment geht’s durch einen Tunnel oder im richtigen Moment regnet’s.
Und gewiss ist das Problem, emotional professionell zu bleiben, nicht leicht.

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Das vorderste Interesse von Aneesh Chaganty, der mit Sev Ohanian auch das Drehbuch geschrieben hat, scheint gewesen zu sein, ein realistisches Abbild (im Sinne, dass Kunst ein Abbild des Lebens, der Realität zu sein habe) unserer inzwischen von virtueller Kommunikation durchdrungenen Realität zu geben.

Dieser Vesuch ist sicher auch erstklassig gelungen, so gut, dass der Zuschauer sich in die Enge vor dem häuslichen Computer versetzt fühlt, so gut, dass einem schier schwindlig wird vor lauter offenen Fenstern, Eingabemasken, Chattexten, Youtube-Filmen, Livestream von fixen Raumkameras, Maileingangsverzeichnissen und dazu noch News aus den Fernsehnachrichten.

In der Absicht, diesen schnell zumindest meine Augen strapazierenden Text- und Bildmix erträglich zu machen, hat Chaganty als Story einen Kriminalfall erfunden. Der soll aber nicht gleich als solcher erkenntlich sein. Das Prinzip des Vergeheimnissens durch unendlich viele offen geahltenen Bildschirmfenster, Eingabemasken.

In elegant-kinoaffinem Schnelldurchlauf wird als Ouvertüre die Geschichte der Familie Kim erzählt. Die Heirat von David (John Cho) mit Pam (Sarah Sohn), die Geburt von Margot (Michelle La); die Familienchronik ihres Aufwachsens durchgeblättert bis sie zur EverCreek High School.

Die Mutter ist inzwischen krank geworden (Lymphom) und gestorben. Das Tempo hierbei gewinnt der Film aus einem interessanten Mix aus bedächtigem Bedienen von Computertastaturen, Klick und nur kurzem Aufenthalt bei der dadurch gewonnen Bildinformation.

Auch der Vorgang des Gewahrwerdens der Abgängikeit seiner Tochter durch David ist eine langsame Bewusstwerdung. Hier fängt seine Recherche an, bis klar ist, dass etwas nicht stimmt und die Polizei eingeschaltet wird.

Detective Rosemary Vick (Debra Messing) kümmert sich. Von Anfang an ist klar, dass etwas Besonderes ist an ihr, die Vermutung liegt in der Luft, dass aus ihr und David ein Paar werden könnte – dass etwas wird ist offensichtlich, wird aber gleichzeitig diffus gehalten.

Fehlspuren zu legen gehört zum Handwerk von Krimiautoren. Ob aber diese Art des erzählerischen Verschleierns so geschickt ist, sei dahingestellt.

Ab dem Polizeieinsatz schwenkt die Erzählweise des Filmes allerdings verstärkt zu derjenigen des Sensationsjournalismus wie wir ihn gerne dem Privatfernsehen zuschreiben und wie er auf Bedröppelung schielt.

Später wird sich herausstellen, dass die Story ziemlich als am Schreibtisch erfunden wirkt und dass sie nicht über den Stellenwert von Kriminalnachrichten in den Zeitungen hinausgeht.

Familie Kim wird nicht als Empathieträger eingeführt, mehr informativ, da das Hauptinteresse des Filmemachers an der Form liegt. Die größere Krux allerdings scheint mir im Ansinnen zu liegen, die reale virtuelle Welt im Kino zu reproduzieren; das arbeitet doch de se gegen das Kino; da das Kino selbst eine virtuelle Welt mit eigenen Gesetzen ist, die just nicht der realen virtuellen Welt entsprechen.

Der Film will das Bild eines Menschen zeichnen, der sich in den Weiten der Internetkommunikation und von Fakeidentitäten verirrt, und will damit einen Hinweis auf die Gefahren des Internets geben.

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Dialoge im trendigen Jargon des Anbandelns, des Chats und der Therapie in ihrer jeweiligen Eigentlichkeit zu verfassen und sie willkürlich und beliebig über erfundene Menschenfiguren zu verteilen, das ist noch meilenweit von einem tauglichen Drehbuch entfernt, das generell Konflikte und Personencharakterisierungen braucht, um Dramatik und damit Interesse für die Figuren deren Geschichten zu erwecken.

Davon ist in diesem mehrfach geförderten Film von Rudi Gaul (Wader Wecker Vater Land), der mit Friederike Klingholz das unreife Drehbuch geschrieben hat, nicht die Spur vorhanden. Stattdessen soll ein Cast an Subventionsstars für schauspielerische Qualität bürgen.

Hier haben einige im Hintergrund Beteiligte hundslausige Arbeit geleistet. Dem Autor mag man es nicht verübeln, wenn er es nicht gelernt hat, ein brauchbares Drehbuch zu schreiben, wie soll er das auch in der darniederliegenden deutschen Filmkultur?

Zu rügen aber sind die staatlichen oder halbstaatlichen Geldgeber. Die haben miserable Arbeit geleistet. Das ist der FFF, der FilmFernsehFonds Bayern, Hauptverantwortliche Geschäftsführerin Dorothee Erpenstein, der DFFF, der Deutsche FilmFörderFonds da fungiert die deutsche Staatsministerin für Kultur und Medien, Monika Grütters, als Verantwortliche und der BFF, der Bayerische Bankenfonds. Sie haben offenbar ungesehen einen Film gefördert, der von einem antidemokratisch reduzierten Menschenbild ausgeht, das sich mit den Themen Anbandeln und Sextechniken schon erschöpft.

Deshalb gehören auch die Darsteller gerügt, die offenbar wenig Ahnung vom Drehbuchlesen haben, – oder ihre Agenten und Agentinnen, die ihnen zur Zusage der Rolle rieten, weil diese gut verdienen dabei – Juliane Köhler, Friederike Kempter, Justus von Dohnány, Sebastian Bezzel, Sunnyi Melles und weitere Subventionsnamen.

Es ist kaum zu glauben, dass so ein schrottiges Drehbuch von erwachsenen Menschen zur Finanzierung und zum Drehen für gut befunden worden ist – wo ist deren Urteilsvermögen geblieben? Sind das die Leute, die die deutsche Filmkultur und Filmlandschaft bestimmen? Und die Macher, sind das nicht viel eher Frösche und Unken und Kaulquappen im Subventionsteich, die nach jedem Subventonseuro schnappen?

Das Müchner Filmfest scheint genauso mit einem Mangel an Urteilsvermögen versehen, wenn es diesem offenbar gremienkompatiblen Bilderwelt die Premierenleinwand leiht. Wobei weitere handwerkliche Mängel hinzukommen, am gravierendsten das Feeling für Rhythmus und Tempo, ohne die eine Komödie sich nicht auf die Leinwand getrauen sollte, wenn sie nicht schnurstracks abstürzen will.

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Das ist gekonntes britische Star- und Gefühlskino, von mir aus zu melodramtisch und zu sehr in der Nähe vom Privatfernsehen.

Die nahbare Hauptfigur in diesem Film von Richard Eyre nach Roman und Drehbuch von Ian McEwan (Am Strand) ist Emma Thompson als Richterin Fiona Maye.

Eine Frau, die vor lauter Stress mit dem Richterjob, den sie überaus ernst nimmt, ihre kinderlose Ehe mit Jack (Stnaley Tucci) vertrocknen lässt. Er ist Professor, mässig glücklich mit Vorlesungen über Lucretius., einen Philosophen in der Tradition Epikurs, wohl kompensatorisch zum nicht stattfindenden Eheleben (das letzte Mal hatten sie sich vor elf Monaten geliebt), aber insofern wenig befriedigend.

Eine Studentin lacht den Professor an. Gleich zu Beginn, der Affäre informiert Jack seine Frau. Die hat grad wieder einen Skandalfall am Hals. Es geht um die ethische Frage der Trennung von siamesichen Zwillingen. Entweder sterben beide, wenn die Ärzte nichts unternehmen oder aber, sie trennen die beiden, dann hat wenigstens der eine eine Überlebenschance. Solche Fälle lassen die Richterin nicht los, sie nimmt sie mit nach Hause.

Der Film bringt in Mäuschenmanier Nähe und Einblicke hinter die Kulissen, begleitet sie auf ihrem Weg zur Arbeit, geht in die Hinterräume des Gerichtes, zeigt ihren beflissenen Sekretär Nigel (Jason Watkins), die gute Seele ihres Büros; Einblicke, die einem Normalsterblichen verborgen bleiben; das hat etwas Klatschspaltenhaftes oder rückt den Film in die Nähe des Sensationsjournalismus oder der Richtersendungen im TV. Insofern aber gut gemacht.

Das Hauptmelodram entwickelt sich an einem delikaten Fall. Es geht um eine lebensrettende Bluttransfusion für einen gerade noch Minderjährigen. Es geht um den bildhübschen und mit allen Mitteln auf Nachwuchsstar getrimmten und inszenierten Adam (Fionn Whitehead). Er leidet an Leukämie und nur eine Bluttransfusion kann ihn retten. Die Eltern wollen das aus religiösen Gründen verhindern.

Das Krankenhaus bringt den Fall vor Gericht. Kleiner Seitenhieb auf die anglikanische Kirche, denn um sie handelt es sich und nicht um irgend eine religiöse Sekte: die Predigtszene, auf die das Verhalten zurückzuführen ist, kommt im Film vor.

Ein unkonventioneller Schritt bringt die Richterin dem Jungen näher. Sie will sein Motiv der Verweigerung der Bluttransfusion selbst ergründen, will herausfinden, ob der gerade noch Unmündige auf Anraten seiner Eltern so handelt. Der Krankenhausbesuch endet als Schäferstündchen mit heilendem Gitarrenspiel und Richterinnengesang.

Weil Adam der Bluttransfusion zustimmt, kann der Film weitergehen, wird den Jungen die Richterin stalken lassen. Er ist ihr ewig dankbar für das geschenkte Leben. Aber die Richterin ist zu pflichtbewusst. So wird statt einer Romanze ein Melodram aus dem Stoff.

Es bietet sich an, diesen Film mit Am Strand vom selben Autor zu vergleichen und dabei zu vermuten, dass es wohl die Inszenierung ist, die hier einen Stoff vom selben Autor an den Rand der Schmonzette geraten lässt, die Richterin als Star – wie sie im Abendkleid später durch Krankenhausflure stöckeln wird oder sie ohne Schuhe zuhause, immer wie von Weihrauch umgeben, während „Am Strand“ vom selben Autor, aber in einer Inszenierung, die vielleicht mehr dem Autor den Vorrang gibt, großes Kino gemacht wird.

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Im Schwalle eines eingängigen Sounds von zirkus- bis schlagerhaft, von swing- und schwungvoll bis happyendhaft düst Käptn Sharky durch den Archipel rund um Oranienstadt, muss sich vor Piraten in Sicherheit bringen genau so wie vor dem Admiral, die ihm und seinem kleinen Segelschiff „Sharky“ auf den Fersen sind; und bloß weil er klein ist, kann er durch die Riffe entkommen.

Denn er hat Bonnie dabei, das Töchterlein des Admirals. Die ist von zuhause abgehauen, weil sie ins Internat sollte. Auf sie hat der Admiral die hohe Belohnung von 100 Dublonen ausgesetzt, deshalb sind auch die Seeräuber hinter ihr her.

Käptn Sharky ist ein kleiner Junge, der sich für einen großen Kapitän hält, aber noch nicht über alles Bescheid weiß. Mit seinen tierischen Freunden hat er auf einer kleinen Insel seine „Sharky“ gebaut. Das sind die Ratte Fips, Coco der Papagei. Er kennt den Satz, dass der Kapitän als letzter von Bord geht. Die Situation wird auch mehr als einmal eintreffen.

Aber was eine Crew wert ist, das erfährt er erst nach wilden Seefahrerbenteuern in diesem Film von Jan Stoltz und Hubert Weiland nach dem Buch von Mark Slater und Gabriele Walter (die Namen tauchen schon bei dem wunderbaren Kinderfilm Ritter Rost auf!).

Die Figuren sind von einem ganzen Team von Spezialisten animiert von der Idee her an Marionetten orientiert, besonders im Hinblick auf die beredte Gestik, wenn sie sprechen. Das zeigt auch, dass das Idealpublikum für den Film kurz vorm oder im ersten Lesealter sein dürfte.

Erzählweise und Auflösungen sind einfach und prima nachvollziehbar gehalten und führen bei den Kids zu heftigen Reaktionen und auch Diskussionen.

Die Auswahl der Sprecher und die Sprachregie sind erstklassig, allein Axel Prahl drückt zu heftig auf die Tube als der alte Bill und fällt dadurch negativ auf, passt nicht zur Idee des Begriffes „Crew“, die der Film doch einleuchtend portiert.

Öd oder fad wird es grad gar nicht. Schließlich stößt auch der brave Bürgersohn Michi, der nur eine Kokosnuss erstehen möchte, durch eine Verkettung unglücklicher Umstände und eine wahre Kaskade von Kokosnussaction zur Mannschaft.

Die Krabben, die spielen die gute Fee im Märchen. Sie wohnen in der Höhle des Krabbenkönigs, tanzen recht konventionelle Shows, aber das Klappern mit ihren Scheren klingt nicht nur bedrohlich sondern ist es auch und sie werden mehr als einmal Retter in der Not, wenn Käptn Sharky einmal ganz allein auf einer überschaubaren Insel gestrandet ist, denn er hatte unwissentlich der jungen Krabbe Roger das Leben gerettet.

Auch das notdürftig mit Hilfe der Krabben geschnürte Boot aus Fässern ist nur der Anfang einer heftigen Kettenreaktion von Aktionen, die abenteuererhöhend sind und die Geschichte in Richtung glücklichem Ende treiben. Die schlimmsten Fluchwörter sind: Fliegendreck und Spinnenstern.

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Robert Habeck ist ein schleswig-holsteinischer Politiker und seit Ende Januar 2018 Bundesvorsitzender der Grünen.

Malte Blockhaus hat sich 2017 einige Zeit an seine Fersen geheftet, in einer Zeit, als er einerseits Minister in Schleswig-Holstein und gleichzeitig stellvertretender Ministerpräsident war und – zumindest in den Parlamentsferien – bundesweit unterwegs für die Urwahl der Grünen zur Kür ihrer Spitzenkandidaten für die Bundestagswahl 2017.

Herausgekommen ist dank der Mäuschenmethode ein Naherlebnis, ähnlich wie in Time Trial vom schottischen Radrennfahrer Millar.

Blockhaus nähert sich mit seiner Methode dem Kick des Spitzenpolitikers, der von einem Termin zum nächsten jagt, der im Auto unterwegs ist, zu Fuß, mit dem Fahrrad, mit der Bahn. Er folgt ihm auf Schritt und Tritt, setzt sich im Taxi oder in der Dienstlimousine neben ihn, steigt in den Pater Noster und filmt trotz gegenteiligem Wunsch auch abwärts. Er weicht nicht von ihm vom Auto zum Konferenzsaal, ins Studio, in den Parteitagssaal.

Blockhaus verzichtet weitgehend auf die politischen Statements, blendet schnell aus, wenn Habeck eine Rede oder ein Interview anfängt. Man spürt aber auch, dass in der Hektik eines solchen Spitzenpolitikerlebens – sowenig wie für die Familie – eigentlich kein Platz ist für so eine Dokumentation auf Tuchfühlung. Wenn man sich das praktisch vorstellt, Malte Blockhaus muss sich doch die Drehgenehmigungen besorgen, muss vor allem das Einverständnis all jener Personen haben, die mit Habeck in Kontakt kommen, sei es als Interviewer, als Konkurrenten für die Urwahl, als Mitarbeiter seines Ministeriums, Pfarrer des Dorfes, als Landwirt, als Parteimitglied.

Dabei hat der Kandidat doch gar keine Zeit für solche Zwischenabsprachen. Hin und wieder reicht es für ein kurzes Statement zum Adrenalin, zur Erschöpfung, zur kurzen Zeit, die reichen muss, um wieder Kraft zu tanken, den Stellenwert der Familie, und dass dann irgendwann auch mal genug ist.

Es ist umso anstrengender, als er vieles allein machen muss, nicht mit großem Stab, er kommt auf einer Festwiese an und hat keine Ahnung, wo er sich in den Festumzug einreihen soll, er düst vom Bahnhof mit ner Taxe ins Hotel, um zu erfahren, dass sein nächster Interviewtermin direkt beim Bahnhof ist, er hat in Schleswig-Holstein zu tun, statt dass er sich beim Grünen-Parteitag um die Spitzenkandidatur für den Bundestagswahlkampf stellen kann.

Auf dieser Tour ist er recht privat, nur mit Rucksack bepackt unterwegs, von Ort zu Ort, von Versammlung zu Versammlung, von Hotel zu Hotel und dazwischen gibt er noch Radiointerviews über Handy aus dem Hotelzimmer.

Er kommt dabei sehr sympathisch rüber. Wobei ihm alles Marktschreierische und alles Quotenschielende fehlt, was ihn wohltuend von vielen anderen Spitzenkandidaten unterscheidet, was ihm aber vielleicht genau jene wenig Dutzend Stimmen gekostet hat, die zur Wahl nötig gewesen wären. So wenig Seller-Erhgeiz er hat, so wenig Kinoehrgeiz scheint Malte Blockhaus zu haben, ihm scheint die verité wichtiger, die glaubwürdige Realität wichtiger als das blendende Verkaufsprodukt.

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Mit der Pinzette präsentieren Tama Tobias-Macht und Johanna Sunder-Plassmann eine Handvoll Obdachloser, als handle es sich um seltene Insekten und Trophäen, die sie gefunden haben, die sie nun stolz aufspießen und sich freuen wie kleine Kinder.

Alles ist inszeniert, alles präpariert, nichts hinterfragt.

Mit so einem Außenseiterthema sind leicht Fernseh- und Filmfördergelder locker zu machen, ob die Filmprojekte was taugen oder nicht, ob sie einen Beitrag zum Thema Obdachlosigkeit (und wie solche in unserer Gesellschaft überhaupt möglich ist) leisten oder sich nur ästhetischen Mehrwert davon versprechen, ob sie uns ansprechen oder nicht.

Saubere Obdachlosigkeit. Zum Dreh sind die Klamotten firsch gewaschen, wird der Schlaf- und Wohnplatz ordentlich arrangiert und mit Fußballschals dekoriert.

Später versteigen sich die beiden vorgeblichen Dokumentaristinnen noch zu Auslegeordnungen im Sinne von Stilleben als bedeutungsvollen ästhetischen Values mit der Absicht der Assoziation von Kunstwerken.

Die beiden Dokumentaristinnen sind fasziniert vom Dekorativen der Obdachlosigkeit dieser Männer mit abenteuerlichen, teils kriminellen Viten, über die sie gerne und stolz erzählen. Es sind reflektierte Männer. So wie sie gezeigt werden, wohnen sie in beneidenswerten Parklandschaften (auch wenn Feuchtigkeit ein Problem ist) oder gar im Wald wie einsten Robinson. Romantik der Obdachlosigkeit.

Die Dokumentaristinnen heben die Protagonisten auf den Altar ihrer dokumentaristischen Selbstüberhöhung und Selbstzüberschätzung und opfern sie dort mitleidslos, den Zuschauer jeglicher Chance auf Empathie beraubend.

Sie üben sich ungeschickt und ohne künstlerischen Mehrwert in dieser unsäglichen TV-modischen Verzopferei der verschiedenen Geschichten oder Porträts, was das Einlassen des Zuschauer auf die einzelnen Schickale noch erschwert.

Sie glauben, keine establishing Shots oder storyfördernde Beobachtungsstandpunkte nötig zu haben. Das zu Dokumentierende ist für sie reine Bildbastelmasse, Details werden bedeutungsvoll und dick herausgestellt und der gefoppte Zwangsgebührenzahler darf blechen – einmal mehr.

Im Kino werden nicht einmal die Kinomäuse einen Blick für so einen Adventskalender übrig haben.

Am schönsten ist der subtile Hinweis des verschmitzten Kasachen und Exknastis, dass er die Kriminalität im Kino gelernt habe. Hier ist in dieser Hinsicht höchstens zu lernen, wie man auf billige Weise und ohne Denkanstrengung an Zwangsgebührengelder kommt.

Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers!

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