Petting statt Pershing

oder die offene Zweierbeziehung, das waren dominierende Schlagworte in den frühen 80ern, als die Welt noch übersichtlich, dual hinterm und vorm Eisernen Vorhang war.

Zum Thema Offene Zweierbeziehung gab es sogar von Dario Fo und Franco Rame ein Theatererfolgsstück.

Gegen die Stationierung der Pershings durch die Amis in Deutschland protestierte die aufgeweckte Jugend.

In dieser Zeit erlebt die mollige und intelligente Ursula (Anna Florkowski) ihre Pubertät in einem scheußlich-modernen Arztbungalow auf dem Lande irgendwo zwischen Darmstadt und Groß-Gerau, die brachliegenden Äcker in der Umgebung nutzt Petra Lüschow für ihren Film fotogen.

Im Dorf hat sich auf einem Hof eine Kommune von Müslis eingenistet. Diese praktizieren die offene Zweierbeziehung und protestieren in Mutlangen gegen die Stationierung der Pershings, gegen den NATO-Doppelbeschluss.

Der neue Lehrer Siegfrid Grimm (Florian Stetter) für Physik und Bio ist ein verführerischer Typ und profitiert vom Thema der offenen Zweierbeziehung zur eigenen Lustgewinnung und -mehrung. Alle verlieben sich in ihn. Auch Ursula. Aber näher liegt ihr der gleichaltrige Ralf (Oskar Bökelmann), der sich mit ihr einen argen BH-Scherz leistet. Auch die Mutter von Ursula, Monika (Petra Zieser), lässt sich vom Lehrer verführen, ebenso die Sportlehrerin Karin (Barbara Philipp), geschieden, zwei pubertierende Kinder, mit der der Vater Helmut (Thorsten Merten) von Ursula ein Verhältnis hat.

Die Mama von Ursula nimmt teil an einem Kurs zur Entdeckung und Befreiung der eigenen Muschi. Auch der Altnazi von Opa (Helmut Beyer) mit seinem Arsenal an Handgranaten darf nicht fehlen (Komödie: in seiner Leichenstarre, macht er, wenn man ihn aufrichtet, den Hitlergruss, weil er im Augenblick des Eintretens des Todes nach Pralinen greifen wollte; klumpfüßig inszeniert).

Lüschow hat dies und viele weitere Charakteristika dieser Zeit (wie das Schwarz-Rot-Gold-Küssen) liebevoll rekonstruiert und recherchiert, möglicherweise bei den eigenen Eltern. Die Konflikte, die sich aus den Konstellationen und den divergierenden Liebesinteressen ergeben, löst sie allerdings realitätsfern mit einer Rahmenhandlung, die grotesk auf einem braunen Acker anfängt und die vermutlich die Klassifizierung des Filmes als Komödie einlösen soll.

Mag die Recherchearbeit dem Film zu einem Touch Wahrhaftigkeit verhelfen im Sinne eines Fachbuches oder dem Anspruch eines historischen Ausfluges in die frühen 80er gerecht werden, so scheint der Filmemacherin allerdings das Handwerk des filmischen Geschichtenerzählens gänzlich unbekannt.

Vielleicht aber stimmt die Behauptung auch gar nicht, vielleicht war ihre Geschichte anfangs schräg, geil, verrückt und tatsächlich zugleich; dann aber haben vier Fernsehredaktionen, ein Redakteur, der sich im Abspann sogar mit dem Professorentitel eintragen lässt, Herr Professor Redakteur schreitet zum Müllern oder so, ihr Dreingepfusche angefangen, wodurch die möglicherweise akzeptable Geschichte jämmerlich zugrunde geht zugunsten von einem gremienkompatiblen Pseudorealismus.

Womit das Fernsehen ein weiteres Mal einen Kinofilm versaut hätte. Wogegen der krude Mix von Cast, dieses Ungeschliffene, wiederum eher zu einer Art Glaubwürdigkeit beiträgt. Oder: zeittypische Anekdotensammlung?

Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers!

Hinterlassen Sie einen Kommentar