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Schöner Werbefilm für Frankreich

mit zwei dekorativen Protagonisten, die der Landschaft und dem Land nichts wegnehmen und nichts streitig machen.

Aber da Hans Weingartner, der mit Silke Eggert auch das Drehbuch geschrieben hat (und mit zusätzlicher im Abspann genannter dramaturgischer Beratung), sich noch im geistigen Zustand Abitur/Studium zu befinden scheint, also im geistigen Höhenflug, der glaubt, die ganze Welt verändern zu können, überfrachtet er seinen Image-Film für Frankreich thematisch maßlos.

Wobei – typisch deutsches Drehbuchübel – die Figuren zu Thesenträgern werden (zu den Themen Welternährung, Darwinismus, Ehe und Gruppensex, Männer-Frauen-Liebe-Selbstliebe, Höhlenmenschen und Neandertaler, Kapitalismustheoreme), wodurch sie zwar als Charaktere wunderbar blass, auch vom Teint her, bleiben und dem Film, wie Frankreich selbst die Regie übernimmt, zu schönem Ausflugscharakter verhelfen; aber da Weingartner auch noch eine – erzkonservative, weither absehbare – Liebesgeschichte meint auf seinen Film satteln zu müssen, wird er, wie erwartet, deutlich zu lang.

Je weniger die Protagonisten reden, desto erträglicher wird das Frankreich-Movie. Die Dialoge scheinen primär Liebesersatz- oder Liebesverhinderungsdialoge zu sein, sind jedoch von Weingartner nicht so inszeniert. Und da die Casting-Abteilung ihm zwei sicher begabte, aber nur allzu brav Drehbuchtexte auswendig lernde, angepasste, keineswegs ausgeflippt/ausflippige noch unkonventionelle Darsteller ausgesucht hat, erweisen sich die Dialoge schnell als überflüssig.

Das fängt schon im Anspann vor den Titeln an. In öder Ausführllichkeit wird die Ausgangslage der beiden Figuren geschildert, albern genug, da soll auch noch Wissenschaftskritik reingepackt werden (was zuletzt deutlich fokussierter und vor allem gut konsumierbar und angenehm die 3 italienischen Filme Morgen ist Schluss gezeigt haben).

Schade, dass Weingartner nicht kürzen kann. Das hätte schon beim Drehbuchlesen klar sein müssen, dass so ein Anspann nur anödet. Da sollte Weingartner mal einen Billy Wilder studieren, wie der gleich in medias res geht (der Film mit Jack Lemmon als Wendel Armbruster Jr., der mit dem Privatjet zu spät kommt, Avanti, Avanti!) und damit noch bevor man die Figur zu Gesicht bekommen hat, schon eine Charakterisierung liefert, die für Spannung sorgt, wenn zwei solche Figuren zusammenkommen, von denen man die chemischen Reaktionen sozusagen kennt, was hier nicht der Fall ist.

Breites Versagen auch bei den Filmförderern, den im Abspann genannten dramaturgischen Beratern, dem Medienboard Berlin-Brandenburg (Kirsten Niehuus), Telepool (Gesellschafter der TELEPOOL GmbH sind der Bayerische Rundfunk, der Mitteldeutsche Rundfunk, die SWR Media Services GmbH und die Telvetia S.A.), FFA und dem BR (Intendant Ulrich Wilhelm), die ihre Gelder offenbar blind locker gemacht haben und somit eine weitere Rote Karte für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk verdienen, der einmal mehr einen Film fördert, der meiner Ansicht nach nullo Marktchancen hat, ich kann mir nicht mal vorstellen, dass die Generation, die diese weltanschaulichen Themen noch beschäftigt, sich dafür interessiert, weil sie diese viel zu dröge seminarhaft und eben nicht an die Menschen gebunden doziert; für diese Zielgruppe müssten die Themen peppig und attraktiv gebracht werden. So können sie sie auch an der Uni haben.

Oder dann sollte sich Weingartner für einen radikalen Weg wie Jean-Marie Straub entscheiden; da gibt es aktuell eine Lücke im deutschen Kino. Die Liebesgeschichte ist definitiv zu verschnarcht, auch weil die beiden Darsteller nicht durchlässig sind, viel zu brave Textreproduzierer. Und sie lächeln mir auch zu wohlfeil, zu viel, als ob sie für das ZDF vor der Kamera stünden oder für Degeto.

Schön wäre beinah das typische deutsche filmintellektuelle Spaghettiessen geworden, wenn es nicht zu kurz geschnitten worden wäre, wie Jens die Spaghettis in den Topf im Wohnwagen gibt.

Der Plot für dieses Roadmovie in Wohnmobil ist an sich simpel. Jan (Anton Spieker) und Julie (Mala Emde) haben je einen Grund nach Frankreich oder Spanien zu fahren. Und je einen Grund, dass der ursprünglich Plan nicht klappt und so bringt sie die umständliche Dramaturgie von Hans Weingartner in dem sehr geräumigen Wohmobil zusammen, zu dem allerdings das Mädchen überhaupt keinen Bezug hat; dass sie allein mit so einem Ungetüm losfährt, das ist schwer nachvollziehbar – und das ist ja eine Basisbehauptung in dieser „Geschichte“.

Mit einem Rilke-Zitat zu Beginn markiert Weingartner intellektuellen Anspruch (etwas viel für ein sonniges Roadmovie), dass das erste Vorgefühl des Ewigen sei, für die Liebe Zeit zu haben.

Und just die haben sie nicht, da sie ständig mit Quasseln beschäftigt sind und wenn die beiden einmal ruhig nebeneinander am Meer sitzen und geradeausschauen, so fehlt emotional just das, was sie in diesem Moment verbindet, kann Weingarten das empirisch nicht umsetzen.

Dann die Dialogregie: die unterhalten sich gerade anfangs viel zu aufmerksam sich zugewandt, als wollten sie als Schauspieler beflissen zeigen, wie man Dialoge spielt, resp. wie sie sich Mühe geben, die Dialoge zu spielen und zu sprechen. Vor allem trauen sie sich kaum Gesprächspausen. Die sind jedoch die Basis für einen Dialog, der sich entwickelt. Oder es sei denn, sie verhalten sich wie zwei besondere chemische Elemente, die ganz heftig miteinander reagieren. Das ist hier auch nicht der Fall. Damit kann kein Untertext passieren, nur Thesenaustauscherei.

Die ganze Schauspielerei, und da trägt der Regisseur die Hauptschuld, wirkt wie abgesprochen, nie ist offen wie es weiter geht, selbst wenn es formal so ist, dass Jan zurückbleibt am Rastplatz. Solche Dinge glaubwürdig zu machen, wäre eine Hauptanforderung an die Filmregie. Bei Jan ist das Gefühl des Vaterthemas nie spürbar oder bei Julie das Thema, Achtung Spoiler: der Schwangerschaft. Die Figuren haben kein Geheimnis, was sie spannend machen würde. Sie liefern ordentliche Berufsschauspielerei. Das ist für einen intellektuellen Weingarten-Anspruch deutlich zu wenig. Er lässt ihn so ins Leere laufen. Intellektuelle Schlappschwanzerei.

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