Armseligkeit.
Dekoration statt Dramaturgie.

Früher gab es den Stream of Consciousness, einen Begriff aus der Literatur, der das umfasst, was im Kopf eines Menschen vor sich geht an pulsierendem Bewusstseinsstrom, was ihn bewegt, ja, was ihn ausmacht.

Heute in der Zeit des reduzierten Menschenbildes von IT oder Mensch-4.0 heißt das The Language of many others. Das stellt sich im Film bildlich und akustisch dar als ein hübsches Ineinanderdesign collagierter Bilder von hauptsächlich Chat-Texten und simplen Sätzen von Bekannten und Verwandten des Protagonisten Karl, genannt Logo (Jonas Dassler), Abiturient. Wirklich hübsch gebastelt und ein nettes Einsprengsel in die dünne Handlungsskizze.

Lomo veröffentlicht Intimbilder seiner Eltern im Internet. Das hat Folgen. Das zeigt, was Julia Langhof, die mit Thomas Gerhold auch das Drehbuch geschrieben hat, beabsichtigt: einen Themenfilm darüber zu machen, wie Social Media und Internet in das Leben der Menschen eingreifen und es verändern, mithin, wie gefährlich sie werden können.

Wie sie offenbar auch den Stream of Consciousness versimplifizieren, wobei Langhof nicht dezidiert darauf referiert. Insofern bietet der Film vielleicht intitutiv und mehr dokumentarisch ganz ungewollt ein Abbild einer geistig verödenden deutschen Elite.

Der Vater von Lomo (Peter Jordan) ist Architekt. Aktuell steht ihm das Wasser bis zum Hals und wenn er beim nächsten Wettbewerb nicht den Auftrag erhält, muss er das Haus verkaufen. Lomos Mutter (Marie-Lou Sellem) hat einst Musik studiert, sie tönt so etwas an im Zusammenhang mit einem Klavier, das transportiert wird.

Lomo hat noch eine Schwester, Anna (Eva Nürnberg). Er verliebt sich in Doro (Lucie Hollmann). Deren Eltern haben Einfluss auf die Entscheidung des Architekturwettbewerbes. Das benutzt der Film für einen späten Twist und eine Eklat-Szene.

Lomo hat schöne große Augen, einen bemerkenswert starken Unterkiefer und sieht mit seiner Mähne unschuldig sinnlich aus. Die Regisseurin hat bestimmt Gefühle zu ihm entwickelt und kann sich nicht satt sehen an ihm, vorzüglich leicht untersichtig und leicht seitlich aufgenommen. Wobei das zum Tragen eines Filmes nicht ausreicht. Auch wirkt der Darsteller ab und an selbstverliebt.

Aber da ist das Drehbuch davor. Die deutsche Drehbuchkrankheit des Themenfilmes. Man nimmt sich ein Thema vor und erfindet Menschen, die das zu illustrieren haben.

Wenn die Regisseurin dann zusätzlich ihre zwar oft zweckmäßigen Knappsätze alle im gleichen Ton wegsprechen lässt, so entsteht das Bild von roboterhaften Menschen, denen just das fehlt, was Menschen interessant (auch für ’s Kino) und das Leben mit ihnen lebens- und liebenswert macht.

Insofern wirkt der Film wie ein Musterbeispiel einer Musterschülerin einer Filmschule: mit unendlichem Fleiss und auch technischer Spielereilust, die den bescheidenen und unausgereiften Plot unter sich erdrücken, werden Bilder hergestellt, postproduktiv behandelt und montiert, wobei von Montage heute wohl kaum mehr gesprochen werden kann, sondern mit Klicks an- und ineinandergereiht.

Das Resultat ist freilich so dekorativ wie belanglos. Als ob die Regisseurin das Thema mit sterilen Alltagsszenen und Sätzen, die wie mit der Pinzette behandelt werden, zu einem anprechenden, aber einen nicht weiter beschäftigenden Wandgemälde zusammenstellt. Bedrucktes Frottiertuch; Artikel aus der Haushaltsbedarfs- und Textilindustrie.

Man sieht dem Film die Arbeit, den Einsatz, den Fleiss an (Beispiel die Waschanlagenszene, wie ein eigener Kurzfilm; aus dem Handlungszusammenhang ergibt sich allerdings nicht der geringste Anlass für einen Autowasch), sie scheinen es einzig wegen der dadurch möglichen Bilder zu tun, allein, wo ist die Botschaft, wo ist das Entzücken über das Leben, die Verwunderung über die menschliche Natur, wo ist deren Beobachtung abgeblieben?

Dekoration statt Dramaturgie. Am liebsten essen sie in dieser deutschen Elite Spaghetti. Am schönsten hat im deutschen Kino immer noch Hannelore Elsner bei Rudolf Thome Spaghetti in den Topf gegeben. In der Toskana selbstverständlich. Da haben sie noch vom Paradies geträumt.

Kein Untertext. Keine Zwischentöne. Eindimensionales Menschentum. Thesendekoriermenschentum.

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