Archiv für 12. Juli 2018

Zwei meisterliche Literaturverfilmungen (eine aus Lateinamerika, eine aus den USA) treten heute an gegen einen Internetwarnfilm und gegen eine Artikulation von Sehnsucht nach Kinogröße aus Deutschland, einen israelischen Kriegsbasher, einen Berliner Ruttmann-Bewunderer, eine derbe amerikanisch-kanadische Klamotte und einen überraschungsfreien Ami-Katastrophenfilm. Im Fernsehen gab es einen weiteren, verzweifelten Legitimationsversuch des BR zu besichtigen.

Kino
ZAMA
Kolonialismusabsurdismus in Patagonien.

DIE FARBE DES HORIZONTES
Liebe und Schiffbruch – beide so nah.

LOMO: THE LANGUAGE OF MANY OTHERS
Bei dem reduzierten Menschenbild kann ein Privacyleak doch nicht mehr peinlich sein.

AUF DER SUCHE NACH INGMAR BERGMAN
Verwirrung zwischen Selbstruhm und Fremdruhm.

FOXTROT
Wir alle finden Krieg schlecht – und trotzdem nimmt er kein Ende.

SYMPHONY OF NOW
Mit Ruttmann die Messlatte viel zu hoch gesetzt für dieses Berlinpuzzle.

SUPER TROOPERS 2
Amtlicher Rotzbesen = Schnäuzer.

SKYSCRAPER
Dem Film ist gleich mehrfaches Katastrophenpech zu attestieren.

TV
BAYERN ERLEBEN – UNSERE KINDHEIT IN BAYERN
So kämpft der BR um seine Legitimation – nicht gerade erfolgsversprechend.

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Katastrophenpech.

Da hält das Drama um die in der Tham-Luang-Höhle eingeschlossenen Jungfußballer und ihren Trainer über zwei Wochen lang die Welt in Atem, eine ungewöhnliche Katastrophe, die sicher bald verfilmt werden wird, weil sie nicht nach Schema F abgelaufen ist und nie sicher war, ob es gut ausgeht. Sowie der spannenden Diskrepanz zwischen aktueller und nachgeschobener Berichterstattung. Da kommt Rawson Marshall Thurber (Wir sind die Millers) mit einem von A – Z absehbaren, uninspirierten Hochhausfeuer-Katastrophenfilm daher mit einem Drehbuch was nicht viel mehr ist, als ein dünner Anlass für Katastrophenbewältigungssituationen.

Unglücklicher hätte der Zeitpunkt nicht sein können. Hinzu kommt, dass der Protagonist Dwayne Johnson (Rollenname nicht weiter von Belang) statt wie bisher mit überlegenem Charme durch die Filmstoffe zu agieren und zu spazieren, diesmal versucht, Drama zu spielen, was ein echtes Drama ist und noch schwärzer wird, wenn sein Gesicht russdunkel angemalt wird.

Johnson ist Sicherheitsexperte geworden, nachdem eine FBI-Aktion unglücklich gelaufen ist. Damit fängt der Film in seinem schummrigen, dunklen 3D zehn Jahre vor der Hochhausgeschichte an. Da hat Johnson auch ein Bein verloren, weil so eine Prothese wird sich doch noch in einen Actionfilm einsetzen lassen. Das sieht dann entsprechend wenig überraschend und hundert Meter gegen den Wind kalkuliert aus.

Bevor die oberen Stockwerke des ambitioniert geschraubten Hochhausturmes „The Pearl“ in Hongkong bezogen werden können, soll Johnson die Sicherheit checken. Seine Frau und seine zwei Kinder – auch hier fehlt jedes Familiengefühl bei dem krud zusammengewürfelten Cast; es wirkt so, als sei sich diese Familie auf dem Set des Drehs das erste Mal begegnet – sind bereits eingezogen.

Ein Terrorangriff gefährdert nun Familie und Hochhaus. Der lädierte Held Johnson rettet alles, hat immer in letzter Sekunde alles im Griff, da kannste Gift drauf nehmen, egal ob er sich über Fassaden abseilt, einen Kran hochklettert, sich durch die Luft schwingt oder einen Spiegelsaal raffiniert gegen seine Gegner spielen lässt, kurz vorm Absturz bekommt er gerade noch Halt und das Feuerlöschsysstem ist so ausgeklügelt, dass es, wenn der richtige Internetzugang dazu gefunden wird, nullkommanichts den größten Brand löscht.

Die deutsche Routinesynchro hat Sätze zu sprechen wir: Wir müssen reden. Also ich muss Euch hier rausschaffen. Wir finden einen Weg. Wie lautet der Plan? Haben Sie Klebeband?

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Kein Wunder, dass dieser existenzialistisch-symbolistische Film an russische Meisterwerke erinnert, war doch der argentinische Autor des Romans Zama, Antonio di Benedetto, von Dostojewski sehr beeindruckt.

Sein Roman Zama gilt als ein Meisterwerk. Lucrecia Martel hat das verfilmt mit momentweise tarantinesken Bildern aus Patagonien und mit Daniel Giménez Cacho als Don Diego de Zama, der auch Professor genannt wird.

Zama ist auf einer Außenstation des spanischen König- und Kolonialreiches tief im Süden Lateinamerikas, wo das Land schon am Versumpfen ist, wo man noch Schwarze als Leibeigene hält und sie Neger nennt.

Einmal wird Zama als ein Held beschrieben, der ohne Waffen Frieden mit den Indianern geschaffen habe. Er ist weit vom Schuss des Kolonialreiches, er hat einen Sohn mit einer Indigenen.

Das Setting ist absurd genug, Absurdität wie im russisch-filmischen Existenzialismus geht durch den Film, Natur und Kultur gehen ein sonderbares Gemenge ein: Puder-Perücken einerseits und nackte Frauen, die sich mit Sand einreiben, andererseits; höfischer Rock, Schwert, Perücke und Dreispitz in den Dünen; Zama als Voyeur in den Dünnen.

Dass das alles direkt und mit vollem Ernst gebracht wird, das macht den Reiz und die absurde Komik aus. Die schlägt sich in Dialogen wieder.

Die stumme Sklavin von Luciana Pinares de Luenga (Lola Duenas), einer höfisch mondänen Salondame, hat sich freigekauft. Sie teilt es Zama mit, und habe sich gleich wieder in die Unfreiheit der Ehe begeben, kommentiert Luciana. Worauf Zama meint, eine Stumme könne kein Jawort geben.

Der Schreiber in dieser Außenstation, die so gar nichts Repräsentatives hat, und wenn schon, dann in armseligen Lehmgebäuden, Manuel Fernández (Nahuel Cano), schreibt statt Briefen und Berichten ein Buch. Das ist unerhört, findet der Gobernador (Daniel Veronese), der für Ordnung sorgen soll und der Zoma mitteilt, dass er nicht wunschgemäß versetzt sondern bestraft wird, weil er einen Gefangenen hat laufen lassen statt ihn zu exekutieren.

Wie der Gobernador doch einige Zeilen aus dem Buch liest, bewundert er die philosophische Feder. Allein, was mit diesem Manuskript passiert, ist ein absurder Vorgang für sich. Hat Literatur in so einer Außenlage überhaupt einen Wert, ein Gewicht, gar eine Macht?

Es sieht nicht gut aus für Zama. Er will ein Gnadengesuch an den König stellen. Das dauert, meint der Gouverneur, das erste beantworte der König prinzipiell nicht und das zweite solle man erst ein bis zwei Jahre nach dem ersten stellen. Zu viel Zeit für einen, der gerade aus seiner Residenz rausgeworfen worden ist, dessen Mobiliar enteignet. Immerhin kann er ein paar Möbel von Sklaven wegtragen lassen in die Strohhütten in den Dünen.

Seine Rettung könnte die Jagd nach dem Schurken Vicuna Porto (Matheus Nachtergaele) sein; das wird die Geschichte eines verelendenen Abstiegs, einer Verarmung und Enteignung, eines beispiellosen Niedergangs in der Pampas Pategoniens, die dafür eine großartige Kulisse bietet. Was ist das Menschliche, was ist das Kreatürliche, was ist koloniale Macht, was Liebe? Ob die Poesie von nichtiger Gewalt im Niemansland darauf eine Antwort weiß?

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Mit der Anfangssequenz aus dem berühmten Film von Walter Ruttmann „Berlin – Die Sinfonie der Großstadt“ fängt Johannes Schaff seine Berlin-Doku an, die vom Now erzählen will.

Ein rasender Zug in Richtung Berlin. Der Filmemacher will wohl der Ruttman und Chronist des Heute werden. Wobei er im Abspann seinen Themenbereich eingrenzt, er wolle ein Bild vom Berliner Kulturleben abgeben.

Nach dem Ende der Ruttmann-Sequenz bricht allerdings der Rhythmus des Filmes, der wenn überhaupt von der Musik aufrechterhalten wird, jäh zusammen. Gemütlichkeit kehrt ein anstelle von City-Hektik und Turmuhr.

Ein aufgelassenes Bahngleis wird langsam abgefahren mit der Kamera, der Schotter übersät von Herbstblättern. Bald kommen nach anderen Impressionen die in München umstrittenen Stolpersteine als Holocaust-Mahnsteine prominent ins Bild, signifikant, wie themengebend. Das verschwindet wieder bis früh morgens, da schweift die Kamera im Dämmer über die Holocaust-Gedenkstätte.

Der Film ist in 5 Akte eingeteilt, ohne tiefere Bedeutung, entlang dem Tagesablauf. Der erste Akt bringt ein Fülle von Fotoimpressionen von Berlin, altes Gemäuer, neues Gemäuer, Graffiti, Baustellen, Fassaden, Zerfallenes, Drohnenaufnahmen, Menschen, Siegessäule, Rolltreppen, Läden, Springbrunnen, Roter Teppich, Bettler, Kiez, Robotermusik, Statuen, Liegestühle, Verkehr, Demos, Tanz. Die Teams um Johannes Schaff haben mit viel Fleiss einen bunten Bilderbogen zusammengewürfelt.

Ein ordnendes Prinzip oder Thema, ein Spannungsprinzip ist nicht erkennbar, weder formal noch thematisch.

Im zweiten Akt geht es schwerpunktmäßig um die Vorbereitung für den Abend, Künstler präparieren sich, leere Theater und Kinos werden gezeigt, ohne Gewichtung, ohne Charakterisierung, beliebig.

Der dritte Akt springt zum Ende der Veranstaltungen, Übergang zum Nachtleben. Ein vierter Akt zeigt ausgiebig das Discoleben. Und der fünfte Akt ist am nächsten Morgen angelangt.

Stellvertetend für die arbeitende Bevölkerung muss ein Bäcker herhalten und ein Blick in eine Großmarkthalle muss genügen oder ein Taxifahrer. Die Stadt ist jetzt leer. Letzte Nachtzügler und Frühaufsteher.

Vielleicht hätte Schaff bei der Arbeit an seinem „Konzept“ den Ruttmann nochmal genau studieren sollen, was den Reiz und die Haltbarkeit über Jahrzehnte seines Filmes ausmacht. Schaff scheint zwar begeistert von Ruttman, das gibt er zweifellos zu erkennen. Aber er verstrickt sich in seiner Begeisterung für Berlin als Kulturstadt; auch persönliche Vorlieben und Bekanntschaften mögen eine Rolle spielen.

Man spürt förmlich das Bemühen, Berlin und seine Kultur als attraktiv darzustellen; mit dem gegenteiligen Effekt, dass man eher froh ist, nicht dort zu sein. Begeisterung für eine Sache ist eines, diese Begeisterung filmisch umzusetzen, dass auch Leute von anderswoher das verstehen können, ein anderes. Ordnungssystem: die Bilder schwimmen wie Fettaugen auf der Citysuppe.

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Amtlicher Rotzbesen,

das wäre noch schmeichelhaft für diesen Film von Jay Chandrasekhar (plus vier Drehbuchmitarbeitern oder Witzentwicklern oder Comedy-Gags-aus-dem-Abstellraumhervorholer), eher müsste man der derben Komödie einen ziemlich langen Bart attestieren, was die Originalität ihrer Gags und Situationen betrifft.

Hauptsache die Akteure haben Spaß dabei. Der Plot steht schon auf so unsicheren Füßen, dass darauf nur gewackelt und gewedelt werden kann.

Eine bei der Polizei ausgemusterte Truppe, die eine Waldhütte bauen soll, wird für einen Spezialauftrag reaktiviert, bekommt sogar eine zweite Chance.

Eine mysteriöse Verschiebung der Grenzsteine zum kanadischen Ort Saint Georges hin auf kanadisches Gebiet, soll polizeihoheitlich von den USA beaufsichtigt werden.

Ferner spielen mit: der Alptraum mit Juicy Lucy, ein Bär, ein korrupter kanadischer Bürgermeister, ein Bordell, Elektrisierscherze, Schmuggelware (Drogen), Gewehre, unausgelebte Sexualität, Kastrationsangst, Schnauzervergleiche, ein Kuh-Sägewerk (scierie de vache), sowie drei kanadische Polizisten, die verarscht werden – so hört sich das gar nicht so ideenarm an wie es auf der Leinwand wirkt.

Geschmiert werden soll die Komödie mit dem unstillbaren Rückgriff auf die Differenz zwischen Amerikanisch und kanadischem Französisch in parodierend-veralbernder Absicht.

Im Bühnenbild dominiert buntes Herbstlaub.

Die deutsche Synchro spreizt sich wie Arthrose in die Hörgänge.

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Armseligkeit.
Dekoration statt Dramaturgie.

Früher gab es den Stream of Consciousness, einen Begriff aus der Literatur, der das umfasst, was im Kopf eines Menschen vor sich geht an pulsierendem Bewusstseinsstrom, was ihn bewegt, ja, was ihn ausmacht.

Heute in der Zeit des reduzierten Menschenbildes von IT oder Mensch-4.0 heißt das The Language of many others. Das stellt sich im Film bildlich und akustisch dar als ein hübsches Ineinanderdesign collagierter Bilder von hauptsächlich Chat-Texten und simplen Sätzen von Bekannten und Verwandten des Protagonisten Karl, genannt Logo (Jonas Dassler), Abiturient. Wirklich hübsch gebastelt und ein nettes Einsprengsel in die dünne Handlungsskizze.

Lomo veröffentlicht Intimbilder seiner Eltern im Internet. Das hat Folgen. Das zeigt, was Julia Langhof, die mit Thomas Gerhold auch das Drehbuch geschrieben hat, beabsichtigt: einen Themenfilm darüber zu machen, wie Social Media und Internet in das Leben der Menschen eingreifen und es verändern, mithin, wie gefährlich sie werden können.

Wie sie offenbar auch den Stream of Consciousness versimplifizieren, wobei Langhof nicht dezidiert darauf referiert. Insofern bietet der Film vielleicht intitutiv und mehr dokumentarisch ganz ungewollt ein Abbild einer geistig verödenden deutschen Elite.

Der Vater von Lomo (Peter Jordan) ist Architekt. Aktuell steht ihm das Wasser bis zum Hals und wenn er beim nächsten Wettbewerb nicht den Auftrag erhält, muss er das Haus verkaufen. Lomos Mutter (Marie-Lou Sellem) hat einst Musik studiert, sie tönt so etwas an im Zusammenhang mit einem Klavier, das transportiert wird.

Lomo hat noch eine Schwester, Anna (Eva Nürnberg). Er verliebt sich in Doro (Lucie Hollmann). Deren Eltern haben Einfluss auf die Entscheidung des Architekturwettbewerbes. Das benutzt der Film für einen späten Twist und eine Eklat-Szene.

Lomo hat schöne große Augen, einen bemerkenswert starken Unterkiefer und sieht mit seiner Mähne unschuldig sinnlich aus. Die Regisseurin hat bestimmt Gefühle zu ihm entwickelt und kann sich nicht satt sehen an ihm, vorzüglich leicht untersichtig und leicht seitlich aufgenommen. Wobei das zum Tragen eines Filmes nicht ausreicht. Auch wirkt der Darsteller ab und an selbstverliebt.

Aber da ist das Drehbuch davor. Die deutsche Drehbuchkrankheit des Themenfilmes. Man nimmt sich ein Thema vor und erfindet Menschen, die das zu illustrieren haben.

Wenn die Regisseurin dann zusätzlich ihre zwar oft zweckmäßigen Knappsätze alle im gleichen Ton wegsprechen lässt, so entsteht das Bild von roboterhaften Menschen, denen just das fehlt, was Menschen interessant (auch für ’s Kino) und das Leben mit ihnen lebens- und liebenswert macht.

Insofern wirkt der Film wie ein Musterbeispiel einer Musterschülerin einer Filmschule: mit unendlichem Fleiss und auch technischer Spielereilust, die den bescheidenen und unausgereiften Plot unter sich erdrücken, werden Bilder hergestellt, postproduktiv behandelt und montiert, wobei von Montage heute wohl kaum mehr gesprochen werden kann, sondern mit Klicks an- und ineinandergereiht.

Das Resultat ist freilich so dekorativ wie belanglos. Als ob die Regisseurin das Thema mit sterilen Alltagsszenen und Sätzen, die wie mit der Pinzette behandelt werden, zu einem anprechenden, aber einen nicht weiter beschäftigenden Wandgemälde zusammenstellt. Bedrucktes Frottiertuch; Artikel aus der Haushaltsbedarfs- und Textilindustrie.

Man sieht dem Film die Arbeit, den Einsatz, den Fleiss an (Beispiel die Waschanlagenszene, wie ein eigener Kurzfilm; aus dem Handlungszusammenhang ergibt sich allerdings nicht der geringste Anlass für einen Autowasch), sie scheinen es einzig wegen der dadurch möglichen Bilder zu tun, allein, wo ist die Botschaft, wo ist das Entzücken über das Leben, die Verwunderung über die menschliche Natur, wo ist deren Beobachtung abgeblieben?

Dekoration statt Dramaturgie. Am liebsten essen sie in dieser deutschen Elite Spaghetti. Am schönsten hat im deutschen Kino immer noch Hannelore Elsner bei Rudolf Thome Spaghetti in den Topf gegeben. In der Toskana selbstverständlich. Da haben sie noch vom Paradies geträumt.

Kein Untertext. Keine Zwischentöne. Eindimensionales Menschentum. Thesendekoriermenschentum.

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Ein gutgemeinter Antikriegspropagandafilm mit den unangenehmen Begleiterscheinungen eines Propagandafilmes: Message statt Vérité, überzeichnete und stilisierte Realität, hier aus der Horrorperspektive mit Schocksoundunterstützung anstatt Differenzierung und Menschenbeobachtung, wobei die Ausflüge ins Groteske und Absurde noch zum Angenehmsten gehören.

Aber auch ein Film, der bei aller Armee- und Militarismuskritik niemandem weh tun dürfte, der ganz nach dem Geschmack des linksliberalen Intellektuellentums ist. Das geht auf Kosten von Humor, Herzlichkeit und Menschlichkeit. Insofern der Krieg unmenschlich ist, gibt er ihm recht.

Die Menschlichkeit, das gelöste Lachen, die Tränen und das Haschpfeifchen (und damit wohl auch das Erwachen der Erotik aus dem Dornröschenschlaf) kommen – und das wirkt wie ein Treppenwitz der Geschichte und ist auch als solcher geschrieben und inszeniert – erst in dem Moment ins Spiel – A C H T U N G S P O I L E R! – wie klar wird, dass Sohn Jonathan eben nicht gefallen ist, sondern lediglich Opfer eines Verkehrunfalles wurde. Das ist doch viel menschlicher, so ein Tod, als der des Kriegsopfers, soweit die Moral dieses Filmes von Samuel Maoz in einer israelisch-schweizerisch-deutsch-französischen Koproduktion.

Die Story ist die: Sohn Jonathan (Yonaton Shiray) von Michael (Lior Ashkenazi) und Daphne (Sarah Adler) Feldmann ist im Kriegseinsatz gefallen. Das wird in einer maximal horrorlookigen Szene von einem Offizier den Eltern mitgeteilt und in überzeichneten Details erzählt.

Es bleibt für den Zuschauer genügend Zeit, zu überlegen, bei welchem Kriegsverbrechen der israelischen Armee ihm das wohl zugestoßen ist, ob er gezielt auf die Herzen von Demonstranten geschossen hat oder bei einem Raid in Palästinensergebieten.

Es bleibt Zeit genug für plausible Antikriegsphilosophie. Die Info stellt sich allerdings als Ente heraus. Jetzt müssen die Feldmanns, da ist der Bruder Avigdor (Yehuda Almagor) und die deutsch sprechende Mutter (Karin Ugowski), sowie Schwester Alma (Shira Haas), ihre Trauer zurückfahren und damit hat der Film sein Horrorpulver verschossen (die Schockuntermalung von Geräuschen, das übergroße Insbildsetzen eines Schraubenziehers im Sinne eines Mordinstrumentes oder eines Wassertropfens wie einer tödlichen Bombe nebst Kameraperspektiven von der Decke oder durch lange Flure).

So wendet er sich dem mehr grotesk-absurden Dasein von Soldaten in der Wüste an einem Versorgungsweg zu. Die Schranke im Niemandsland veranstaltet einen Lärm wie eine knarzende Tür im Horrorfilm, damit das freischaffende Kamel unten durchschreiten kann.

Grotesk ist die Situation mit dem allmählich im Sand versinkenden Aufenthaltscontainer der Soldaten, hier blitzen persönliche Gespräche auf; um das aber nicht zu vertiefen und das Plakative und Zeigefingerhafte des Filmes nicht zu verlieren, passieren ab und an Autos, die den Kontrollmechanismus ins Leere laufen lassen; vielleicht als Ansatz von Parodie gedacht.

Dann gibt es noch einen Fall von Hysterie wegen einem Horrorgeräusch mit Todesfolgen, auch das eine Alltäglichkeit. Worauf der junge Jonathan, um den sich die Aufregung seiner Familie dreht, sich auf seinen letzten Weg macht.

Weil der Film Foxtrot heißt, spielt der ähnlich geschriebene Tanz die Rolle eines Running Gags mit Variationen und einem Highlight von Grotesk-Tanz, Soldat mit Gewehr in der Wüste. Was könnte man sagen, wie über die Philosophie gemunkelt wurde, das Kino hat die Welt nicht verändert, es hat sie nur verschieden interpretiert.

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Was die Liebe alles vermag.

Intensives isländisches Gefühlskino von Baltasar Kormákur (Everest, Contraband) nach dem Drehbuch von Aaron und Jordan Kandell, David Branson Smith nach dem autobiographischen Roman der Amerikanerin Tami Ashcraft, die die Geschichte erlebt hat: über 40 Tage auf einem Segelschiff allein auf dem Pazifik nach einem Schiffbruch.

Tami wird eindrücklich gespielt von Shallene Woodley, ihr Freund Richard von Sam Claflin, ein junger fescher Brite, strahlende Augen, schwarzer Bart, breites Lachen mit blendend weißen Zähnen, abenteuerliebend und entwaffnend zugleich. Er ist mit einer selbstgebauten Jolle schon lange auf den Weltmeeren unterwegs.

Auf Tahiti begegnen sich die beiden. Auch Tami ist abenteuerlustig unterwegs, nur nicht zurück in die Heimat, sich durchschlagen mit Jobs.

Bei der ersten Begegnung springt der Funke gleich über. Vielleicht, gerade aus dem Grund, weil keiner der beiden sich auf irgend eine bestimmte Liebe mit genauen Vorstellungen fixiert hat, weil sie offen sind. Weil sie nicht besonders leiden unter ihrem Zustand.

Was beide verbindet, das stellt sich im Laufe des Filmes heraus, das sind schwierige Verhältnisse zuhause. Das dürfte die Liebessehnsucht verstärken, die Bereitschaft, sich radikal auf eine Liebe einzulassen, ohne großes Federlesens. Tami ist bereit, sich treiben zu lassen, sie ist bereit, mit Richard mitzufahren.

Ein Angebot eines älteren Ehepaares, das Richard kennt, gibt der Geschichte eine andere Richtung, er soll deren Boot Mayaluga nach San Diego überführen. Eigentlich will Tami da noch nicht zurück, aber ein Erstklasse-Rückflugticket lässt sie umstimmen; dass sie mit darf, ist die Bedingung, unter der Richard den Auftrag annimmt.

Ein Sturm führt zum Schiffbruch; Richard wird über Bord gespült. Er hat Tami vorher in einem Gespräch gesagt, dass längeres Alleinsegeln zu Halluzinationen führen kann. Das wird ein wichtiges Element im Bewältigen der 40 Tage, so lange, wie Jesus in der Wüste war, aber hier geht es nicht um Religion, hier geht es einzig um die Kraft der Liebe, das bestärkt auch immer wieder der Musikscore von Miles Davis bis Tom Waits.

Das Boot als ewiges Liebessymbol (in sein Gegenteil verkehrt in Am Strand – Chesil Beach)

Der Flm erzählt, dass eine Liebe, die Menschen gehabt haben, ihnen keiner mehr wegnehmen kann, dass sie sie für lange noch tragen kann. Er singt das Loblied der Liebe eines Überlebensbootes, einer Liebe – obwohl es einen Heiratsantrag gibt – die sich nicht an Maßstäben von Hochzeit und Ehe bemisst, sondern als einer extraordinären Begegnung zweier Menschen, die zum Vornherein gewisse Verbindungen haben, was sich wohl im allerersten Blick bereits abcheckt und verifiziert.

Ein Film, der die umfassende Gefühlswelt von Liebe umrundet; immer trägt sie den Menschen und verbindet sie. Und klar gehört dazu nicht nur Katastrophe, sondern auch Sonnentunergang, Shoppen, Essen, Kochen, Lachen, Segeln. Die zerstückelte Erzählweise mit überraschenden Rück- oder Vorblenden unterstützt den Eindruck, dass es vor allem um den Versuch geht, umfassend über die Gefühle von Liebe und ihren Sinn zu berichten.

Der Film kann mit dieser seiner eigenen Gewichtung und seinem Augenmerk allein auf der Kraft der Liebe spielend mithalten mit anderen Allein-auf-dem-Meer-Filmen wie All is Lost von Robert Redford (der großartig eine Alte-Mann-und-das-Meer–Tragödie spielt), Life of Tie – Schiffbruch mit Tiger von Ang Lee (der sich vor allem auf 3D fokussiert) oder die deutsche Produktion Styx (die den Aspekt der Flüchtlingsboote ins Zentrum setzt – demnächst im Kino).

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Ja, der Mensch ist ein Abrund, das kann man wohl sagen.“ (Margarethe von Trotta in diesem, ihrem Film)

Eine Zopf-Doku bestehend aus zwei Archivfootage-Collagen und einem Dokutourismus-Movie der Filmemacherin Margarethe von Trotta und ihrem Sohn Felix Moeller auf den Spuren des großen schwedischen Filmemachers Ingmar Bergman (Familientrip auf Filmförderkosten).

Aber Frau von Trotta begibt sich nicht nur auf die Spuren von Ingmar Bergman, das ist die kleine Schizophrenie an diesem Film mindestens im Hinblick auf den Titel, denn sie findet ihren eigenen, vergangenen und wohl etwas verblassten Ruhm. Sie findet Belege dafür, dass sie in Cannes einmal, es scheint Jahrhunderte her, Furore gemacht hat, sie findet das Programm eines von Ingmar Bergman kuratierten Festivals mit einem ihrer Filme (Die Bleierne Zeit) an oberster Stelle.

Und sie findet in Schwabing in der Nähe des Englischen Gartens ein altehrwürdiges, bürgerliches Wohnhaus, vor welchem sie stehenbleibt, sich ablichten lässt und dabei erzählt, dass hier in einer Wohnung im x. Stock Ingmar Bergman einsten ganz fest und lange ihre und Volker Schlöndorffs Hände gedrückt habe. Wenn das nicht nach einer radikalen Neuinterpretation des Werkes von Bergman schreit.

Es ist nicht ganz klar, ob diese Einschübe kleinmädchenhaft naiv oder gar schon abgehoben präsenil sind, für die Bergman-Exegese jedenfalls nur bedingt hilfreich. Oder versucht hier eine Filmemacherin mit aller Gewalt, sich einen früheren Status zurückzuhologrammen?

Dabei fängt der Film nicht übel an. Mit Szenen aus einem frühen, nordisch-düsteren Schwarz-Weiß-Film von Bergman und einer Überschneidung mit einem Besuch von Frau von Trotta am damaligen Drehort am Meer. Eine Szene zwischen Ritter, Knappen und Tod aus Das Siebente Siegel.

Dabei beschreibt sie an Originalstellen, während die Filmclips eingeblendet werden, die Szenen, Bilder und Vorgänge, ein antörnender Versuch von Filmbeschreibung.

Aber leider verflüchtigt sich dieser ansprechende Ansatz sogleich. Die Verzopferei geht weiter. Der hochkarätigste Strang sind die Originalausschnitte aus den Filmen von Bergman und, was mich am meisten fasziniert, ist der Strang aus Making-of-Footage, Bergman bei Dreharbeiten und in Interviews, was zweifellos die größere Rarität ist und ein erweitertes Bild des Regisseurs abgibt.

Der Interview-Tourismus-Strang ist sozusagen die Klatschspalte des Filmes. Frau von Trotta trifft ehemalige Darstellerinnen, Mitarbeiter und Nachwuchs von Bergman. Und bei all den bergmanschen Frauenbeziehungen und Kindern huscht einem der unanständige Gedanke durch den Kopf: wie produktiv war die Filmwelt doch vor Me-Too!

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