Angefressen.

Dieser Film von Finlay Pretsell ist der faszinierende Versuch, sich mit dezidiert filmischen Mitteln und im ergiebigen Breitleinwandformat in die Welt des britischen Ausnahmeradrennfahrers David Millar hineinzudenken und hineinzufühlen, diese „Angefressenheit“ durch den Radsport im besten Sinne mit radikaler Konzentration und maximaler Perfektion bildlich-akustisch und textlich nachvollziehbar zu machen.

Es ist ein filmisch-dokumentarisches Experiment weit mehr als die üblich gängige Heroisierung oder Denkmalsetzung für Helden des Sportes und unter Verzicht auf diese kaum noch zu ertragende Ineinvanderverzopfung von Archivmaterialen, Interviews und Statements zugewandter Orte.

Der Film ist ein filmisches Eintauchen in das sündige Radfahrergenie aus Schottland. Er ist eine aufregende Collage aus Tourimpressionen, filmisch und von der Kadrage her nie beliebig, immer faszinierend ausgewählt und gesetzt, aus vielen Details vor dem Rennen und nach dem Rennen, auch arrangierte Szenen aus dem Zweierzimmer, GoPro als subjektive Renneindrücke sowohl mit Minikamera am Fahrrad mit Blick auf die Straße oder die Fahrer davor oder mit Blick zum schnaufenden Fahrer.

Details von Reifenwechsel, Begleitfahrzeugen, das trickreiche Anziehen der Regenjack während der Fahrt, sogar relaxter Smalltalk mit anderen Mitfahrern beim Rennen, fliegende Versorgung mit Nahrung und Wasser, die fürsorgliche Getränkeflaschenverteilung an die Mitglieder seines Teams oder das taube Gefühl in der Hand.

Es gibt ein rückblickendes Interview, eine trancehafte Discoszene, die befreiend wirkt, nach dem Ende der Karriere. Wie Millar mit 15 sein erstes Rad erhalten hat, war er vom Moment an gepackt vom Rennfieber.

Einmal wollte er wenigstens die Tour de France fahren. Es seien 12 daraus geworden und – so deutet es der Film an – die dreizehnte wurde mit einem Sturz auf regennasser Straße beendet.

Millar hatte eine Dopingaffäre durchzustehen, eine darauf folgende zweijährige Sperre, er ist offen und offensiv damit umgegangen, schaffte ein Comeback und machte die bittere Erfahrung, dass die Kräfte nicht mehr so sind, wie die des Nachwuchses.

Der Film wirft nur einen kurzen Blick auf das Siegertreppchen mit David oben, der selber fassungslos ist und damit nicht gerechnet hat. Er beleuchtet das Gefühl des Rennfahrers, was ihn fasziniert, ob Rennenfahren Freiheit sei oder Kette. Der Film vermittelt hautnah das Gefühl des Pelotonfahrens („a weird beast“), dieses Blockfahrens nach dem Start und wie die Teamchefs versuchen, Ausbruchsversuche zu verhindern.

Dann die Ausbruchsversuche oder das Gefühl, ganz vorne allein in eine City einzufahren, ein erhabenes Gefühl, dagegen das klaustrophobische Erlebnis mit den Bergfahrten, den endlosen Serpentinen, die Zuschauer dicht an dicht vor dem Pass.

Es ist ein Film, der ein vielseitiges und differenziertes Bild vom Radrennfahrer und seiner Position im gigantischen Radrennzirkus entwirft. Und weil Millar zuviel nachdenkt, was beim Rennen nicht unbedingt hilfreich ist, ist er mit seinen Reflektionen umso ergiebiger für das filmische Porträt.

Den Film taucht Finlay Pretsell in einen vibrierenden Dauerdrive-Stresssound von Dan Deacon.

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