Vom Ende einer Geschichte – The Sense of Ending

Als noch der Postbote klingelte.

Das kann nur das Kino. Und mit diesem beiläufigen Humor kann es nur das britische Kino. Ein attraktives Porträt zu zeichnen von einem zum Griesgram prädestinierten Alterling, der sein vermeintlich nicht gelebtes Leben doch noch leben, eine unvollendete (Liebes)Geschichte zu einem Ende bringen möchte, wie der Titel andeutet.

Bei all seinen unangenehmen Eigenschaften und seiner nicht gerade explodierenden Altersattraktivität gibt er nicht auf. Das macht ihn schon mal sehr menschlich. Und bietet keine Chance für ein Klischee. Auch wenn er nervt.

Durch einen Brief kommt die Story in Gang, durch Briefe wird sie vorwärtsgetrieben und am Laufen gehalten. Der Postillon klingelt in diesem Film noch und er verlangt die Unterschrift auf so ein komisches Gerät; er ist noch der postillon d‘ amour. Aber: einer vergangenen Liebe.

Insofern hat der alt gewordene Liebhaber Tony Webstern (Jim Broadbent) ein Ersatzleben geführt. Er hat seiner großen, nie realisierten Liebe Veronica (als jung: Freya Mavor) „einen Schrein“ gebaut, indem er einen kleinen Handel mit gebrauchten Leicas betreibt. Mit so einer hat sie ihn fotografiert, als sie als Studenten miteinander zugange waren, nie aber intim zueinander fanden.

Realisiert hat die Liebe mit dieser Frau stattdessen sein bester Studienfreund, der philosophische Adrian (Joe Alwyn). Worauf Tony unfreundlich reagiert hat – die Post spielt eine Rolle dabei. Daraufhin hat Adrian sich umgebracht.

Inszeniert hat den Film Ritesh Batra (Lunchbox) nach dem Drehbuch von Nick Payne nach dem Roman von Julian Barnes.

Eine Facette des Humors des Filmes zeigt sich in einer Szene, die hinter einem Computerbildschirm aufgenommen ist, wie Tony und zwei weitere ältere Herren, die damals mit ihm Studenten waren, den Internetverächter Tony in das Aufspüren ehemaliger Klassenkameraden einführen: ein Theater für sich, die drei ergrauten Köpfe und darin ihre Erinnerungen und Kommentare und Vermutungen zu damals.

Jetzt, Jahre später, erhält Tony einen Brief aus dem Nachlass der Mutter von Veronica, von Sarah (Emily Mortimer), auch sie war damals eine selbst für Studenten höcht attraktive Frau. Da Tonys Ex Margaret (Harriet Walter) Anwältin ist, konsultiert Tony sie für die Recherche, denn die Absenderin Veronica bleibt vorerst unauffindbar.

So spannen sich die Fäden, Fährten und Entwicklungen, verfolgte und nicht verfolgte und entwerfen dabei ein vielschichtiges Bild von Tony und seinem ungelebten Leben, seiner nie vollendeten Geschichte, was nachzuholen in ihm plötzlich die Hoffnung – und den Jagd- und Stalkingtrieb – weckt.

Als kurioser Ablenker und Bewahrer vor tierischem Ernst funkt immer wieder ein Seitenstrang in die Geschichte hinein. Tonys lesbische Tochter Susie (Michelle Dockery) ist schwanger. Und da ihre Mutter nicht abkömmlich ist (Gips am Bein), soll Tony sie zum Geburtsvorbereitungskurs in einen Kreis lesbischer, werdender Mütter begleiten.

So wird Tony bald schon die Chance erhalten, wie bisher am Leben vorbei, Opa zu werden, allerdings wird er dieser vertanen Möglichkeit kaum je nachtrauern können, weil es dann einfach zu spät ist.

Weiteres Beispiel für den leichten Umgang damit, wie das Leben Szenen erleichtern, anreichern oder davor bewahren kann, todernst zu werden: bei einem Gespräch mit der alten Veronica in einem Lokal spielen an einem Nebentisch Kinder, indem sie rhythmisch nervend auf den Tisch hauen und Tony ganz erbost ruft: der Zoo ist dort drüben! — das Leben spielt am Nebentisch….

Der Film zum Brexit? Das ist ja auch der Ausstieg aus einer Geschichte.
Literarische Referenz (und Verortung) Dichter Dylan Thomas
Für allfällige Stalker: Veronica steigt an der Highgate Station aus.
Oder: freie Seniorenradikale?
Tragédie humaine: ist er nie richtig Mensch geworden?
Unerbaulicher Typ, der sich immerhin entschuldigt.

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