Archiv für Juni 2018

Reichhaltig. Eine Animation für Kinder, eine Dokumentation über eine verstreute Familie, eine erfolgreiche Paartherapie, gleich und doch anders im Coming-of-Age, eine magazinhafte Fotografenhommage, ein stehengebliebener Actionfilm sowie Liebäugeln mit dem Coming-of-Age im deutschen Subventionstümpel.

ELIAS DAS KLEINE RETTUNGSBOOT
Durch eine Heldentat lernt klein Elias, das Rettungsboot, die dunklen Seiten des Ruhmes kennen.

GLOBAL FAMILY
Der Krieg hat diese Familie aus Somalia überallhin zerstreut.

DIE WUNDERÜBUNG
Eine witzige Übung in Paarthearpie.

LOVE, SIMON
Themenfilm über Coming-of-Age und -Out im Spießermilieu in perfektionierter Alltags-Oberflächlichkeit.

LOVE, CECIL
Narziss, Ästhet, Exzentriker, Fotograf, Hollywood-Ausstatter; sein Werk ist immens und bringt die Doku zum Überquellen.

RENEGEADES – MISSION OF HONOR
Actionhandwerk deckelt geistigen Stillstand zu.

MEINE TEUFLISCH GUTE FREUNDIN
soll in Birkenbruch Herzlichkeit lernen. Moralfilm für Teenies.

Comments Kein Kommentar »

Gekonnt stehengeblieben.

So macht man einen Action-Film, will uns Steven Quale möglicherweise nach dem Buch von Richard Wenk und Luc Besson erzählen. So macht man Unterwasseraufnahmen von der Suche nach einem Goldschatz, den die Nazis 1944 in Paris geklaut und in Bosnien Herzegowina in einem Dorf versteckt haben.

Der Nazigoldschatz ist bei der Haupthandlung des Filmes, die 1995 spielt, allerdings mitsamt dem Dorf unter Wassermassen versunken. Wobei ein kleines Logikproblem auftaucht, denn die Überschwemmung ist ein Sabotageakt, auch der schnell ins Bild gesetzt, des Widerstandes gegen die Nazis in Jugoslawien.

Der Staudamm wird gesprengt, aber merkwürdigerweise fließt das Wasser nicht ab, sondern baut – ganz von sich aus? – einen neuen Stausee, unter dem das Dorf samt Schatz versinkt. Muss ja sein, weil sonst wäre es viel weniger interessant, Suche und Hebung des Schatzes zu verfilmen. Die passiert dann allerdings höchst tüftelig, richtig filmmäßig und dann doch nicht so richtig nachvollziehbar, wie die paar Protagonisten, US-Seals mit einer Frau zusammen, die den Tipp von ihrem Großvater hat, innert weniger Stunden total improvisiert den Schatz heben aus 40 Metern Tiefe in einer phyiskalisch mittels einer nicht richtig nachvollziehaberer Luftglocke, die mit der versunkenen Kirchenglocke und dem Kirchengewölbe zusammenhängt.

Und lange nachdem sie aufgetaucht sind unterm Unterwassergranatenhagel von Verfolgern, befinden sie sich endlich in der Dekompressionskammer. Irgendwie überrascht mich das, dass man erst auftaucht, dann einen Flug macht und erst Stunden später, wie es scheint, in die Dekompressionskammer geht. Man lernt nie aus.

So richtig klar wird nicht, was Besson dazu bewogen hat, das Buch zu schreiben und den Film zu produzieren. Was ihn daran fasziniert, eine merkwürdig verstaubte Soldatenkumpanei zu beschreiben, einen Colonel, der voll abgelutscht plumpe Sprüche loslässt, eine stereotype Liebesgeschichte reinzuschreiben, die bösen Jugos klischeehaft als finstere, düstere Gesellen zu charakterisieren und an der deutschen Synchro zu sparen, so dass diese den Klischee- und Stereotypieeindruck noch verstärkt.

Fantasterei über ein abgestandenes Motiv? Wer will sich so etwas anschauen – Leute, die in den 70ern stecken geblieben sind? Soll der Film vielleicht nur wegen dem DVD-Verkauf ins Kino gebracht werden, als flankierende Werbemaßnahme? Das ist so ein Film, wenn man mal kurz rausgeht während der Vorführung, so vermisst man so gar nichts, so wundert einen so gar nichts bei der Rückkehr in den Kinosaal, so überrascht einen so gar nichts.

Aufgemotzte und musikalisch massiv zubetonierte Action mit wenig phyiskalischer Glaubwürdigkeit.

Besson scheint vollkommen uninspiriert ans Werk gegangen zu sein. Oder er hat, weil die Möglichkeit gegeben ist mit seinem Namen, diverse Fördertöpfe gemolken. Garantiert keine Herzensangelegehnheit. „Einen feuchten Furz wissen Sie.“ „Bitte fangen Sie jetzt nicht an, mit Ihren mickrigen Dödels rumzuwedeln“.

Comments Kein Kommentar »

Der Stoff von Hortense Ulrich hat bestimmt Erzählwert in unserer auseinanderdriftenden Gesellschaft, in der sich im Wohlstand herausbildenden neuen Klassengesellschaft.

Hier in der Wolkenkratzer-City die reiche, böse, boshaft-herzlose Geld- und Geschäftswelt, vertreten durch Teufel (Samuel Finzi) und dessen verwöhnte Tochter Lilith (Emma Bading), dort im beschaulichen Backsteindorf am Meer das einfache Leben, vertreten durch Familie Birnstein (Janina Fautz als Mutter, Oliver Korittke als Vater und Alwara Höfels als Tochter Sibylle).

Teufel will, dass seine Tochter, bevor sie ins Unternehmen einsteigt, die Menschen im Sinne des einfachen Volkes kennenlernt. Er bringt sie temporär bei den Birnsteins unter, der Vater verkauft Gemüse auf dem Markt, die Mutter macht in Strick, die Tochter ist die Naive vom Lande.

Lilith wird sich alle Chancen beim Vater eröffnen, wenn sie sich böse verhält und keine Gefühle zeigt. Diese zu messen gibt ihr der Papa eine Art schwarze Boccia-Kugel mit, die beim Ausbruch von Gefühlen flammend rot zu flackern anfängt wie ein Vulkan kurz vorm Ausbruch, schon sinnig, denn so gefährlich sind Gefühle.

Papa chauffiert sein böse sein sollendes Töcherechen höchst persönlich und liefert es bei Birnsteins ab. Somit erhalten die gegensätzlichen Menschen- und Lebensbilder freie Bahn, aufeinanderzuprallen.

Die moralische Intention eines solchen Konstruktes ist von weit her ablesbar: das Herz des harten Töchterchens wird weich werden und sie wird sich sogar verlieben in Samuel (Ludwig Simon). Und der geneigte Zuschauer wird für sich die Lektion mit nach Hause nehmen, dass es besser ist, aufs Herz zu hören, statt sich nur ums Geld und den Besitz zu kümmern und überhaupt, dass der Mensch von Natur aus gut sei – wobei die Frage gar nicht erst gestellt wird, was denn den Menschen so böse macht.

Es ist nicht ganz einfach, das so herauszupräparieren, da Marco Petry, der mit der Buchautorin Hortense Ulrich auch die Drehbuchfassung herausklamüsert hat, im auffälligen Versuch des Anbiederns an die der Jugend unterstellte Powerhektik und Reiß- und Knall-Effektenverliebtheit (mittels heftiger Schnitte, zu knapper Szenen, hochfrisierter Sprechweise als Symbol für die Bösheit von Lilith, sowie Klischeetexten und teils überrißener Figurführung – ist ja auch schwierig zu spielen, so ein Töchterchen), den Stoff hinter der aufgedonnerten Machart verschwinden lässt, so dass maximal ein affiger Zielgruppenfilm für Teenie-Girlies im Kreischalter daraus geworden ist.

Teenie-Schmonzetten-Schnulze.

Der Regisseur gibt aufdringlich zu verstehen, dass er dem Teenie-Alter verhaftet, vielleicht nostalgisch verhaftet ist, denn mit seinem Erstling „Schule“, in dem er sein eigenes Coming-of-Age verarbeitet hat, hat er sich im Subventionstümpel einen Namen gemacht, den er offenbar glaubt bestätigen zu müssen, indem er solchen Stoffen hinterherhechelt, damit er sein Einkommen weiter sichern kann aus den wichtigttuerisch im Anspann daherkommenden vielen Fördertöpfen.

Die Musik kommt aufdringlich aus dem Wohlfühlmuspot, versucht Jugendstimmung herzustellen; Wohlgefühl aus der Mayonnaisetube.

Oft wirkt der Film eher wie eine Übung an einer Filmhochschule, mit nicht allzuviel Schauspielerführung und breit ausgewalzten Schulstreichen, Juckpulver gegen Klassikkonzert, damit das öde Klischee einer Girlie-Gesangsgruppe seinen Auftritt bekommt. Aber: vergebliche Suche nach dem cineastischen Juckpulver.

Comments Kein Kommentar »

No difference,

schwul ist genau so spießig wie hetero in diesem Film von Greg Gerlanti nach dem Drehbuch von Elizabeth Berger, Isaac Aptaker nach dem Roman „Simon vs. The Homo Sapiens Agenda“.

Es geht um das Coming-of-Age und Coming-Out von Simon (Nick Robinson), der gezielt mit einem Typen besetzt wurde, der zwar absolut kein Macho ist, aber auch keine dieser typischen, femininen Schwuleneigenschaften raushängen lässt. Schwulität ist bei ihm erst Fantasie und Sehnsucht. Praxis gibt es noch keine.

Simon wächst in einem Spießermilieu auf, Mittelstand, eigenes Haus, Hund, kleinere Schwester, Papa dieser typisch amerikanische Sportsmann und Mama, wie die Mamas so sind, hat wohl auch Zeit beim Schönheitschirurgen verbracht, zumindest für die Lippen.

Gerlanti erzählt Simons Geschichte in flapsig-atemloser Art, die alltägliche Gedankenlosigkeit indiziert. Ständig ist alles in Bewegung, es wird durcheinander geredet, nie gibt es Stillstand, Szenenstillstand, es ist diese vermutete, unterstellte Lebenswahrnehmung eines protoyptischen Teens. Heute noch beschleunigt durch die Chatkommunikation, die ständige Erreichbarkeit, die ständige Hoffnung, angemailt zu werden.

Simon Spier (wie der berühmte deutsche Komödienmensch Wolfgang Spier) lernt in einem anonymen Chat Blue kennen, der sich selbst genau so beschreibt, wie er sich sieht: er ist wie alle anderen, angepasst, unauffällig (das ist der Schauspieler auch) aber innerlich ist etwas anders, er sehnt sich nach Jungs.

Die Inszenierung stellt das gar nicht heraus. Das ist der große Gegensatz zu Call me by your name, in welchem die Geschichte als rein sinnliche Erfahrung, als Gefühlsabenteuer erzählt wird und ganz ohne moralischen Zeigefinger.

Während hier bei Gerlanti das Moralische, das Sollen zum Coming-Out ganz groß präsent ist, die christliche Ethik und Toleranz, dass jeder sein Glück finden muss und dazu stehen soll. Und dass er es so oder so dürfe, aber es auch sagen solle; denn wie man sieht, tut sich die Gesellschaft immer noch schwer mit dem privaten Glück, möchte über es herfallen oder möchte, dass es öffentlich bekannt wird.

Das ist das Spießig-Moralinische an diesem Film, der diese seine Lektion aber fesselnd zu bringen versteht in einer an sich strapaziösen Alltäglichkeit, die Erpressung und Geheimnisausplauderei übers Internet genauso beinhaltet, wie die bösartige Verspottung von Schwulentum, sehr frühes Outing oder hinterlistige Verkuppelungs- und Beziehungszerstörungsversuche.

Garniert wird die Geschichte durch Momente aus dem Musical Cabaret, welches das Schultheater einübt und durch Takeaway-kaffeeselige Fahrten zu Fünft im Auto zur Creepworld High, Imbiss im Waffle-House oder eine Maskenparty, alles in sozusagen perfektionierter Oberflächlichkeit des American Way of Life und dick verdünnt mit Soft-Saucen-Musik.

Comments Kein Kommentar »

Wie kann eine Beziehung nur so auseinandergehen?

Daniel Glattauer schrieb die Komödie „Die Wunderübung“. Michael Kreihsl brachte die Komödie in Wien auf die Bühne und jetzt mit dem brillanten Darstellertrio Devid Striesow (Valentin Dorek), Aglaia Szyszkowitz (Joana Dorek) und Erwin Steinhauer als Paartherapeut auch auf die Leinwand, ein rasantes Dialogstück getränkt mit Paarwitz, getrieben vom Mechanismus einer ausgeleierten Beziehung, die vom Paartherapeuten wieder in Schwung gebracht werden soll.

Das Trio spielt, als hätten sie das Stück schon hundert Mal auf der Bühne gespielt (Aglaia Szyszkowitz war tatsächlich bei der Uraufführung dabei), zumindest haben sie es herrvorragend eingeübt.

Der Film ist nicht als Film brillant, wohl aber als Unterhaltung für den Geist, für einen humorvollen Einblick in die Routinen eines Paares im Dauerclinch inklusive Abwehr gegen die helfende Hand des Therapeuten.

Typisch, jeder glaubt, der Therapeut werde dem anderen endlich seine Fehler aufzeigen. Dieser hat seine Mittelchen, die Klienten zu reizen, auflaufen zu lassen, zu gängeln und zu Spielen aufzufordern.

Allerdings sind die Doreks so streitgebüt, dass weder das Öffnen der Faust als Symbol des Herzens, noch der Rollentausch mit Kasperlfiguren verfängt. So wird der Therapeut zu seinem äußersten Mittel greifen, um endlich die Herzen seiner Klienten wieder für einander zu öffnen.

Die Weisheit, dass eine Beziehung mit Reibung besser ist als ohne, die bewahrheitet sich einmal mehr. Ungläubig schauen die beiden, wenn er fragt, warum sie sich nicht lägst getrennt haben.

Die Inszenierung findet als Kammerspiel im hellen, freundlichen Sprechzimmer des Therapeuten statt. Anfangs sieht man das Paar, als ob es zwei Menschen sind, die nichts miteinander zu tun haben, in der U-Bahn und dann zu Fuß sich zur Praxis begeben.

Einmal gibt es eine Pause, da weitet sich der Spielraum auf den Platz vor dem Haus des Therapeuten aus.

Ein Film, der den Zuschauer höchst unterhaltsam auf diese Erkundungsfahrt einer ausgeleierten Beziehung oder einer zu einer Kampfbeziehung gewordenen Variante mitnimmt und im Gegenteil zum Theater sind hier auch kleine Reaktionen der Schauspieler gut eingefangen. Devid Striesow brilliert seit langem mal wieder, blüht förmlich auf um seine ebenbürtigen Partnerin und den Partner herum und sein gesetztes Fingerkuppenspiel in der ersten Wartesituation in der Praxis unterscheidet sich deutlich als gespieltes im Gegenteil zu dem bei Licht beobachteten.

Gestört hat mich nur, dass – einmal mehr – viel zu viele Namen in die Titel drängen; das wirkt kleinkariert und provinziell. Den Normalzuschauer interessiert nicht, wer für die Maske zuständig ist, noch wer der Produzent oder der zuständige Fernsehredakteur ist. Ihn interessieren primär die Schauspieler, die drei Stars, die es hier verdienen als Titel zu kommen und dann noch der Regisseur und der Autor, allenfalls der Kameramann, aber dann muss Ende der Fahnenstange sein. Durch die blendende Unterhaltung, die hier geboten wird, ist dieses kleine Ärgernis allerdings mehr als aufgewogen.

Comments Kein Kommentar »

Der Titel könnte zu Missverständnissen führen, insofern er eine Romantic Comedy, einen Liebesfilm, eine Romanze, einen Spielfilm vermuten lässt.

Und selbst, wem der Name Cecil Beaton noch ein Begriff sein sollte, muss nicht zwingend vermuten, dass es sich bei diesem Film von Lisa Immordino Vreeland um eine Dokumentation handelt im heute gängigen Mix aus Archivmaterial und nachgedrehten Statements der üblichen Experten wie Kunsthändler, Biographen, Verleger, Photographen, Archivare und Kuratoren bis hin zum Butler, wobei im Archivmaterial auch Ausschnitte aus Interviews zu Lebzeiten des Protagonisten zu sehen sind.

Vor allem Fotos. Cecil war ein Vogue-Fotgraf, ein Gesellschaftsfotograf. So mutet denn der Film auch weitgehend mehr wie eine filmische Vogue oder eine filmische Klatschspalte an denn wie Kino – mit ungeheuren Mengen an Name- und Fotodropping von Prominenz aus den Zeiten der Roaring Twenties bis in die frühen Siebziger hinein, Fotos aus Hollywood und dem Britischen Königshaus, von berühmten Malern.

Durchgehendes Need im Leben von Cecil Beaton scheinen zwei Dinge gewesen zu sein, zum einen das Begehren zur Upper Class zu gehören, da mindestens als Fotograf dabei zu sein (wobei die Queen ihn zum Ritter schlagen wird) und zum anderen diese Faszination von Schönheit und Ästhetik und dieser unendliche Hunger, sie immer neu zu entdecken und zu beschreiben oder fotografisch festzuhalten, das ging hin bis zur Ausstattung von Hollywood-Filmen wie „Gigi“ (hier taucht er sogar – uncredited – als Gentleman im Park als Darsteller auf) oder „My Fair Lady“ und mit einer ganzen Reihe weiterer Filme, in denen er als Costume-Designer firmiert.

Lisa Immordino Vreeland wühlt sich hastig und atemlos durch das immense Fotomaterial, was Cecil hinterlassen hat, die Tagebücher, es kommt sein Snobismus und Narzissmus (Selbstporträts) und sein im Grunde genommen unglückliches Liebesleben zur Sprache, dass er sich offenbar immer in die falschen Typen verliebt hat, sein Verhältnis zu Greta Garbo und das zu seinem Kater, das zu seinen Häusern und dass er die Mutter bei sich aufgenommen habe nach dem Tod des Vaters, der wohl aus Kummer über den Selbstmord des Bruders eingetreten ist und der das Geschäft des Vaters hätte übernehmen sollen, aber auch von den rauschenden Festen, die er in seinem ersten (gemieteten) Haus, den Fêtes Champêtre, veranstaltete.

Cecil Beaton hätte eine flippigere, unkonventionellere Doku verdient.

Comments Kein Kommentar »

Familienspagat.

Die über 90jährige Oma, eigentlich das Oberhaupt des Clans, sitzt auf dem Boden in einer ärmlichen Flüchtlingsbehausung in Äthiopien. Versorgt und betreut wird sie von der 17jährigen Fatima, die sie einst als Kleinkind aufgenommen hat. Ihr Sohn Abdulahi wohnt bei ihr. Er ist süchtig nach Khat, den Kaublättern, und sei oft grob zu ihr. Das beklagt sie später.

Sein Bruder Aden lebt in Italien auf der Straße. Er spricht perfekt Italienisch, hat aber seit drei Jahren keinen Job. Er singt manchmal auf öffentlichem Grund.

Der dritte Bruder nennt sich Colonel Shaash und ist das männliche Oberhaupt der Familie. Er lebt in Deutschland als Sozialfall mit seiner Tochter Yasmin und ihren drei Kindern in einer Mietswohnung. Alle sprechen perfekt Deutsch.

Die Dokumentaristen Melanie Andernach und Andreas Köhler stellen zuerst ineinandergeschnitten diese auf drei Länder verstreute, einstmals aus Somalia geflüchtete und inzwischen gewachsene Familie in ihren jeweiligen Ländern vor. Auch wie sie kommunzieren miteinander. Wie sie das Problem beschäftigt, die alte Mutter aus Äthiopien herauszuholen, aber die Schwierigkeiten, ja die Unmöglichkeit sie nach Deutschland oder Italien zu bringen, wie will das ein Arbeitsloser oder ein HartzIV-Empfänger auch finanzieren. Mutter selbst möchte zurück nach Somalien in ihr Haus.

Manchmal erzählen einzelne Familienmitglieder von der Flucht und auch der Brandanschlag in Deutschland, bei dem Yasmin und ihre beiden Töchter schwer verletzt wurden, ist ein Thema, besonders für die Mädchen mit ihren Brandverletzungen und Therapien.

Die Methode der Filmemacher ist einerseits die Mäuschenmethode, einfach dabei zu sein bei der Familie, in ihrem Alltag. Andererseits, sie zu beobachten und Voice-Over erzählen zu lassen oder sie auch untereinander sich austauschen zu lassen über ihre Situation und Perspektiven.

Das Oberhaupt der Familie Colonel Shaash hätte in Somalia, wenn nicht der Krieg gekommen wäre, Minister, gar Präsident werden können. Stattdessen ist er ein Sozialfall in Deutschland.

Beklemmend wird die Reise des deutschen Astes der Familie Shaash, Yasmin und Kinder zur der Oma in Äthiopien, die Begegnung der krass unterschiedlichen Lebensumstände und Lebensverhältnisse. Die Wohlstandsmenschen und die armen Verwandten, die Elendsmenschen, die zu leben haben, aber bei denen die Miete steigt, so dass die deutschen Verwandten 400 Dollar im Monat überweisen müssten. Und wie Shaash versucht, die Klagen der Mutter abzuwiegeln und zu schlichten zwischen ihr und dem kausüchtigen Sohn. Und wie sie, schon voll Deutschland verinnerlicht habend, selber nichts tun können, weil in Deutschland wirklich kein Platz sei. Wie kommt es, dass Menschen frei sein und reisen können und andere in Armut hocken und faktisch hoffnungslos an so ein Flüchtlingslager gefesselt sind?

Comments Kein Kommentar »

Unterm Nordlicht.

Wenn das Nordlicht in Norwegen nicht mehr tut, dann stimmt etwas nicht, dann wird verbotenerweise in der stalaktitenbewehrten Schaurigen Höhle das Norwegium abgebaut, ein elektromagnetisch strahlendes Material und sehr begehrt.

Bei einem heraufziehenden Sturm bleibt dort am Höhleneingang der Frachter Waghals hängen und da Gustav, das Rettungsboot der Großen Hafenstadt, nicht einsatzfähig ist, macht sich der Protagonist dieses großartigen norwegischen Animationsfilmes von Simen Alsvik, Elias, das kleine Rettungsboot, todesmutig auf, um Gustav aus der Klemme zu helfen.

Das gelingt mit Hilfe von Heli Hellen. Elias wird zum Helden in den Social Medien und in der Großen Hafenstadt und die stolze Fähre Kristina bietet Elias dort einen Job an.

Durch die Heldentat wird Elias aus seinem beschaulichen Leben mit seinen Freunden in der Behaglichen Bucht herausgerissen und macht leidige Erfahrungen, die Menschen in solchen Situationen erleben: Undankbarkeit, Überforderung, Pflichtverletzung, Entlassung, Arbeitslosigkeit und Sinnlosigkeit des Lebens, Entfremdung von den alten Freunden.

Sein Leben bekommt er wieder in Griff, nachdem er hinter das Geheimnis der Fahrten von Waghals und seinen finsteren Begleitbooten gekommen ist und seinen ehemaligen Freund überzeugen kann, ihn zu stellen. So kann in der Behaglichen Bucht das Polarlichterfest gefeiert werden samt Polarlicht und mit ausgelassen Bootsrumsausereien.

Die Filmemacher dürften sich von der Reihe Cars inspiriert haben lassen. Dort findet die Animation in den Chassis der Autos statt. Hier haben sie den Schiffen minonhafte Köpfe wie kleine Kabinen aufgesetzt und bei Elias wirken die seitlich angebrachten Rettungsringe wie Ohren.

Die Figuren finden durch diese Gesichter, ihre Namen und auch dank der erstklassigen deutschen Synchronisation zu persönlichem Charakter und statt, wie die Amis es gerne machen, ein Feuerwerk an Gags abzuschießen, konzentrieren sich die Macher auf raffinierte Bewegungstudien von Booten in einem süperb animierten Wasser und Wellen und Gischt und Beinahkollisionen wie in einem Actionfilm, alles prima nachvollziehbar, so dass der Fokus derart auf die Bilder und die Geschichte gelenkt wird, dass ich überhaupt nicht auf die Tonspur geachtet habe.

Originelle und charmante Figuren sind auch die Boje, die Möwen (die am liebsten pointensicher kacken) und der weise Leuchtturm, der von einer Art Achterbahn umgeben ist wie von einer Stacheldrahtrolle.

Comments Kein Kommentar »

Menschlich Extremes. Eine Vierteltagsehe. Das Begraben von Träumen. Gegen die Extreme – in Irland. Extremdiebstahl. Behauptung einer nicht vorhandenen Familie. Familie am Abgrund.

AM STRAND – ON CHESIL BEACH
Wenn die Hürden der Hochzeitsnacht zu hoch sind – irisch.

THE RIDER
Wenn begründet große Träume platzen – amerikanisch.

HALALELUJA – IREN SIND MENSCHLICH
Nach diesem Film neigen die Iren nicht zum Extremismus.

OCEAN’S 8
Gaunerei an männlichem Vorbild gemessen.

NICHT OHNE ELTERN – MOMO
Wenn weder er noch sie vom gemeinsamen Kind wissen – französisch.

THE STRANGERS – OPFERNACHT
Erzwungener Familienschlauch mit pubertierenden Kids endet übel.

Comments Kein Kommentar »

Stürmisch

drauflos, hart, temperamentvoll, direkt, immer am ständig aufflammenden Rassimsus und islamischem Patriarchalismus vorbeischrammend, die gegenläufig durch ebensolchen Humanismus unerwartet ausgeknockt werden, irisch unverbissen und ganz ohne linke Touren aufs Ziel los, ein lachendes Echo auf „Ganz oder Gar Nicht“ als zukunftseröffnende Arbeitsbeschaffungsmaßnahme in aussichtsloser Lage in Richtung moderner Start-Ups.

Und die Bauchtranzgruppe von Siglo, Irland, wird zu ihrem ungestörten und gefeierten Auftritt kommen. So sind sie die Iren.

Die Iren, das sind in diesem Film von Conor McCermottroe, der mit Mark O‘ Halloran auch das Drehbuch geschrieben hat, Ragdan Aziz (Nikesh Patel), der in Bradford geboren ist, Martin Logan (Colm Meaney), der wohl in Siglo geboren und aufgewachsen ist, Amir Aziz (Art Malik), der patriarchalische Vater von Ragdan, Maeve Logan (Sarah Bolger), nach Maeve, einer irische Legendenkönigin (deren Grabberg einmal kurz im Bild zu sehen ist), sie ist die Tochter von Martin; das sind Jasper (David Kross, der Exfreund von Maeve), Derek (Stephen Cromwell) und Neville (Jerry Iwu), Kumpels von Ragdan und schließlich Doreen (Deirdre O’Kane) und Jamal (Paul Tylak), Ragdans Onkel mit seiner Frau. Zu ihnen hat Ragdan sich zurückgezogen wegen Meinungsverschiedenheiten mit seinem Vater.

Sie alle sprechen dieses gerade noch verständliche Englisch mit dem grasgrünen Akzent. Sie alle sind in Irland geboren. Aber ihre Vorfahren kommen aus Indien oder Pakistan, aus Jamaika oder Deutschland. Das sind die Iren. Und sie laufen fröhlich in den Culture Clash, denn teils sind sie noch dem Islam verhaftet, praktizieren ihn.

Allerdings ist Ragdans Vater sauer, dass sein Sohn nicht die für ihn vorgesehene Frau heiratet und deshalb aus Bradford zum Onkel in Siglo geflüchtet ist. Trotzdem liegt ihm an der Zukunft des Sohnes. So hat Papa dort eine geschlossene Schlachterei gekauft. Der Sohn soll daraus eine Halal-Schlachterei machen – das Schlachten selbst wird später von einem rotbärtigen Imam mit einem riesigen Schwert vollzogen.

Aber ausgerechnet der Vater von Ragdans Freundin Maeve, Martin, hat dort gearbeitet und ist entlassen worden. Der Aufbau, das wäre ja eine schön gradlinige Geschichte. Aber wegen der Probleme mit Vorurteilen und Rassimus wird sie nicht geradlinig verlaufen.

Diese Elemente verlangen dem Film immer wieder neue Wendungen ab, und ein unvorhergesehener Humanismus reicht aus, um ihm wieder eine neue Richtung zu geben. Nicht richtig böse, nie verbissen. Es scheint das Motto zu gelten: in Irland findet sich immer eine Lösung.

Dazwischen gibt es verführerische Landschaftsaufnahmen. Ortswechsel werden gerne stilisiert dargeboten: ein Auto, das über eine trockene Landzunge fährt, die durch Meerwasser von der Küste abgespalten ist, schön parallel. Dasselbe Motiv kann auch mal als Kulisse benutzt werden, um die Liebesprobleme und -missverständnisse zwischen Maeve und Ragdan zu diskutieren. Einen pikanten Nebenstrang bildet das ausgeklügelte Liebesleben des Ehepaares Doreen und Jamal, das trotz aller Bemühungen kinderlos bleibt.

Comments Kein Kommentar »