Wunder der Wirklichkeit

Ein wahnwitziges Stück jüngerer, deutscher Kinogeschichte.
Über Martin Kirchberger und sein Cinema Concetta.

Dieser Film von Thomas Frickel erzählt ein wahnwitziges Stück aus der deutschen Filmgeschichte der ausgehenden Bundesrepublik und um die Wende herum. Dieses kann gelesen werden als schwarzsymbolisch für den Niedergang des deutschen Kinos und den Übergang in die hochsubventionierte Bedeutungslosigkeit.

Eine Story, die in keiner aktuellen Filmgeschichte von Nachkriegsdeutschland fehlen darf. Sie dreht sich um den vielseitigen Künstler Martin Kirchberger: Maler, Texter, Filmemacher, Schöpfer von Mockumentaries aus Rüsselsheim, damals ein Nest des Widerstandes gegen die Startbahn West (frühe 80er) und mit enormem politisch-künstlerisch aktivem Potential.

Vom Typ her hat Kirchberger Ähnlichkeit mit Jowan, dem palästinensischen Künstler aus Israel, Namrud – Troublemaker diese Art, wach und geradeaus die Realität zu betrachten, sie und sich selber nicht bierernst zunehmen, mit ihr künstlerisch zu spielen.

Im Aufbruch zur Kunst gab es bei Kirchberger auch eine Phase des DADA. Das umschließt immer auch ein Wir-Gefühl, ein Gruppen-Gefühl, ein Familiengefühl wie bei Schlingensief oder beim frühen Helge Schneider.

Zwischen diesen Gruppen gab es personelle Überschneidungen. Zu diesen gehört Voxi Bärenklau, der auch hier neben Thomas Frickel und Vita Spieß für eine exzellente Kamera sorgt. Wobei der Film von der Montage her und dem Mix von Archivmaterial und Äußerungen von Leuten die damals dabei waren, Verwandten, Freunden einem durchaus gängigen fernsehaffinen Dokumentationsmuster entspricht, muss ja auch am Fernsehen gezeigt werden können.

Ein aufregendes und aufregend tragisches Stück deutscher Kinogeschichte. Die Tragik besteht in der Symbolik, die sie unfreiwillig hergibt, einer treffenden Symbolik dafür, wie das deutsche Kino an der Förderung zugrunde gehen kann; wenn diese hier auch nicht direkt und ursächlich für den Flugzeugabsturz der DC3 kurz vor Weihnachten 1991 über dem südhessischen Hohen Nistler verantwortlich ist.

Indirekt insofern, als dieser letzte Film, den Martin Kirchberger machen wollte, sein erster mehrfach geförderter Film war. Hier musste er kein eigenes Geld zuschießen, was er bisher immer gemacht hat.

Seine Kurzfilme nach dem Prinzip „Cinema Concetta“ hat er finanziert, indem er mit Uwe Wenzel auffällige, lebengroße und lebensübergroße Wandbilder gemalt hat (Wendemaler). Damit ist er das erste Mal über Rüsselsheim hinaus in der ganzen Bundesrepublik bekannt geworden: die beiden malten – hervorragend! – einen maschinenlesbaren Ausweis – das war eine deutschlandweite Diskussion damals – an die öde Hauswand des Rathauses von Rüsselsheim mit dem Bildnis und den Daten von Adam Opel. Die beiden waren Meister des malerischen Photorealismus.

Kirchberger letzter Film sollte ein längerer Mokumentary werden, ein Werbefilm zur Vermarktung von bombensichern Bunkern mit dem Titel Bunkerlow. Am letzten Drehtag ging er mit einer DC3 voller Statisten (Bekannte, Freunde, Nachbarn) nochmal in die Luft und dann passierte das Unglück.

Es gibt Aufnahmen bis fast zur letzten Sekunde. Verwandte, Freund und Überlebende darüber erzählen zu hören ist heute, 25 Jahre später, noch erschütternd.

Diese nutzten Entschädigungszahlungen, um die Rüsselsheimer Filmtage zu gründen, die dem satirischen Kurzfilm gewidmet sind.

Ein Professor von der Hochschule für Gestaltung in Offenbach kommt zu dem bedauernswerten Befund, dass Kino heute in Deutschland nur ein Anhängsel des Fernsehens sei. Wie recht er hat. Vielleicht kann dieser Film von Thomas Frickel junge Talente ermuntern, sich nicht von Förderung und Fernsehen glattbügeln und kleinkriegen zu lassen.

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