Aus aktuellem Anlass.
2017 wurden in England 75’000 Männer rehabilitiert, die – zum Teil schon vor Jahrzehnten – wegen Homosexualität zu Gefängnis verurteilt worden waren, darunter Oscar Wilde wegen „gross indecendy“ (homosexueller Unzucht) im Jahr 1895.
Ruper Everett nimmt das zum Anlass, einen erzählerisch famosen, anrührenden, opulenten Film über die letzten Jahre von Oscar Wilde im Exil zu schreiben und zu drehen und auch den Dichter selbst zu spielen, der nach dem Gefängnis in keinem besonders guten Zustand ist; wenn auch das Dandytum gerade auch in der fein prononcierten englischen Sprache noch durchschimmert.
„In 1895 Oscar Wilde was the most famous man in London.
His lover was Bosie Doglas, son of the notorius Marquess of Queensberry.
Enraged by their affair Queensberry left a card at Wilde’s club addressed „To Oscar Wilde posing as a sodomite“.
Urged on by Douglas, Wilde sued for libel – only to end up in the dock himself accused of gross indedecency.
He was imprisoned for two years with hard labour.“
(Anspann)
Freunde verhalfen Wilde nach der Verbüssung seiner Gefängnisstrafe mit harter Zwangsarbeit, 1887, zu einer neuen, französischen Identität als Sebastian Melmoth.
Die Beziehung zu Bosie (Colin Morgan) hat ihn über eine Denunziation von dessen Mutter ins Gefängnis gebracht.
Von seiner Ehefrau Constance (Emily Watson) lebte er getrennt; sie ist mit den beiden Söhnen in Heidelberg.
In Frankreich ist sein aktueller Lover Robbie (Edwin Thomas). Die Rivalität zwischen Robbie und Bosie geht aber weiter. Die aufregendere Liebe scheint die zu Bosie zu sein, die zuverlässigere die zu Robbie. Es gibt eine Eskapade von Wilde mit Bosie nach Neapel. Das geht gut, solange Bosie regelmäßig Geld von seiner Mutter erhält. Bis diese die Zahlung einstellt und ein Ende der Beziehung verlangt. In diesem Falle würde sie auch Wilde mit 200 Pfund vergüten und die Zahlungen für den Sohn wiederaufnehmen.
Im Film ist das durchgehende Motiv das Märchen vom glücklichen Prinzen, das Wilde schon seinen beiden Buben erzählt hat. In Frankreich lernt er den Kellner Jean (Benjamin Voisin) kennen – und gegen Geld lieben. Ihm und dessem kleinen Bruder erzählt er auch diese Geschichte.
Oscar Wilde erinnert sich in Rückblenden an frühere Zeiten, an Erfolge, wie er als Dichter gefeiert wird im Theater, und stärker noch an diese wenigen Jahre nach dem Knast, die Erlebnisse mit Bosie und Robbie, deren Rivalität und sein Hin- und Hergerissen sein, das geht in seinem Kopf immer wieder durcheinander und dann noch Jean. Bis er in Paris verarmt an Siphilis stirbt.
Rupert Everett inszeniert ein bannendes, erstklassiges Schauspielertheater, in weich-romantischen Farben, gemäldehaft. Ein reichhaltiges Erzählkino, starkes, britisches Gefühlskino, er schöpft aus dem filmisch-schauspielerisch Vollen für die Erzählung.
Es gibt Wilde-Zitate, aus seinem Gefängniswerk „De Profundis“ und aus Briefen. Wilde hat in diesen seinen letzten Jahren im Exil nichts mehr geschrieben. Aber hier schildert ein Künstler großartig das Elend eines anderen Künstlers, der wegen einer sonderbaren Gesetzgebung aus seinem erfolgreichen Leben gerissen wurde, die Ehre verloren hat. Erst weit über hundert Jahre nach seinem Tode wird seine Ehre 2017 wiederhergestellt. Die Geschichte gewinnt noch an Intensität durch das feine Englisch, das gesprochen wird, oft am Rande zur Schwelle der Hörbarkeit.
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