Taste of Cement

Ein höchst ungewöhnliches Dokumentarfilmformat mit einem subjektiven Ich-Erzähler, der einen ganz persönlichen Bezug zum Zement hat. Riad Kalthoum führt die Regie, beim Buch haben Ansgar Frerich und Talar Khoury mitgearbeitet.

Der junge Mann stammt aus Syrien. Sein Vater war Bauarbeiter und lange abwesend von zuhause. Wenn er zurückkam, dann roch er nach Zement, ein unvergesslicher Eindruck für den Sohn. Der Geruch hing ihm noch tagelang nach, solange, bis der Vater wieder zur Arbeit verreist ist.

Zement ist elementar mit dem Identitäsproblem des jungen Ich-Erzählers verbunden, sofern ein junger Mann zur Heranbildung seiner Identät sich am Vaterbild orientiert. Aber in Syrien herrscht Krieg. Der junge Mann wird selbst zum Flüchlting und zum Bauarbeiter im Libanon.

Hier ist er in einer doppelten Zementwelt gefangen, in jener des Hochhauses, bei dessen Bau er mitarbeitet und in jener seiner Vergangenheit, seiner Herkunft, die sich in Bildern in seinen Kopf drängt: die Welt der Zerstörung Syriens, der Staub der Ruinen und Bombeneinschläge; die Erinnerung bringt Bilder einer langen Panzerfahrt durch eine zerbombte Stadt, sie bringt Bilder hektischer Menschenrettungsversuche direkt nach einem Bombeneinschlag, die Suche nach in den Trümmern verschütteten Menschen.

Zement ist in Beirut mit Hoffnung verbunden. Vom Hochhaus aus gibt es lange Blicke auf das pulsierende Beirut, auf die ausufernde Skyline. Von hier aus sieht man das Meer. Auch das kommt in der Erinnerung des Ich-Erzählers vor. In Syrien zuhause gab es eine Fototapete mit dem Meer umrandet von Palmen. Dass der Traum vom Meer so in Erfüllung gehen würde, ist bitter. Denn das Hochhaus im Bau wirkt wie ein Gefängnis.

Die syrischen Immigranten kommen nicht daraus heraus. Ab 19 Uhr gilt ein Ausgangsverbot für sie. Sie wohnen tief unten im Hochhausrohbau, haben sich bescheiden eingerichtet mit Matten, die sie auf dem Boden ausbreiten. Sie leben wie in einem Bunker. Die Bilder von da unten haben ihre eigene ruhige Poesie. Die Männer reden kaum miteinander. Sie waschen sich, rasieren sich, schauen im Fernsehen die neuesten Horrornachrichten aus Syrien, sie waschen ihre Klamotten, bereiten sich ganz einfach ein Essen; einer rasiert sich, einen grell pink gerandeten Spiegel in der Hand.

Am Morgen steigen sie in langen Kolonnen hinauf zum Liftkorb, der sie nach ganz oben bringt. Das sind häufige Perspektiven in diesem Film, aus Betonräumen oder Runinenräumen hin zu Öffnungen und Durchbrüchen – Hoffnungssymbole.

Oft wird der Ich-Erzähler ganz nah gezeigt, sein Gesicht, Details von seinem Gesicht, wenn er liegt, immer seine traurigen Augen offen.

Der Film fängt mit faszinierenden Drohnenaufnahmen von einem Steinbruch in einem Tal weit hinter Beirut an, wie sich Maschinen in die Berge fressen und ein ganzes Tal hinterlassen, Abbau von Steinen für die Herstellung von Zement für den Aufbau von Beirut, so die Assoziation gemäß dem Titel des Filmes.

Die Drohne fliegt das Tal hinunter zu den Rändern der Stadt und über die Stadt, dann kreist sie um die Hochhausbaustelle. Der Ich-Erzähler spricht poetisch-traurige Schicksalstexte. Die Kamera ist immer wieder unwiederstehlich angezogen von Details von so einer Baustelle, vom Haken, an dem der Kran Güter transportiert, von der kreisenden Bewegung aus dem Kranführerhaus, aber auch von Wasserlachen und Pfützen, Unterwasseraufahmen, die einen Panzer finden, Aufnahmen wie durch Vorhänge oder Filter, durch Sand, der durch dein Sieb geschüttet wird, was einen unruhigen Vorhang abgibt.

In Syrien zerstören sie, in Beirut bauen sie und die Menschenwürmer wuseln irgendwo dazwischen. Kommt denn der Nahe Osten nie zur Ruhe? Oder gehört der Krieg zum Kreislauf des Zements? Auf der Tonspur dominieren die harten Geräusch von Baumaschinen, Pressluftbohrer, Eisenkreissäge, Hämmern an Verschalungen, Betonmischer und überschneiden sich mit den Geräuschen von Panzern im Krieg – und dann noch ein krachendes Gewitter über Beirut.. Ein Dokumentation in einer Art poetischen Impressionismus mit existentiell-melancholischem Kontent.

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