Sympathisanten -Unser Deutscher Herbst

Von der Schwammigkeit eines ideologischen Kampfbegriffes.

Der Begriff „Sympathisanten“ macht in diesem Film von Felix Möller – er ist der Sohn von Margarete von Trotta (Forget about Nick, Hanna Arendt) und der Stiefsohn von Volker Schlöndorff (Rückkehr nach Montauk) aus dem Munde von Bundeskanzler Helmut Schmidt eine interessante Wandlung durch.

Anfangs benutzt Schmidt ihn politisch denunziatorisch – es geht um die Untaten der RAF in den 70ern und das breite Umfeld von Sympathisanten und mehr oder weniger aktiven Unterstützern, ohne die die Terroristen kaum hätten so lange abgetaucht bleiben und immer neue Anschläge planen können -; am Ende des Filmes ist Schmidt zur Erkenntnis gelangt, dass der Begriff schwammig sei und für die politische Auseinandersetzung nicht tauge.

Margarete von Trotta sagt, dass sie früher eine ideologische Mitläuferin gewesen sei und – im Sinne von Hannah Arendt (über die sie einen Spielfilm gemacht hat) – eine Entwicklung durchgemacht habe dahin, ihr Urteilsvermögen einzusetzen.

Volker Schlöndorff hat sich mit der Schleyer-Entführung (der war früher in der SS) von den RAF-Leuten abgewandt und eine Entwicklung durchgemacht, die ihn heute zum Parteigänger von Merkel werden lässt.

Insofern hat der Filmemacher seine Eltern schon mal reingewaschen, denn sie waren damals recht aktive Sympathisanten, spielten in der Öffentlichkeit eine viel beachtete Rolle, auch stark angegriffen.

Immerhin scheinen sie die Zeiten gut überlebt zu haben, die privaten Innenräume, in denen der Sohn sie interviewen darf, strahlen großbürgerlichen Wohlstand, Kunst- und Möbelliebhaberei aus. Wobei die Frage des Sohnes an seine Mutter nach einem Koffer, den sie einmal für die RAF-Leute aufbewahrt habe, unangenehm ist; die Passage lässt vermuten, dass es noch andere Dinge gäbe, die sie gebeten hat, nicht in den Film zu nehmen; allein, dass man als Zuschauer solche Vermutungen anstellt, macht stutzig.

Immerhin erfahren wir, dass beide Elternteile von Möller Tagebücher geführt haben, sie geben auch je über die Herkunft dieser Papeterieartikel Auskunft, und dass da vielleicht noch verborgene Schätze zu finden wären.

Archiv-Footage-Filme gerade aus der jüngeren Geschichte des eigenen Landes, sind als solche schon mal anregend. Und dass einige der Akteure von damals heute generell in feines Mobiliar gesetzt ihre Statements abgeben mag auch von Interesse sein (es sind dies René Böll, der Sohn von Heinrich Böll, Daniel Cohn-Bendit, Karl-Heinz Dellwo (ehemals RAF), Marius Müller-Westerhagen (hat in einem Film mit dem Regisseur als kleinem Buben eine Szene gespielt), Peter Schneider, Christof Wackernagel).

Vieles schöpft der Autor und Regisseur aus seinem direkten familiären Umfeld, aus Filmen seines Stiefvaters und seiner Mutter, aus Fotoalben, Tagebüchern. Er ist in diesem elitären bundesrepublikanischen Milieu aufgewachsen. Ihm fehlt die Distanz, so dass der Begriff des „Sympathisanten“ im Film schwammig bleibt; vor allem stellt er kaum die Frage, weshalb die RAF-Terroristen so einen breiten Wiederhall gerade bei der intellektuell-künstlerischen Jugend hatten; da fehlt es an Umgebungsarbeiten; an Recherche, warum so viele junge Menschen damals offenbar keine reguläre Zukunft für sich in diesem Lande gesehen haben.

Es fehlt eine klare Analyse des Zustandes der BRD anno 1976/77. Die Politik, das zeigt der Film indirekt auch, hat seither nichts gelernt. Sie nutzt jegliche Art von terroristischer Phantom-Bedrohung, um Sicherheitsgesetze zu verstärken, zuletzt der neue bayerische Ministerpräsident, der der Polizei Kompetenzen weit über ein für die Demokratie gesundes Maß hinaus übertragen will, Schritte zur gestzlichen Verankerung eines Polizeistaates unternimmt.

Das eindrücklichste Archivmaterial haben Schlöndorff, Faßbinder und Kluge anlässlich der Beerdigung der drei Terroristen in Stuttgart geschossen; ein Stimmungsbild der 70er wie es nicht zu inszenieren ist.

Der Film wäre vielleicht zu sehen als ein Ansatz zu einer Recherche zum Thema Ausformung von Schwarmintelligenz anhand des Begriffes Sympathisant.

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