Ein Leben hat der Mensch, nur eines, nur das eine. Und wenn ein junger Meisterregisseur einige Filme gemacht hat, kann er sich trauen, einen Film über ein solches Leben zu drehen.

Stéphane Brizé hat dafür auf einen Roman von Guy de Maupassant zurückgegriffen, den er mit Florence Vignon zum Drehbuch umgeschrieben hat.

Der Roman heißt im Originaltitel „Une Vie ou L’Humble Vérité“, ein Leben oder die schlichte Wahrheit. „Die einfache Wahrheit“ ist vielleicht auch die treffendste Charakterisierung für diese großartig minimalistische Literaturverfilmung.

Es geht um das Leben von Jeanne le Perthuis des Vauds (Judith Chemla). Sie ist die Tochter von Baron Simon-Jacques Le Perthuis des Vauds (Jean-Pierre Daroussin) und der Baronin Adélaide Le Perthuis des Vauds (Yolande Moreau).

Wie groß und herrschaftlich ihre Besitzungen wirklich sind, wird erst spät im Film enthüllt. Wie Brizé sowieso wenig von den Äußerlichkeiten preisgibt, sie andeutet, sie als Rahmen so fest annimmt, dass sie ihre Wirkung tun.

Anfangs des Filmes ist Jeanne eine junge Frau, lebt noch zu Hause. Ein junger Mann zieht in die Nachbarschaft, es ist Vicompte Julien de Lamare (Swann Arlaud). Da wenige Menschen in der Gegend sind, in der Filmgegend zumindest, ergibt sich schnell zwischen Julien und Jeanne, was die Natur sie zu tun treibt.

Es gibt noch die Bedienstete Rosalie (Nina Meurisse). Sie wird schwanger von einem Kerl, dessen Identität sie als Geheimnis bewahrt.

Julien und Jeann heiraten, obwohl Julien vom Reichtum her nicht mit den Barons mithalten kann. Er ist ein unreifes Bürschchen. Ein schwacher Charakter. Während Jeanne naiv ist, lebensfremd, rein.

Brizé stellt Jeanne uns vor, wie sie unter Anleitung ihres fürsorglichen Vaters Setzlinge im Garten pflanzt entlang einer aufgespannten Schnur und diese nachher bewässert. Eine Szene, die später noch wiederholt wird und die grad gar keinen Arg noch Argwohn, noch Ahnung des Bösen dieser Frau zutrauen lässt.

Bald schon kriselts in der ungleichen Ehe. Ungleich im Sinne der Werte des Lebens, der Zuverlässigkeit. Julien kann sich wahnsinnig aufregen, wenn Jeanne Rosalie viel Holz verheizen lässt, damit sie nicht frieren. Er meint, sie sollten sich warm anziehen.

Die Krisen weiten sich aus. Komisch ist auch, dass Julien Jeanne nie mitnimmt zu den Jagdausflügen und es ablehnt, sie zu den Fourvilles mitzunehmen (Clotilde Hesme und Alain Beigel) mit der Begründung, das Familienwappen müsse erst auf die Kutsche gemalt werden.

Der Film spielt im ausgehenden 19. Jahrhundert, hier kommt weder Elektrizität noch Telefonie oder Autos vor. Aber es werden Briefe geschrieben oder „Liebes“briefe mit brisantem Inhalt entdeckt. Manchal werden sie voice-over gelesen. Denn Jeanne kommt dahinter, welche Bewandtnis es mit Julians Jagdausflügen und seinen Besuchen bei Fourvilles auf sich hat. Für sie bricht eine Welt zusammen.

Es kommen die dunklen Farben in den Film. Die dunklen Bilder von Jeanne, dunkel gekleidet, in der Natur stehend, stumm, die Kamera in respektablem Abstand hinter ihr. Diese wechseln in lichten Moment mit fröhlichen Bildern mit dem kleinen Paul am Meer, Erinnerungsbilder an die Zeit, als die junge Ehe und damit die Welt noch in Ordnung war.

Auch die Natur, die sich gut macht als Illustration und Atmosphärenbeschleuniger in einer Romanverfilmung, schneidet Brizé minimalistisch mit maximalem Indikationswert dazwischen, wie unambitioniert, um ja nicht lauthals mit künstlerischem Ehrgeiz abzulenken; so dürfte vielleicht auch das fast quadratische Format interpretiert werden.

Moderner kann wohl diese 19.-Jahrhundert-französische Romanwelt kaum gezeichnet werden, die gleichzeitig auch eine Liebeserklärung an die französische Literatur ist.

Brizé ist oft halbnah bis nah an seinem Protagonisten; minimale Veränderungen an Frisur, Kleidung erzählen von Jahren, die vorbeigegangen sind.

Könnte der Film anfangs noch als französische Hommage an eine schöne Frau gelesen werden, so wird er zusehends ein Film über eine vom Leben gezeichnete Frau, aber auch das höflich und diskret.

Es ist die Geschichte einer Gefangenschaft, eines Lebens, das nie an eine Emanzipation gedacht hat, an ein Leben, das fatalistisch angenommen wurde, das den Rahmen des Herrschaftlichen nie verlassen hat, das gewohnt war, dass andere die Lebensbewältigung für es organisieren – und wie so einiges aus dem Ruder laufen kann. Die seelsorgende Beratung durch den Pfarrer ist dabei nicht unbedingt hilfreich.

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