Archiv für 14. Mai 2018

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Trouvaille im Netz

oder wie das heiße Eisen des Nazi-Propaganda-Filmes spannend und ohne Berührungsangst und ohne falsche Ehrfurcht behandelt werden kann.

Irre, grotesk, absurd, aberwitzig, wie Goebbels noch im letzten Kriegsjahr und unter Einbezug des erschwerten Lebens im bereits teilbombardierten Deutschland noch den ultimativen Propaganadfilm Das Leben geht weiter machen wollte, der eine filmische Wunderwaffe werden sollte.

Das erzählt Dieter Moor (auch konzeptionelle Mitarbeit) als Sprecher und Moderator in einer aufregenden Mischung aus fragmentarisch-illustrativem Reenactment von Szenen rund um die Produktion des Filmes, aus Archivmaterialien vom Krieg, Storyboard und Treatment, Ausschnitten von Hollywoodfilmen, die Goebbels heimlich zeigte und als Vorbilder nahm, aus Interviews von Beteiligten lange nach dem Krieg und aus der für Nazi-Propagandfilme nach wie vor gültigen Vorschrift, dass sie nur kommentiert gezeigt werden dürfen. So verlieren diese Filme schnell das Dämonische. Und Infektionsgefahr besteht schon gar nicht.

Carl Schmitt hat mit Mark Alan Cairns das Drehbuch nach dem Buch von Hans-Christoph Blumenberg verfasst. Mark Cairns hat die Regie geführt und der Film stammt aus dem Jahr 2002, wurde koproduziert von Arte (Redaktion Philippe Muller) und HR (Redaktion Wolfgang Vogel).

Er ist bei YouTube abrufbar, allerdings nicht in bester Bildqualität, aber die wache und zupackende Behandlung des Themas ist bestens erkenn- und genießbar, ein Dokumentarfilm der seltenen Art, der so ein schwieriges Thema so plastisch behandelt. Weil er den Fokus auf die Herstellung dieses letzten Propagandafilmes des Dritten Reiches konsequent beibehält, nebenbei die Kriegsgeschichte und den Wahnwitz ablaufen lässt.

Während der vorletzte Propagandafilm, der berüchtigte „Kolberg“, der in opulenten Farben und Bildern noch heute verblüfft, fertiggestellt worden ist und seine Premiere noch während der letzten Atemzüge des Dritten Reiches in Berlin erlebte (das Kino wurde wenig Tage später von Bomben zerstört, dem titelgebenden Kolberg ging es ähnlich unter den Panzern der Russen), mussten die Dreharbeiten zu Das Leben geht weiter unterbrochen werden, später wurden sie zu einem Fliegerhorst nach Lüneburg verlegt und kurz vor Schluss sind sie abgebrochen worden.

Was aus dem Filmmaterial passiert ist, das ist eine eigene abenteuerliche Geschichte und noch nicht gelöst. Es gab schon vorher den Versuch des Herstellungsleiters Ritter, das Material nach Garmisch-Partenkirchen zu retten (oder seine eigene Haut).

Zwei Größen des Deutschen Kinos spielen eine zentrale Rolle unter den Filmmenschen, die nicht geflohen sind und im Filmland weiter arbeiten konnten, weil sie sich mit den Nazis arrangiert hatten. Das waren Veit Harlan und sein Konkurrent Wolfgang Liebeneiner. Harlan hatte Kolberg gedreht – und hier wird erzählt, in einer Drehpause von Das Leben geht weiter habe Liebeneiner den Film gekürzt.

Beide haben den Krieg überlebt, beide haben keine ganz reine Weste (Liebeneiner: Ich klage an), sind aber entnazifiziert worden. Harlan kam in der jungen Bundesrepublik nicht wieder richtig auf die Füße. Liebeneiner dagegen konnte nach einer Phase von etwa 10 Jahren mit der Trapp-Familie als einem der größten deutschen Kinoerfolge nahtlos an seine Dritte-Reich-Karriere anknüpfen. Ihn hört man in einem Interview von 1979.

Das Prinzip der Moderation in nachgestellten Ruinenbildern, Kulissen und Ruinenkulissen von damals oder in ordentlichen Büros und der Moderator steht am Rande dieser Settings oder betritt sie sogar – es sind auch Darsteller stellvertretend für die damals Agierenden da, zuständig fürs Reenactment – , schafft auf eine exzellente Weise Nähe und Distanz zugleich zu den ominösen, unglaublichen Vorgängen und lässt diese lebendiger werden – ohne jeder Bedröppeltheit – als ein reiner Kathedervortrag, nimmt der Berührungsangst ihre hemmende Kraft, lässt keinen falschen Respekt oder falsche Bewunderung aufkommen.

Das hätten sich spätere Dritt-Reichs-Dokumentaristen durchaus zum Vorbild nehmen können, wenn man Prodoukte wie Hitler und die Kinder vom Obersalzberg vom BR oder Rüdiger Suchslands Hitlers Hollywood vergleicht, die beide lange nach diesem Film gemacht worden sind, aber offenbar davon wenig mitgekriegt haben.

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