Wie schon in Judgment – Grenze der Hoffnung offeriert Stephan Komandarev, der mit Simeon Ventsislavov auch das Drehbuch geschrieben hat, eine Häufelung von bulgarischen Problemen.

Für sein Erzählmuster dürfte er sich von zwei Filmen inspiriert haben lassen. Als Grundstruktur, nämlich die sozialen und gesellschaftlichen Problemes eines Landes, eines Orts zu zeigen, die Fahrt in einem Tax wie in Taxi Teheran von Jafar Panahi.

Allerdings hat Komandarev das Verfahren aufgelockert. Es kommen bei ihm eine ganze Anzahl Taxifahrer vor und die Kamera verlässt auch das Innere des Autos.

Der zweite Film dürfte der ebenfalls bulgarische Film Sofias last Ambulance von Ilian Metev sein, der eine Nacht lang mit einem Sanitatäswagen und seiner Mannschaft unterwegs ist, eine atemberaubende Dokumentation. Auch Komandarevs Film spielt in einer Nacht in Sofia.

Hier handelt es sich allerdings um einen Spielfilm, der das Prinzip der Nachtfahrt übernimmt, aber ein Episodenfilm ist, wobei die Episoden von unterschiedlicher Qualität, Brisanz und Realitätsnähe sind.

Bemerkenswert, dass einige darunter sind, die das Prinzip der Selbstjustiz, offenbar zunehmender Selbstjustiz in Bulgarien, thematisieren. Die erste Episode, die vor den Titeln, ist gleich die aufregendste. Ein knalliger Überlebenskämpfer, der in seiner Taxe heftige Auseinandersetzungen führt, wenn er über die holprigen Hauptstraßen von Sofia donnert und sich weigert eine 17-jährige Schülerin in ein Hotel zu fahren, damit sie sich dort prostituieren kann. Er selbst hat eine erblühende 13-jährige Tochter.

Gleich die erste Szene ist dramatisch. Es geht darum, dass sein bulgarischer Kreditgeber Popov Geld von ihm fordert, was er ihm seiner Ansicht nach nicht schuldet. Denn sein kleiner Kabelladen, den er neben dem Taxifahren betreibt, musste dichtmachen. Er kann einen europäischen Kredit bekommen, wenn ein bulgarischer Geldgeber ihm auch einen Kredit gibt. Das ist der unbescholtene Popov, der jetzt seine Forderung plötzlich verdoppelt. Das ist eine himmelschreiende Ungerechtigkeit und ein Grund für Selbstjustiz. Ein Thema: Korruption, Erpressung, Umgang mit europäischen Geldern, was sicher vertieft werden könnten, hier aber muss es für die Szene vor dem Titel reichen.

Thema Selbstjustiz wird akut bei einer Taxifahrerin, die am Flughafen einen ehemaligen Funktionär aus der Zeit des Kommunismus mitnimmt, der ihr das Leben vesaut hat, Knast damals. Offnbar haben bulgarische Taxifahrer immer eine Knarre dabei. Ohne Knarre will sich ein Anwalt bei einem Taxifahrer Gerechtigkeit verschaffen, der heimlich die Taxiuhr manipuliert und für die Routinestrecke 13 Ley statt der üblichen 5 verlangt.

Manche Gespräche wirken erfundener, manche Szenen auch. Die Anfangsstory spielt immer wieder hinein über Radiosendungen, die in Taxen gehört werden. Auch wird wegen der erste Szene ein Herz zur Transplantation frei.

Der Film wirkt allerdings auch so, als wolle er vor allem auf Missstände und die Kaputtheit im Lande hinweisen, dass keine Sanitätswagen verfügbar sind, wenn einer dringend ein Herz erhalten soll, der Dreck überall, die Korruption, der Brain Drain, dass die besten Leute auswandern, die Prostitution von Schulmädchen – verdammt hübsch sind sie allerdings. Dass der Staat keinen Zugriff auf die Ordnung im Lande habe.

Allerdings belässt es Komandarev beim Negativbefund zu Bulgarien. Außer hübschen Frauen hat das Land offenbar nichts zu bieten. Und über das Kino beklagt er sich auch.

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