Ein Butlerfilm
Literarische Dekadenz-Kompetenz gepaart mit Niedrigenergiekino.
Mit dem Thema liegt Jan Berger (Drehbuch) nach dem Roman von Thor Kunkel goldrichtig, er beweist Dekadenz-Kompetenz: das Spiel auf dem sich immer ärger abzeichnenden Riss in unserer Gesellschaft zwischen Arm und Reich.
Mit der Inszenierung allerdings beweist Oskar Roehler Niedrigenergiekino, es sind zu viele schwarze, tote Flächen auf der Leinwand, das aufregendste ist eine dampfende Espressomaschine; so lahmt das Teil an allem, an Inszenierung, Kadrage, Szenenauflösung, Montage und Schnitt und dazu einem wilden Verhau von Musikstücken, mal Kunst, mal Klassik.
Der Stoff ist brisant, ist heutig. Die Müller-Todts, Katja Riemann als Eva und Oliver Masucci als Klaus, sind ein kinderloses Erfolgsehepaar, das in einer angenehmen Villa wohnt. Er ist Schönheitschirurg, zapft Fett aus voluminösen Leibern, sie ist im Baubusiness.
Eines Tages steht ein einfacher Herr, der an Peter Lorre aus Fritz Langs „M – eine Stadt sucht einen Mörder“ erinnert, vor dem Tor und dann vor der Tür.
So viel wird kinematographisch immerhin klar gemacht, dass es mit diesem Mann (es ist Samuel Finzi) ein Geheimnis, etwas Unheimliches auf sich hat. Er bietet sich an, allein gegen Kost und Logis, den Diener, ja, den Butler für die beiden zu spielen. Seine Unterlagen und Zeugnisse sind frappant und exzellent.
Nach Zögern lässt sich das Ehepaar darauf ein. Es genießt fortan einen herrschaftlichen Service, wie er wohl nur im teuersten Luxushotel geboten wird. Bei der Annonce des Menüs durch den Butler beispielsweise, wie er hinter der Tafel zwischen den beiden Herrschaften steht, wird leider dieses Niedrigenergiekino besonders deutlich. Es steht ein Mann in einem Stillstandbild und sagt seinen Text. So wirkt oft die Inszenierung von Röhler, als wären die Schauspieler bei einer Leseprobe.
Arbeit im Niedrigenergiesektor, sicher aber nicht im Niedriglohnsektor und auch nicht im Niedrig-Filmfördersektor. Bald schon holt Finzi seine Frau Lana (Like Fern) nach, auch sie eine perfekte Bedienung, die zudem Massagen und Schlammbäder anbietet.
In der Nachbarschaft macht Mohammad (Yasin El Harrouk), das ‚H“ bitte wie ein etwas dickerer Teppich gesprochen, mit Party auf sich aufmerksam und den vielen Bodyguards, die ihn umgeben. Zur dekadenten Party im Sinne der alten Römer sind die Müller-Todts auch eingeladen.
Im eigenen Garten bietet der Butler an, einen Swimmingpool, ein langjähriger Traum von Eva, buddeln zu lassen. Bald schon steht eine Truppe unförmiger Bulgaren vor der Tür und quartiert sich im Garten ein.
Bei der Römer-Party freunden sich der Schönheitschirurg und der Araber an. Beim Chirurgen laufen die Geschäfte nicht mehr so flott. Und so weiter und so fort.
Die Geschichte bewegt sich in Richtung Kriminalfall, wie lange schon zu erwarten und hinterlässt, auch wenn es kinematographisch nicht so al dente ist, wegen einsatzfreudiger Schauspieler und dem Plot immerhin ein krudes Bild unserer auseinanderdriftenden Gesellschaft, wirft ein scharfes Schlaglicht mit hartem Schlagschatten darauf.
Thematisch brisant, cineastisch mühsam und statisch (Widerspruch zum Begriff „move“ aus „Movies“). Schöne Ausformulierungen der Herrschaftsansprüche der herrschenden Klasse. Ein zerrissener Film zur neuen Klassengesellschaft.