Gutland

Alles ist gut in Gutland, darum heißt Gutland auch Gutland.

Ein Stück Landwirtschaft, abgelegen, irgendwo im Luxemburgischen in der Nähe der Eifel. Eine Landwirtschaft, die schön ins Bild zu nehmen ist, Bäume, Felder, Maisfelder, abgeerntete Felder, Gehöfte, leichte Hügel, Baumsilhouetten am Horizont.

Govinda Van Maele, die Drehbuch und Regie (als Script-Doktor ist Razvan Radulescu angezeigt) verantwortet, liebt die schöne Fotogafie, bei Innenaufnahmen salonhaft ausgeleuchtet, ölgemäldehaft und in holländischer Bildertradition auch die Außenaufnahmen. Ganz sacht fährt eine Drohne in die Höhe, wenn es zweckmäßig ist, generell verhält sich die Kamera ruhig, sorgt für eine ausgeglichene Kulisse für das Geschehen.

Das Geschehen ist in gewisser Weise ein Nicht-Geschehn oder ein Nicht-Geschehen-Machen. Unangenehme Dinge können auf einem Hof wunderbar in der Jauchegrube abgelegt werden; niemand wird hier nachschauen.

Oder: Ungenehmes kann auch bei der Maisernte zerhäckselt werden. So dass die Polizei, wenn sie selten genug in dem Weiler vorbeischaut, weil im benachbarten Deutschland ein Banküberfall stattgefunden hat und drei Männer flüchtig seien, beruhigt werden kann.

Ja, die rätselhafteste Person vor Ort, das ist der Mann, der auch die Blaskapelle dirigiert, Jos Gierens (Marco Lorenzini). Er kann ruhigen Lächelns sagen, der junge Mann mit den langen Haaren, Jens (Frederick Lau), sei regelmäßiger Erntehelfer seit mehreren Saisons, obwohl er doch eben erst, also viel zu spät und überhaupt erstmals angeheuert hat.

Rätselhaft an Gierens ist, warum er Jens sofort aufnimmt in die Dorfgemeinschaft, ihm sogar den Saisonjob besorgt, obwohl die Erntearbeiten bereits vor zwei Wochen begonnen haben. Und warum er ihn auch weiter protegiert, wie die Polizei kommt und warum er aus ihm einen Trompetenspieler machen möchte im Blasorchester, das er dirigiert, was leicht gelingt, wie das Konzert am Schluss zeigt, obwohl so etwas in einem Gegensatz zu Schwere der Jens-Figur steht.

Bild und Story verraten diesen in Belgien und Luxemburg offenbar geliebten Hang zum Surrealismus, die Bilder nur ganz leicht, die Story gegen Ende deftig.

Liebesaktivitäten zwischen Lucy (Vicky Krieps) und Jens finden ohne Vorspiel schnell statt nach der ersten Begegnung. Auch Lucy nimmt eine Außenseiterposition ein. Sie hat sich im länger schon verwaisten Hof der Ostermeyers in einem Zimmer eingerichtet („Das ist meine Insel im Pazifik“).

Der Film verführt dazu, sich besonders mit den beiden Protagonisten zu beschäftigen.

Vicky Krieps war neulich in Der seidene Faden zu sehen, einem großartigen Film von Weltklasseregisseur Paul Thomas Anderson. Sie war dort Partnerin in der letzten Rolle von Daniel Day-Lewis (wie dieser verlauten ließ).

Hier im Film von Govinda Van Maele ist Krieps auf sich selber gestellt, sowohl von Buch als auch von der Regie her: aber sie zeigt, dass sie von Natur aus eine putzmunter und unbefangen natürliche Darstellerin ist.

Frederick Lau, der deutsche Star, tut sich schwerer. Er war zuletzt in Spielmacher zu sehen. Er ist zur Zeit einer der angesagten jüngeren Subventionsstars in Deutschland. Hier in diesem Luxemburger-Film ist von deutscher Seite das ZDF beteiligt. Er vermittelt mir allerdings den Eindruck, er habe das Gefühl, er müsse jetzt eine Starrolle ausfüllen. Er versucht, diesen Bauernknecht mit Perücke und Stirnrunzeln schwer, erdenschwer anzulegen, so schwer, dass die Strohballen, die er mit der Gabel auf den Traktoranhänger oder aufs Förderband wuchtet, deutlich schwerer wirken als diejenigen von den Mädels; obwohl die Strohballen äußerlich genau gleich ausschauen.

Lau versucht einen schweren Gang in den Boden hinein, aber das gelingt nicht durchgehend. Es gibt Szenen, das geht er leicht wie ein Stadtmensch über den Hof. Er versucht einen Typen zu spielen, der er nicht ist. Das scheint allerdings schon vom Drehbuch her ein Problem zu sein. Dass nämlich der Surrealismus dem Realismus – also der Glaubwürdigkeit der Figur – diametral dazwischen grätscht. Lau wirkt in dieser Rolle wie in zu großen Schuhen. Wobei diese Differenzierungen nicht davon ablenken sollen, dass er ein prima Schauspieler ist. Und bei Krieps sieht man im Seidenen Faden, was erst aus einer Darstellerin werden kann, wenn sie in die richtigen Hände gerät.

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