Bonjour Paris – Jeune Femme

Großstadtleben.

Von der Schwierigkeit, allein zu sein und von der Schwierigkeit, nicht allein zu sein.

Oder auch: Rätsel Frau. 15 Jahre ist Paula Simonian (Laetitia Dosch) stabil in Lyon aufgewachsen. Stabil heißt auch: langweilig. Mit 30 ist sie in Paris bereits zehn Jahre mit dem Erfolgsfotografen Joachim Deloche (Grégoire Monsaingeon) zusammen, ist seine Muse.

Der Film fängt dort an, wo sie das nicht mehr aushält. Wo sie an die Tür poltert. Wo sie verletzt am Kopf ist. In die Notaufnahme kommt. Befragt wird. Mit ihr ist nicht gut Kirschen essen, das ist der Eindruck. Ein Mensch, der sich nicht fügen, nicht anpassen will. Ein schwer dechiffrierbarer Mensch außer Rand und Band oder am Rande des Nervenzusammenbruchs. Rechthaberisch ist sie dazu: Bloß weil man sich aufregt, ist man nicht krank.

Sie wirkt nicht gerade integrationsfähig. Sie verlässt Joachim. Sie holt noch seine Katze. Dann streunen die beiden durch Paris. Ziellos. Obdachlos. Eine Frau ohne Ziel und Geld. Sie geht Stationen von Geldlosigkeit und Obdachlosigkeit durch. Sie landet auf Partys. Möchte bei der Freundin Anne (Marie Rémond) unterkommen. Sie verhält sich unangemessen, wird rausgeschmissen.

Sie steigt in einer billigen Pension ab, 43 Euro, vierter Stock ohne Lift, Katzen unerwünscht, Rauchen ebenso. Sie kann sich nicht an Regeln halten. Sie telefoniert mit Joachim. Sie sucht ihre Mutter (Nathalie Richard). Die will nichts von ihr wissen. Partout nicht.

Sie findet einen Job als Kindermädchen. Auch da gibt es Probleme, denn irgendwann gewinnt sie das Herz der kleinen verwöhnten Lili, erlebt Unterhaltsames mit dem Mädchen gegen die strengen Regeln der Mutter.

Gleichzeitig findet sie einen Job in einem Warenhaus in der Dessous-Abteilung. Den erledigt sie erstaunlich korrekt, erstaunlich angepasst. Dort trifft sie auf Ousmane (Souleymane Seye Ndiaye), den Sicherheitsmann im Anzug. Dann braucht Joachim sie wieder. Für seine Vernissage. Inzwischen ist sie schwanger.

Vielleicht holt Paula in diesem eigensinnigen Film von Léonor Serraille Dinge nach, die sie in Lyon und in ihrer Beziehung zu Joachim nicht aus- und erleben konnte. Sie versucht, sich zu finden, oder gar: sich neu zu erfinden, eckt an, probiert aus, versucht, ihrem Leben einen Sinn zu geben. Der ist vorerst mit dem Dessous-Job und der Kindermädchenstelle gegeben. Das erfüllt sie. Aber Madame sucht schon ein neues Kindermädchen.

Der Film will nichts erklären, er folgt einfach einem unangekündigten Exzess im Leben einer Frau um die 30, die auch noch den Wunsch hat, Literatur zu studieren, eine zufriedenstellende Lebensform zu finden. Sicher: sie sucht die Liebe. Aber was hat es mit der Toxoplasmose auf sich?

Ziemlich neckisch ist der Kunst-Lebens-Einsamkeitszusammenhang zwischen der Einsamkeit von Paula und dem Fotografie-Thema Einsamkeit von Joachim, der nämlich hat das Projekt Barentsburg. Hier geht es um die Isolation von 400 Bergabeitern abgelegen in der Arktis. Das sei ein unglaublicher Ort, meint er. Als ob Paris nicht auch ein unglaublicher Ort sei; das zeigt just der Film über Paula. Immerhin: Menschen mit zwei verschieden farbigen Augen vergisst man nicht.

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