Auffangnetze.

Markus Imhoof (More than Honey) nimmt in seiner gründlichen Schweizer Art die Auffangnetze unter die Lupe, die von den verschiedensten Organisationen und staatlichen Stellen für Flüchtlinge, die übers Mittelmeer nach Italien gelangen wollen, aufgespannt sind. Die aber oft auch Aussonderungsnetze sind.

Imhoofs Ansatz ist ein ganz persönlicher. Nach dem Zweiten Weltkrieg hatten seine Eltern ein Mädchen aus dem ausgebombten Mailand aufgenommen. Sie war älter als er. Während des ganzen Filmes wird ihm Giulia, so hieß sie, nicht aus dem Kopf gehen: Fotos, Briefe, die nach ihrer Rückkehr zu ihrer Mutter geschrieben wurden, ihr früher Tod 1950 bald nach ihrer Rückkehr. Und das schlechte Gewissen deswegen.

Imhoof zeigt, dass die Auffangnetze für Flüchtlinge aus einem Wust an Verfahren, Befragungen, Untersuchungen, Vorschriften, Verboten bestehen. Das war auch nach dem Krieg schon so.

Imhoof versucht nicht, sich dem Thema mit stilistischer Brillanz wie Fuocoammare – Seefeuer zu näheren, versucht nicht plakativ auf das Flüchtlingsthema aufmerksam zu machen. Da ist die Gerneruckel-Kamera von Peter Indergand davor.

Imhoofs Methode ist subversiv. Das Hinterhältige der europäischen Flüchtlingspolitik kommt im Nebensatz vor, im harmlos erscheinenden Statement zum Ausdruck. Dass es eben eine Vorschrift sei, dass die Flüchtlinge ihre Unterkünfte nicht selbst sauber halten dürfen, dass sie nicht arbeiten dürfte, resp. nur schwarz und dann mit mafiösen Methoden ausgebeutet würden.

Die Offenheit eines Schweizer Entscheiders, er habe noch nie den Asylantrag eines Afrikaners positiv entschieden. Die Unterbringung von Flüchtlingen in Luftschutzbunkern als absoluter Selbstverständlichkeit.

Wer abgelehnt wird, hat in der Schweiz zwei Möglichkeiten: freiwillig zurückzukehren und dafür 3000 Franken Startkapital zum Aufbau einer eigenen Existenz zu bekommen. Dafür kaufte sich einer zwei Kühe. Er wird die Milch in Afrika aber nicht verkaufen und davon leben können, weil die aus der EU importierte Subventionsmilch billiger ist.

Der Film fängt mit ausgiebigen Schilderungen, Frontberichterstattung, bei der durchorganisierten Seerettung von Flüchtlingen aus dem Meer und aus Booten an. Ein wie geölt laufender Apparat. Dabei die Info, dass auf dem italienischen Armeeschiff, das zum dem Zeitpunkt 1800 Flüchtlinge aufgenommen hat, ein Teil davon auf dem Heliplatz an Deck kampierte. Bei einem Sturm sei es zur Meuterei gekommen und die Flüchtlinge hätten nur mit Knüppeln im Zaum gehalten werden können. Das durfte nicht gefilmt werden.

Später fließt beiläufig die Info über den Kurswechsel der EU in der Flüchtlingspolitik in den Film ein. Dass diese jetzt mit Warlords und Schleppern aus Libyen zusammenarbeitet, um die Flüchtenden zurückzuschicken. Das sei für die Schlepper das bessere Geschäft.

Dantes göttliche Komödie wird von einem italienischen Funktionär zitiert: in Afrika lebten diese Menschen in der Hölle, die Flucht sei das Inferno und in Europa glaubten sie das Paradies zu finden. Das Eldorado lässt Imhoof in der Titelsequenz als Lichtspiel auf einer goldenen Wäremefolie, wie sie den Geretteten umgelegt wird, aufleuchten, Scheingold – Goldschein.

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