Begrenzter Horizont.

Wim Wenders‘ künstlerischer Absolutheitsanspruch (klingt im Schlussmonolog von Marion, Solveig Dommartin, an) und seine Befangenheit im Gespür für den Trend und die Zeichen der Zeit, machen die Restauration dieses Filmes, der 1987 in die Kinos kam, zu einem einzigartigen Zeitdokument.

Westdeutschland kurz vor der Wende. Bruno Ganz geistert als Stadtgespenst durch das zeittypische Berlin, nähert sich Menschen, schnuppert an ihnen, sagt Handke-Sätze oder hört sich solche an. Es sind literarische Texte, die schwierig zusammenzufassen sind, also gar nicht; sie ergeben keine dramatische Struktur, sie verleihen der Zeit den Klang.

Bruno Ganz als Damiel macht mitten im Film eine Wandlung durch. Das Brustteil einer Ritterrüstung fällt auf ihn, der in der Nähe der Mauer am Boden liegt. Die tauscht er beim Pfandleiher gegen eine bunte Jacke. Von dem Moment an grinst er oft. Sein paralleler Stadtgeist Otto Sander macht diese Wandlung nicht durch.

Die Liebe zwischen Damiel und Marion, die mache, das ist mehr ein akademischer Befund am Schluss, den Sinn und die Macht über das Leben aus. Marion ist Zirkusartistin. Dadurch verweilt der Filme lange bei Zirkusimpressionen vom Zirkus Alkane.

Genau so gerne verweilt er bei Nick Cave bei langen Konzertausschnitten. Wenders besticht mit seinem Auge für Design und Trend, das ist auch heute noch charakteristisch für ihn. So kommt 1987 als alt bis uralt wunderbar zur Geltung: ein Waschsalon, die Autos, Schaufensterauslagen mit Wohn- und Schlafzimmern, Architektur und Innenarchitektur, eine Bibliothek, ein Wohnsilo über einem Bunker.

Es gibt verwinkelte Hinweise auf die Nazizeit mittels eines Filmdrehs unter einem eingebrochenen Boden. Peter Falk (auch er wird zum Zeitsouvernir) gibt nicht nur eine Reminiszenz an Colombo, indem er einmal beim Verlassen einer Szene kurz stehen bleibt, zurückschaut, aber dann just nicht die entscheidende Frage stellt. Handke und Wenders drehen ja keinen Krimi.

Die Mauer kommt vor, die DDR, die Plattenbauten, Mauergrafitti, Imbissstände, man freut sich über die niedrigen DM-Preise für Bockwurst, Pommes, Kaffee und Bier. Landende oder startende Flugzeuge über Berlin veranstalten einen Heidenlärm.

Die Enge des Horizontes belegt ein moderner Waschsalon mit seinem Aufritt, ein Fernsehapparat, ein Filmdreh, Plakatwerbung, ein Sanitätswagen, Rolltreppen, Kaufhäuser.

Curt Bois gibt mit seiner einzigartigen Stimme und Sprecherattitüde eine nostalgische Reminiszenz an ferne Film- und Theaterzeiten. Es ist faszinierend, diesen Film anzuschauen und dabei den Bogen zum Heute zu spannen, diese rasanten Veränderungen, diese Weitung des Horizontes, wohl auch die Veränderung von Gewichtungen; eine Bibliothek hat heute kaum mehr diesen Wert aus sich heraus, wie Wenders sie hier noch darstellt vor Internet und allüberall Verfügbarkeit von Wissen und Information.

Interessant ist auch die Behauptung, die Welt aus Kinderaugen anzuschauen. So eine Welt würde bestimmt anders aussehen und just unempfindlich den Zeitphänomenen gegenüber. Worin sich abermals der Absolutheitsanspruch oder das Paradox des Anspruches zeigt („es ist geschehen und es ist verbindlich“ – damit grenzt Wenders sich selbst radikal ein auf die Zeit).

Im Zusammenhang mit dieser Einsicht über Wenders klingelt es: er hat jetzt einen Film über den Papst gemacht.

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