Archiv für 12. April 2018

Sehenswerte Filme ohne gemeinsamen Nenner: einer, der in den Färöern anfängt und sich nach Kalifornien streckt, ein besonders leises Angstableitermovie, das Porträt einer rebellischen Muslima und die Restauration eines deutschen Kultfilmes aus den 80ern. Unter den weiteren, deutschen Filmen gibt es heute einen Unterbietungswettbewerb, wer den langweiligeren, schlechteren Subventionsfilm zustandebringt. Der schweizerisch-deutsche Kinderfilm ist noch halbwegs erträglich, weil er eine Comicvorlage hat, die Doku über eine Antirechtsband im Osten ist dilettantisch, die deutsche Promisause um einen Star in einem Hotel in Frankreich erfindet Menschen, die fernsehöde Alltagsdialoge sprechen, ein Fußballfilm scheitert an seiner Lehrsatzhaltung und unter jedem Niveau ist der Möhring-Gern-Action-Film. Wogegen das amerikanische Kino noch auf unterem Comedy-Niveau wenigstens von Handwerk zeugt. Im Fernsehen hat einer im 68er-Archiv gewühlt.

Kino
DAS ETRUSKISCHE LÄCHELN
Hier stößt schottische Lebensart auf Molekularküche und versöhnt sich charmant, Jeanair!

A QUIET PLACE
Schmerztherapie, indem man Menschen in schwierigeren Situationen zuschaut.

LAYLA M.
Eine strenggläubige Muslima als Linienrichterin beim Männerfußball.

DER HIMMEL ÜBER BERLIN
hat einen begrenzten Horizont; wird dadurch als Zeitdokument erstklassig.

PAPA MOLL
Die Comicfigur wäre originell, wenn sie denn richtig gespielt würde.

WILDES HERZ
Gegen rechts zu singen, ist zwar korrekt, legitimiert noch lange nicht einen Laiendokumentationsversuch auf Zwangsgebührenzahlers Kosten.

3 TAGE INQUIBERON
Hier soll der große Name alles überblenden, was an erfundenem TV-Dialog-Handwerk drumherum ödet.

SPIELMACHER
Fußballfilme sind schwierig, besonders, wenn sie moralinisch werden.

STEIG NICHT AUS!
Die deutschen Subventionsfilmer können zwar Bum Bum, nicht aber Action, es fehlt ihnen schlicht am Beherrschen des Narrativs.

DER SEX PAKT
Eltern auf Deflorations-Fettnäpfchen-Jagd.

TV
MYTHOS ’68: EIN WILDES JAHR IN BAYERN
Archivbilder- und Statementsalat wie beim Wildheuet.

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Routine-Defloration.

Die Ablösung ist eine verflixte Geschichte, besonders für die Eltern, wenn die Kinder geschlechtsreif und hungrig auf Sex, die Mädchen heiß auf das erste Mal werden.

Ein ernstes Thema, das Kay Cannon (Schreiber der Pitch-Perfect-Filme (Pitch Perfect, Pitch Perfect 2, Pitch Perfect 3) nach dem Buch von Brian und Jim Kehoe in der Art einer filmischen 5-Minuten-Terrine zubereitet haben mit allen nötigen Zutaten, sitcomhaft mit Zoten durchsetzt und mit überrissenem Spiel dargeboten verschlimmert noch durch die billigst-mögliche deutsche Asynchron-Fasssung, das Ganze so haltbar wie frische Erdbeeren.

Die drei Freundinnen Juli (Kathryn Newton), Kayla (Geraldine Viswanathan) und Sam (Gideon Adlon) freuen sich auf ihren Schulabschlussabend und nehmen sich vor, je mit einem Jungen das erste Mal durchzuexerzieren, das ist ihr Sex-Pakt.

Die Elternteile Lisa (Leslie Mann), Mitchell (John Cena) und Hunter (Ike Barinholtz) bekommen Wind davon und wollen das mit allen Mitteln verhindern und gebärden sich dabei unreifer und tollpatischger als die Kids.

Als dramaturgische Mittel arbeiten selbstverständlich die modernen Kommunikationsmittel mit, die ab und an von den falschen Adressaten gelesen werden und so die Hektik im Film anheizen.

Im Laufe der Nacht wechseln die Kids öfter die Location, die Spürhunde von Eltern müssen sich neu orientieren und sie finden zielstrebig die Fettnäpfchen. Die zwei Männer müssen, dieses Niveau muss in so einem Film erreicht werden, ein Arschbier zu sich nehmen, mit Trichter und Schlauch hinten eingeflößt, oder sie finden statt der Kinder in einem Haus ein anderes Elternpaar, das sich innovativ vergnügt.

Unreife Eltern versus unreife Kinds. Das Allerüblichste im Bereich des Erwachsenswerdens mit Routinemitteln in aufgemotzter Aufregermanier erzählt.

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Ein moralinischer Fußballfilm.

Dieser Film von Timon Modersohn nach dem Drehbuch von Christian Brecht enthält viel Moralin. Er geht von der Behauptung aus, dass es Korruption bei Fußballwetten, also gekaufte Spiele, gibt. Der Film zeigt eindeutig, dass er das nicht gut findet. Dem schließen wir uns aus tiefster Überzeugung an.

Den Schick des Verbrechens charakterisiert der Film mithilfe von Ist-Sätzen zu den Themen Männlichkeit, Stärke, Vertrauen, Zuverlässigkeit, Härte, was ein Mann zu sein habe, der ein Mann sein wolle (um daran vom Verbrechen gegängelt zu werden).

Die Schauspieler werden bei dieser Konstruktion zu Thesenträgern und Erklärern, wodurch allerdings ihre individuelle Charakterisierung verloren geht und damit das Interesse an ihnen.

Die Haupt- und Zwischenfigur in diesem Moralgebäude ist Ivo (Frederick Lau), der Fußballer- und Ex-Fußballer als Zögerer dargestellt mit inständig zweiflerischem Blick, so dass man ihm kaum zutraut, was er vor Beginn des Filmes verbrochen haben soll, er der ehemalige Spitzenspieler (was darzustellen dem Film nicht plausibel gelingt), der sich habe bestechen lassen. Geldnöte werden angeführt. Das ist aufgeflogen und dafür musste er in den Knast.

Der Film fängt mit einem Türbild vom Gefängnis an, was erst als solches nicht erkennbar ist; klare Infos lieber später. Das Tor geht auf und Ivo tritt heraus. Eine Szene, die in vielen Filmen zu sehen ist (demnächst cool und informativ in „Therapie für Gangster“), hier unentschieden bedeutlerisch wirkend.

Dann zeigt der Film in knapp skizzierten Szenen, dass unsere Gesellschaft nicht resozialisierungsfreudig ist („Keine zweite Chance!“). So gerät Ivo umgehend in den Teufelskreis der Wettmacher. Bei diesen ist Oliver Masucci (sein Rollennamen wird im Film kaum je ausgesprochen und wenn, dann nicht richtig verständlich; aber das dürfte ein Klarheitsproblem minderer Größenordnung sein) der King oder der Obermacker.

Masucci kümmert sich liebevoll um Ivo, umso mehr als sie herausfinden, dass beide aus Kroatien stammen. Seine Texte sind allerdings mehr thetisch denn subjektiv, lehrsatzhaft und papieren; Masucci überzeugt immerhin vom Figurduktus her; hat ja auch eine klare Linie: Kohlescheffeln mit Fußballwetten mit sicheren Tipps und die Familie zusammenhalten.

Für den Casus cnaktus haben die Filmemacher einen hoffnungsvollen Nachwuchsfußballer erfunden, Lukas (Mateo Wansing Lorrio). Dem werden sie das Moralproblem aufbrummen.

Derweil bandelt nach absehbarem Mechanismus Ivo mit der Mutter Vera (Antje Traue) von Lukas an. Karl Markovics spielt auch mit und steckt seine Hände tief in Mayonnaise sowie Paul Faßnacht, der am Ende glücklich in eine Plastiktüte prall gefüllt mit Geldscheinen gucken darf. Letztere beiden haben mit ihren Rollenklischees keinerlei Probleme.

Ein Hindernislauf dürfte die Continuity für die Maske gewesen sein mit der enormen Varietät an geforderten Schrammen, Narben, Hautstempeln und blutigen Verletzungen der Akteure.

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Die Frau des Dschihadisten.

Dieser Film von Mijke de Jong, der mit Jan Eilander auch das Drehbuch geschrieben hat, verblüfft erstmal. Will dieser holländische Filmemacher ernsthaft ein Protrait über eine gläubige Muslima in Amsterdam drehen, die sich gegen das Burkaverbot einsetzt, die zwar sehr modern wirkt, Medizin studieren will, aber wiederum ein Frau ist, die gerne aneckt? Das wird gleich zu Beginn klar.

Layla M. (Nora el Koussour) ist Linienrichterin beim Männerfußball. Sie gerät schnell mit dem Schiedsrichter aneinander. Sie postet im Internet Agitprop-Spots, die sich gegen das Burkaverbot wenden, die mit kämpferischen Liedern untermalt werden. So bleiben Auseinandersetzugen mit der Polizei und Razzien nicht aus.

Leyla M. versucht, ihren jüngern Bruder, der gerade den ersten Bartwuchs zeigt, zum gläubigen Moslem zu erziehen, sie erteilt ihm Koran-Unterricht. Sie saugt übers Internet mit offenen Augen und Ohren die Message eines doktrinären Jüngelchens und Islamisten auf, Abdel (Ilias Addab).

Zuhause hat sie Krach mit den Eltern. Sie ist eine verführerisch großartige Schauspielerin mit Witz-Blitz in den Augen und mit Charme. Sie macht Prüfungen, denn sie will Medizin studieren, aber die Eltern drohen, sie nach Marokko zurückzuschicken, wenn sie sich weiter so daneben benimmt.

Für einen europäischen Film ist das ein ungewöhnlicher Standpunkt, der die Position einer gläubigen Muslima einnimmt, denkt man, als Produktionsländer stehen Holland, Belgien, Deutschland und Jordanien.

In der Auseinandersetzung mit Abdel (Ilias Addab), dem bärtigen Milchbuben, zitiert sie einen Text, der der Frau die gleichen Rechte zugesteht wie dem Mann. Sie bringt diese Schriftstelle pointiert und erwartet von ihm Einverständnis. Sie ist verliebt in Abdel. Sie heiraten. Das ist eine mehr informelle Zeremonie im Beisein weniger Männer.

Die Flitterwochen der beiden gehen in einem kleinen PKW nach Belgien. Kuriose Hochzeitsnacht in einem Motel. Flitterwochen, die schnell ins Konspirative sich wandeln. Und man ahnt, dass Abdel in Aktivitäten verwickelt ist, die einem nicht ganz geheuer sein können und die es Layla auch nicht sind.

Abdel fängt zusehends die übliche Herrschaft des Mannes über die Frau an, will sie einsperren, wenn er nicht da ist. Besonders, wie sie sich plötzlich im Nahen Osten befinden. Dort freundet sie sich mit einer ebenfalls muslimisch verheirateten Dänin an.

Sie beginnt, in einem Flüchtlingslager zu arbeiten. Das behagt Abdel, der öfter unterwegs und nicht erreichbar ist, gar nicht; sie solle sich bewusst machen, woher das Geld für solche Wohltätigkeit komme. Die Auseinandersetzungen zwischen den beiden eskalieren. Layla M. ist nicht geschaffen für die traditionelle Muslima-Untertanen-Rolle.

Mijke de Jong erzählt seine Geschichte spannend mit der leichten Hand des Dokumentarischen, die nicht viel Zeit fürs Einleuchten und Schuss und Gegenschuss lässt, sondern am Fortgang der Handlung interessiert ist, wohin dieses Paar und seine Entwicklung treibt.

Dialog: Er: Mit Deinem Verhalten lästerst Du Gott. Sie: Bist Du Gott?

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Der Tag, an dem dieser Film am Abend als Pressevorführung gezeigt wurde, war für mich eher unangenehm verlaufen, Menschen wollten mir – bidlich gesprochen – an die Wäsche, das ist kein gutes Gefühl.

Nach Verlassen des Kinos war das wie weggeblasen. Die kathartische Wirkung eines Horrorstreifens. Er fungiert als Angstableiter, indem er Bilder erzeugt, die deutlich unangenehmer sind als die eigene Situation, die dagegen als bedeutungslos wahrgenommen wird.

Oder: Bekämpfung von Horror und unguten Gefühlen mit Bildern von noch größerem Horror. Warum das bei diesem Film von John Krasinksi, der auch die Hauptrolle des Familienvaters Lee spielt, so prima funktioniert?

Vielleicht, weil er gar nicht in den Wettbewerb treten will mit Monsterfilmen, die nach Rekorden schielen, nach Überbietung mit Effekten. Krasinski konzentriert sich auf eine Familie, einen hauptsächlichen Spielort und der überwiegende Teil der Handlung findet im kurzem Zeitrahmen um den 472. Tag nach einem Unglück statt, das nicht näher beschrieben wird, das aber eine Gegend menschen- und vor allem tonleer hinterlassen hat.

Das Ungeheuer ist ein passabel animiertes Horrorungeheuer. Es hat die Spezialität, dass es auf Lärm hochallergisch und blitzschnell reagiert. Deshalb bewegen sich Lee, seine Frau Evelyn (Emily Blunt) und die Kinder Marcus (Noah Jupe), Regan (Millicent Simmonds) und Beau (Cade Wooodward) nur leise. Sie wagen kaum zu flüstern, haben eine Gebärdensprache entwickelt.

Sie verlassen die Stadt und ziehen sich auf auf eine Farm zurück. Diese ist von Maisfeldern eingekreist, aber es gibt auch Wald. Das Gebiet ist von mehreren Silotürmen wie von Wachtürmen umgeben.

Die Geräuschkulisse dürfte im Kino vor allem von den Popcorn- und Nachokonsumenten oder allfälligen Bonbonpapierraschlern herrühren, aber Vorsicht, wenn ein gewisser Lärmpegel überschritten wird, kann das Ungeheuer aus dem Nichts auftauchen und vernichtend zuschnappen! Das ist schon eine ungewöhnliche Erfahrung im Kino.

Es passiert auch gar nicht so viel. Krasinksi lässt sich Zeit, die Situationen klar zu beschreiben, ohne diese Zudröhnambition und es bleibt immer interessant. Denn der Gefahrenmomente sind viele, besonders wenn das Ungeheuer sich auf der Farm rumtreibt. Manchmal helfen Ablenkungsmanöver, so wie mir der Film als geschicktes Ablenkungsmanöver von eigenen Ängsten und Beengungen vorkommt. Horror als kathartische Schmerztherapie? Vor allem macht es nach dem Kino Spaß, die Situationen zu erinnern und zu erzählen.

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Kontaminierter Boden für die Demokratie.

Für das Erblühen der Demokratie scheint der Boden der Ex-DDR extrem kontaminiert zu sein. Deshalb gedeihen hier vorzüglich Fremdehass, Fußball-Ultrarandale und -Krawalle, Neonazitum und AfD. Während sich der Verfassungschutz von Mecklenburg-Vorpommern (und ziemlich schlechtsichtig auf dem rechten Auge) der aus unserer Sicht ideologisch korrekten Band „Feine Sahne Fischfilet“ ausgiebig widmet.

Deren Texte sind, dem extremen, politischen Klima geschuldet, nicht von Pappe, bullenfeindlich. Aber ohne Provokation kein Publikum und ohne Publikum kein Geschäft.

Wobei der Film von Charly Hübner und Sebastian Schulz das mit dem Geschäft sorgfältig ausblendet (bis auf eine Bemerkung des Frontmanns, des dicken Jan ‚Monchi“ Gorkow, dort seien die Stände mit dem Merchandising).

Die Filmemacher scheinen sich als ideologische Gehülfen und Werbeverstärker für die Band zu verstehen. Das reicht bereits aus, um an öffentlich-rechtliche Gelder zu kommen; da spielt es keine Rolle, dass es eine Dokumentation von der Machart „jeder kann heute Doku“ wird.

Nicht Recherche ist gefragt, nicht Ergründung (warum die EX-DDR so anfällig für all diese Strömungen ist oder warum trotz der Band die AfD der deutliche Wahlsieger in Meck-Vorpom wird) noch ein Konzept der Herangehensweise.

Man hat halt viel Fernsehen geschaut und sich nicht sonderlich mit der Sparte Dokumentarfilm beschäftigt. Dokumentation heißt hier auch nicht Umfeldforschung, sondern vor allem aktuell einige Zeit dabei sein und sonst in den reichlich vorhanden Fundi von Familienfotos und Homevideos wühlen, Dinge rauszupfen und irgendwie nach dem groben Raster der Chronologie montieren.

Das muss ideologisch korrekt, aber künstlerisch nicht wertvoll sein. Hauptsache, es kommt ein irgend geartetes Statement gegen Rechts heraus.

Dass die Macher konzeptionell schwimmen, zeigen die extra inszenierten Ausflüge zum früheren Elternhaus des Musikers oder ein Besuch in der Grundschule inklusive Interview mit der Lehrerin. Für solche Unternehmungen fehlt dem Sänger bei weitem seine kultur- und musikhistorische Relevanz.

Plündern der viefältig vorhandenen Homevideos aus der Kindheit. Die sind zu beliebig und austauschbar, die mögen allenfalls in Fankreisen von Interesse sein, nicht aber darüber hinaus, genausowenig wie die Statments der Eltern. Für diese simplizistische Art Doku ist der Künstler biopicunergiebig.

Spannend ist die Episode mit dem Verfassungsschutz und die mit dem Polizeigewahrsam wegen UltraKrawallen. Aber dafür reichte ein Kurzfilm dicke aus. Oder die beiden Themen müssten außerordentlich sorgfältig, raffiniert und genau untersucht werden, um daraus einen Langfilm zu machen. Dazu dürfte den Machern weder das Können noch die Intention gefehlt haben.

Propaganda, auch wenn sie für eine gute Sache, ist leichter, simpler, als einen Sachverhalt oder eine Karriere penibel zu erforschen. Das Geschäft mit dem klaren Feindbild ist purer Manchester-Kapitalismus ohne Rücksicht auf Ideologie: je mehr Zuschauer, desto mehr Geld, genauso wie bei den Kabarettisten. Wobei diese Art des Geldverdienens ideologisch eher nicht links anzuordnen ist, ein Widerspruch, auf den der Film nicht eingeht. Das Ziel sind Massenveranstaltungen, Massenmanipulation, die hier bis zum T-Shirts wegschmeißen geht und pyrotechnisch und mit Papierschlangeneffekten mächtig angeheizt wird. Antirechter Kapitalismus in Reinkultur.

Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers!

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Josefine, mach den Deckel wieder zu!

Dr. Thomas Bellut, Chef des ZDF, hat seinen Laden vielleicht nicht im Griff, weiß nicht was die Redakteure so treiben, wofür sie das Zwangsgebührengeld ausgeben; sonst hätten sie wohl diesen Film von Christian Alvart, der noch fürs Drehbuch ein Drehbuch von Alberto Marini zur Vorlage hatte, nicht gefördert. Am ZDF zeigen dürfen sie den Film eh nicht bei so viel penetranter Schleichwerbung von Mercedes.

Kirsten Niehaus, Geschäftsführung Filmförderung vom Medienboard Berlin Brandenburg hat ihren Laden vielleicht auch nicht im Griff, dass er diesen mit schlechten Dialogen zugepflasterten Film gefördert hat, bei dem schon vom Drehbuch her klar sein müsste: das kann nicht funktionieren.

(Überdies: diese Art von Action-Film, das können die deutschen Subventionsfilmer einfach nicht; sie sollten besser die Finger davon lassen.)

Karl Bellut (Wotan Wilke Möhring) ist ein Immobilienentwickler und hat offenbar Feinde, von Entmietungen will er nichts wissen. Damit hat er nichts zu tun. Er will nur kurz seine Kinder zum Pablo Neruda Gymnasium (mit diesem Namen hat der Film seinen literaturreferenziellen Höhepunkt bereits erreicht) bringen.

Unterwegs meldet sich an einem Handy im Handschuhfach eine schlecht gecastete Stimme. Die Bedrohunglage ist folgende: unter den Sitzen seines Autos sind Bomben angebracht, die hochgehen, wenn der Sitz verlassen wird. Karl soll viel Geld flüssig machen und auf Konten in Steueroasen überweisen, damit kenne er sich ja aus. Dann würden die Bomben entschärft. Niemand soll etwas davon mitkriegen.

Dass man sich bald schon wünscht, dass die Bomben hochgehen und der Film ein Ende nimmt, liegt an der miserablen Machart, primär schon des Buches. Es schafft es nicht, einen glaubwürdigen Rahmen für die Erpressung zu schaffen.

Die Verfilmung selbst verschießt ihr ganzes Pulver aus allen Rohren bereits in einer vorgelagerten Szene (wobei in Anspann schon wieder zu viele Namen von Mitwirkenden vor und hinter der Kamera angeführt werden, die zum absehbaren Misserfolg dieses Filmes beitragen).

Karl ist im Anflug auf Berlin in einem Flugzeug, das einem Katastrophenfilm entstammen könnte. Der Regisseur Alvart zeigt hier schon, was er unter Action versteht und das zieht er durch den Film durch: Lautstärke bei gleichzeitigem Nuscheln des Hauptdarstellers, fahrige Kamera, Nervosität, hektische Schnitte, Kurzschnittigkeit, Kurzatmigkeit, als wolle der Film in jeder Sekunde laut schreien: ich bin ein Actionstreifen!.

So beraubt der Film sich selbst der Möglichkeit, eine glaubwürdige Basis für die Action herzustellen, er beraubt den Zuschauer der Möglichkeit, die Synapsen für die Spannung zu spinnen. Die Perzeption wird zugedonnert mit pausenlosen, schlecht gearbeiteten Dialogen, die nichts zur Erhellung der Situation beitragen.

Der Schauspieler Möhring kämpft in viel zu vielen Großaufnahmen, macht mit seinem Gesicht, was es hergibt, fleht, weint, schreit und zweimal bietet er sich mit seinen Grimassen für die Hitlerrolle an, nachdem das Auto nebenan explodiert ist und später, nachdem seine Tochter statt zu fliehen auf den Beifahrersitz hechtet.

Alvart hat offenbar zu wenig Ahnung davon, wie filmisches Erzählen funktioniert, welchen Mix aus ruhigen Szenen, welche Montage aus Totalen, Halbnahen, nahen (zu schweigen von der konfusen Kamera) fürs Narrativ hilfreich ist. Da sollte er mal den neuesten Bruce-Willis-Film Death Wish studieren, wie geschickt die Amis mit ihrem Handwerk umgehen. Christian Alvart sollte einen Vergleich der Grundstruktur beider Geschichten als Strafarbeit für diesen schwachen Film bei den Förderern und den Kritikern abliefern.

In Death Wish wird in zwei einführenden Kapiteln die Voraussetzung für den folgenden, spannenden Thriller präzise zubereitet, wird gezeigt wie cool Bruce Willis einmal in seinem blutigen Job als Unfallchirurg ist und wie ebenso cool im Familienleben und wie diese Coolness durch unvorhergesehene Umstände erschüttert wird.

Bei Alvart wir der Protagonist in einer verrumpelten und verquasselten (peinlich schlecht inszenierten) Flugzeugszene vorgestellt als ein unsicherer Kantonist, der von einer Frau mit dämlichen Dialogen angemacht wird. Da ist nichts, was dazu führen könnte, einen Zusammenhang herzustellen, wenn er bald darauf in seinem Wagen mit den zwei Kindern sitzt und erfährt, dass unter den Sitzen Bomben ticken. Es besteht keine spannungserzeugende, gehirnaktivierende Verbindung zur ersten Szene. Er war eh schon unsicher. Wenn er jetzt über sich hinauswachsen würde in der Erpressungssituation. Aber nichts davon. Die Verbindung der beiden Szenen beweist lediglich jämmerlichen Drehbuchdilettantismus, der noch von ZDF und dem Medienboard Berlin-Brandenburg gefördert worden ist.

Bei Bruce Willis wird anfangs eine intakte, glückliche Familie gezeigt. Diese Glück wird erschüttert. Bei Alvart gibt es ein Familie mit Stress und ohne Zusammenhang: hier gibt es nichts zu erschüttern. Insofern erscheinen für die brüchige Rahmenhandlung die Umarmung von Vater und Tochter an der Spree lediglich formal, nebst schwacher filmischer Umsetzung.

Ein weiteres Beispiel für die pfuschige Inszenierung: das Umfahren des beobachtenden Motorradfahrers.

Verquasselter Thriller. Die Handlung hängt in der Luft. Zuschauer kann keine Beziehung zu den Figuren aufbauen, der Film vermasselt ihm das. Bedrohungslage kommt nicht glaubwürdig rüber. Schnittpfusch: das Polizeiuto „Kampfmittelräumung“ wird zweimal eingeführt. Es fehlt dem Narrativ am Elementarsten. Die Auflösung ist nur noch konfus. Es schimmert immerhin durch, dass der Thriller auf das Thema Wohnungsnot und Immobilienentwicklung aufmerksam machen will.

Außerdem: mit 105 Minuten ist der viel zu lang, kommt einem vor wie fünf Stunden!

Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers!

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Eine kunterbunte, hektische Ausstattungs- und Slapsticksause aus der Schweiz nach den Comics Papa Moll von Edith Oppenheim-Jonas in der Regie von Manuel Flurin Hendry, der mit Matthias Pacht und Jann Preuss auch die Drehbuchversion erstellt hat.

Unter dem Rasanz- und Tempozwang leidet allerdings die Story und wird verquirlt zu Brei wie die Schockolade in der Fabrik von Murmlikon. Fast wie aus einem Vexierbild müssen die einzelnen Geschichten, und es sind ihrer mehrere, herausfiltriert werden.

Papa Moll (Stefan Kurt) ist Sicherheitsingenieur bei der Schockofabrik die – für die Warenanlieferung unpraktisch – auf einem dünnen Berggipfel thront. Moll, der gute Ideen zur Qualitätsverbesserung der Murmel genannten Schockolade hat, kommt unter die Räder des Modernisierers Stuß (Martin Rapold). Der will wegen der Exporte nach China Quantität und nicht mehr Qualität.

Parallel gibt es einen kleinen Bandenkrieg zwischen den Kindern von Moll und jenen von seinem Chef Stuß. Ex nihilo sind die einen Kinder gefesselt und die anderen triumphieren.

Nächste Story. Die Frau von Moll fährt für zwei Tage zu einem Wellnesswochende in einem quietschvergnügten Bus voller 50er-Jahre-modernen Frauen zur Kur nach Bad Zurzach.

Moll ist allein mit den Kindern zu Hause und soll auch noch die verfeindeten Kinder vom Chef hüten. Im Garten baggert er einen Rohrbruch frei. Fontäne folgt erwartungsgemäß, wenn in diesem Film ein Rohr brechen kann, dann tut es das.

Und noch eine Story. Es gastiert im Ort der Zirkus Pompinelli. Der wirbt mit dem fliegenden Hund „Kartoffel“. Da will Moll mit den Kindern hin, auch mit denen vom Chef. Der Dackel „Kartoffel“ wird im Zirkus in einem Käfig gehalten, ganz klar: Tierquälerei.

Aus der Idee, den Dackel zu befreien ergeben sich jede Menge weitere Situationen für Slapstick und Katastrophen von der Art, dass das Mädel vom Chef aus der Kanone durchs Zirkuszelt geschossen wird. Der Dackel verschwindet. Die für seine Wiederbeschaffung ausgesetzte Belohnung motivert die Suche nach ihm, setzt weitere unschlüssig erzählte Irrhandlungen in Gang.

Und dann noch eine Story: in der Schockoladenfabrik streikt die Technik, überall quillt Schockolade heraus, ein Katastrophenfilm für sich spielt sich hier ab.

Ja, der Film zeigt, wie ein Film heillos mit viel zu vielen Stories und Storysträngen überladen werden kann, weshalb viel zu viele Vorgänge ex Nihilo passieren ohne jede Vorbereitung und entsprechnder Beschädigung des Zuschauergenusses. Wenn Papa Moll in die Zauberkiste steigt, dann entdeckt er erst später, wenn er ins Zelt getragen worden und die Kiste in der Arena abgestellt ist und er in der Kiste das Feuerzeug anmacht, dass noch eine Frau neben ihm in der Kiste liegt. Er ist vielleicht etwas schwer von Begriff und Gespür – eher: die Drehbuchautoren haben Erkenntnis- und Handlungslogikücken.

Hinzu kommt ein gravierendes Besetzungsproblem bei der Hauptrolle, vermutlich Stefan Kurts Bekanntheit bei Fernsehredaktionen und bei Filmförderern zu verdanken, ein Förderkompromiss, der wohl ohne jeden Wettbewerb zustande gekommen ist. Kurt sieht zwar von der Maske her lustig aus wie sein Comicvorbild; ihm fehlt aber jene Naivität, jener Hauch von Nähe zu einem Jacques Tati, die die Komik der Figur und der Situation erst herstellt, ein gravierendes, ja essentielles Manko – stattdessen macht er (gekonnt immerhin) große Augen.

Hervorragend ist die hochdeutsche Nachsynchronisation.

Am lustigsten und gewinnendsten sind die paar Szenen am Anfang und am Schluss, die wie eine Verlebendigung des Comcibuches wirken; voiceover werden Verse aus dem Buch vorgetragen und die Schauspieler stellen sie dar.

Gegen die vorherrschende Hektikgetriebenheit wirkt die einzige langsame Szene wie einsame Spitze, in der zwei Polizisten auf einem kleinen Schaufelbaggerchen so schnell wie möglich zum Einsatz in die eben explodierende Schockoladenfabrik fahren wollen, weil ihr köstliches Polizeiauto gestohlen worden ist; das ist langsamer als für Schnecken erlaubt und der köstliche Kontrapunkt zum übrigen Film, der zeigt, wie Komik herzustellen wäre.

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Begrenzter Horizont.

Wim Wenders‘ künstlerischer Absolutheitsanspruch (klingt im Schlussmonolog von Marion, Solveig Dommartin, an) und seine Befangenheit im Gespür für den Trend und die Zeichen der Zeit, machen die Restauration dieses Filmes, der 1987 in die Kinos kam, zu einem einzigartigen Zeitdokument.

Westdeutschland kurz vor der Wende. Bruno Ganz geistert als Stadtgespenst durch das zeittypische Berlin, nähert sich Menschen, schnuppert an ihnen, sagt Handke-Sätze oder hört sich solche an. Es sind literarische Texte, die schwierig zusammenzufassen sind, also gar nicht; sie ergeben keine dramatische Struktur, sie verleihen der Zeit den Klang.

Bruno Ganz als Damiel macht mitten im Film eine Wandlung durch. Das Brustteil einer Ritterrüstung fällt auf ihn, der in der Nähe der Mauer am Boden liegt. Die tauscht er beim Pfandleiher gegen eine bunte Jacke. Von dem Moment an grinst er oft. Sein paralleler Stadtgeist Otto Sander macht diese Wandlung nicht durch.

Die Liebe zwischen Damiel und Marion, die mache, das ist mehr ein akademischer Befund am Schluss, den Sinn und die Macht über das Leben aus. Marion ist Zirkusartistin. Dadurch verweilt der Filme lange bei Zirkusimpressionen vom Zirkus Alkane.

Genau so gerne verweilt er bei Nick Cave bei langen Konzertausschnitten. Wenders besticht mit seinem Auge für Design und Trend, das ist auch heute noch charakteristisch für ihn. So kommt 1987 als alt bis uralt wunderbar zur Geltung: ein Waschsalon, die Autos, Schaufensterauslagen mit Wohn- und Schlafzimmern, Architektur und Innenarchitektur, eine Bibliothek, ein Wohnsilo über einem Bunker.

Es gibt verwinkelte Hinweise auf die Nazizeit mittels eines Filmdrehs unter einem eingebrochenen Boden. Peter Falk (auch er wird zum Zeitsouvernir) gibt nicht nur eine Reminiszenz an Colombo, indem er einmal beim Verlassen einer Szene kurz stehen bleibt, zurückschaut, aber dann just nicht die entscheidende Frage stellt. Handke und Wenders drehen ja keinen Krimi.

Die Mauer kommt vor, die DDR, die Plattenbauten, Mauergrafitti, Imbissstände, man freut sich über die niedrigen DM-Preise für Bockwurst, Pommes, Kaffee und Bier. Landende oder startende Flugzeuge über Berlin veranstalten einen Heidenlärm.

Die Enge des Horizontes belegt ein moderner Waschsalon mit seinem Aufritt, ein Fernsehapparat, ein Filmdreh, Plakatwerbung, ein Sanitätswagen, Rolltreppen, Kaufhäuser.

Curt Bois gibt mit seiner einzigartigen Stimme und Sprecherattitüde eine nostalgische Reminiszenz an ferne Film- und Theaterzeiten. Es ist faszinierend, diesen Film anzuschauen und dabei den Bogen zum Heute zu spannen, diese rasanten Veränderungen, diese Weitung des Horizontes, wohl auch die Veränderung von Gewichtungen; eine Bibliothek hat heute kaum mehr diesen Wert aus sich heraus, wie Wenders sie hier noch darstellt vor Internet und allüberall Verfügbarkeit von Wissen und Information.

Interessant ist auch die Behauptung, die Welt aus Kinderaugen anzuschauen. So eine Welt würde bestimmt anders aussehen und just unempfindlich den Zeitphänomenen gegenüber. Worin sich abermals der Absolutheitsanspruch oder das Paradox des Anspruches zeigt („es ist geschehen und es ist verbindlich“ – damit grenzt Wenders sich selbst radikal ein auf die Zeit).

Im Zusammenhang mit dieser Einsicht über Wenders klingelt es: er hat jetzt einen Film über den Papst gemacht.

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Die Inselgruppe der Hebriden bringt eigenwillige Menschen hervor, nicht so wie die Sch’tis in Nordfrankreich, aber eigenbrödlerische, autonome und auch sture Inselmenschen, speziell auf der Isle of Levis.

Sie sprechen Gälisch. Die Männer tragen Schottenrock, haben ein starkes Bewusstsein für ihre Eier und für Whisky. So vereinzelt sie wohnen, können sie im kleinen Kreis hartnäckig und unversöhnlich Feindschaften pflegen, so wie Protagonist Rory (Brian Cox, mit einem Hang zu Theatralität) mit seinem Altersgenossen Campbell.

Beide stehen mit stark verhärteten Lebern nicht zu weit vom Grab entfernt. Die Feindschaft geht soweit, dass Rory den Rat seines Arztes annimmt und sich in Amerika behandeln lassen wird. Er hat dort einen Sohn, Ian (JJ Field), den er seit 15 Jahren nicht mehr gesehen hat.

Ian lebt mit seiner amerikanischen Frau Emily (Thora Birch) in San Francisco. Sie pflegen ein hochmodern-angepasstes Familienleben, finanziell unterstützt vom schwerreichen Vater von Emily. Eine schicke Wohnung in einem gläsernen Hochhaus mit Haushaltshilfe Frida (Sandra Santiago) und dem Säugling, dem Enkel von Rory. Ian ist Molekularkoch und Emily hat sich selbständig gemacht, eine emanzipierte Mutter.

Hier kommt es zum absehbaren Culture Clash zwischen dem sturen Hebridenmenschen und der Flüsterzivilisation der SanFrancisco-Hipstergeneration (mit Kaffetabs und exakter Entwicklungsplanung im Sinne der Erziehung zur Autonomie für das Kind).

Vielleicht etwas dick aufgetragen, wenn Rory zu einem festlichen Anlass in einem Msueum mit dem neuen Hemd, Krawatte und Jackett und unten rum mit Schottenrock auftaucht. Wobei der Schwiegervater sich amüsiert.

Im Museum lernt Rory die ledige Museumswärterin Claudia (Rosanna Arquette) kennen. Sie ermahnt ihn, die Terrakotta-Figur einer lächelnden Etruskerin nicht zu berühren. Hier zeichnet sich eine Romanze ab, die ihren Weg gehen wird und auf die der Titel des Filmes anspielt.

Bei aller anfänglichen Absehbarkeit der kulturellen Konflikte entwickelt die Geschichte von Sarah Bellwood + 4 nach dem Roman von Jose Luis Sampedro in der Regie von Oded Binnung und Mihal Brezis einen hinreißenden Charme, denn unter der feinsinnigen und feinen Produktionsobhut von Arthur Cohn wird nichts dem Zufall überlassen, wird der Film wie auf einem Luftkissen von einem erstklassigen Musikscore getragen.

Auch das Thema aussterbende Sprachen wie das Gälische findet seine Würdigung. Und wenn der Kleine als eines seiner ersten Worte Jeanir, Opa auf Gälisch, sagen würde, dann wäre wengistens ein Glück vollkommen.

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