Pio

Enorme Konflikte

des Coming of Age lebt Pio (Pio Amato) durch.

Pio (14) wächst in seiner Großfamilie in einer Siedlung für sesshaft gemachte Roma im Süden Italiens auf. In der Nähe ist ein Lager von afrikanischen Flüchtlingen. Über die reden die Roma schlecht (die sind gefährlich, die schlagen sich mit Flaschen die Köpfe ein, vor denen haben selbst die Polizisten Angst). Sie sind Polizeirazzien gewohnt. Aber sie leben ihre Lebensmaxime, wir gegen die Welt, beharrlich durch.

Schon die kleinen Buben rauchen, die Kinder reden über Sex, als wären sie erwachsen, über Frauen, die viel zu eng sind. Der Clan überlebt vor allem mit Ungesetzlichkeiten. Pio ist Analphabet, spricht einwandfrei Italienisch, kann Autos knacken, Strom abzapfen, Schmiere stehen. Wenn die Polizei kommt, entwickelt sich eine große Hektik beim Clan.

Pios Mutter Iolanda, beklagt sich, dass sie keine Macht mehr über Pio habe. Wie Pios Bruder von der Polizei abgeführt wird, beauftragt sie Pio, Nana mit der Übergabe eines geklauten Autos zu betrauen. Pio macht das auf eigene Faust. So spart der Clan Geld und für sich holt er 10 Euro zusätzlich raus.

Pio ist befreundet mit Ayiva (Koudous Seihon). Der ist ein Afrikaner aus Burkino Faso und lebt bei den Afrikanern. Er sammelt gebrauchte Gegenstände und will die in einem Container nach Afrika verschiffen und damit Geld verdienen.

Pio steht ständig unter Strom; meist sind viele Menschen um ihn herum, sein ganzer Clan mit Mitgliedern aller Altersklassen.

Jonas Carpignano, der Autor und Regisseur dieses Filmes, ist atemlos hinter Pio her, an die dokumentarische Methode der Gebrüder Dardenne erinnernd. Wobei Carpignano, der schon mit Mediterranea – Refugees Welcome? gezeigt hat, dass er seine Milieus genau und exzessiv studiert, hier als zusätzlich dokumentarisches Element mit der Besetzung aufwarten kann. Grassroot-Reportage aus Reggio im Süden Italiens.

Bereits in ‚Mediterraneo‘ haben Pio und Ayiva mitgespielt. Jetzt macht der ganze Clan der Amatos mit; alle Darsteller der Familie von Pio heißen auch im Nachnamen Amato. Dadurch erreicht Carpignano eine stupende Authentizität.

Trotzdem nimmt Carpignano sich Momente heraus, in denen er Pio nachdenklich, träumend, reflektierend zeigt, wenn er noch im Bett liegt oder im Gras über der verkommen wirkenden Siedlung. Er zeigt schüchterne Momente, in denen er wie ein kleiner Junge rüberkommt, milchbubenhaft, bis zu Auftritten, in denen er schon den harten Mann mimt. Zwischenphasen mit Elementen von allem.

Eine Szene hat Carpignano eingebaut, die schon in ‚Mediterranea‘ vorgekommen ist, ein Mittel der Geldbeschaffung. Pio steigt in einen Zug ein, beobachtet, wie Reisende ihr Gepäck deponieren und noch vor Abfahrt verlässt er mit einem Koffer den Zug. So findet er Gegenstände, mit denen er handeln kann. Liefert aber das Geld aus dem Weiterverkauf eines Laptops brav bei Mama ab, nebst kleinem Trinkgeld für sich.

Pio treibt sich auch in Discos herum, beobachtet seine Brüder bei einem Einbruch, bei dem sie ihn nicht dabei haben wollen; und klaut, wie sie von der Polizei erwischt werden, sogar das Polizeiauto. Mit seinen 14 Jahren kann er selbstverständlich schon Autos knacken und fahren.

Kritisch wird es, wie er bei einem anderen Romaclan in die Villa einbricht und erwischt wird. Das führt zu harten Aussprachen vor der ganzen Familie und zum Rausschmiss. Was die Familie von ihm fordert, um seine Ehre wiederherzustellen, das wir zu einer Zerreissprobe, die Entscheidung zwischen Clan und seiner Freundschaft zu Ayiva. Nachher wird er als Mann in der Männergemeinschaft aufgenommen, sein Bruder nimmt ihn mit ins Freudenhaus.

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