The Death of Stalin

Opfer des eigenen Systems.
Verreckt an der eigenen Sicherheitshysterie.
Grotesktanz um die Macht.

Während Der Tod von Ludwig XIV sich am höfischen Getue von ratlosen Medizinern und der Entourage des Königs in den intimsten Gemächern Seiner Majestät einen Scherz erlaubt, rankt sich dieser Film von Armando Iannucci nach dem Comic von Fabien Nury und Thierry Robin am machtgeifernden Hofschranzen- und Politbonzentum um einen brutalen Diktator als karikierende Groteske hoch, als ob die Zeichenkunst eines Daumier zum Leben erweckt würde.

Ein falsches Wort, ein falscher Schritt, eine falsche Geste, ein Lachen an der falschen Stelle könnte umgehend Eintrag in eine der berüchtigten Listen und somit Gulag und Tod bedeuten.

Um diese Listen, deren Wege und Wirkungen, deren letalen Nimbus entwickelt der Film brillante Choreographien.

Zu des Diktators unerwartetem und raschem Ableben führt eine unglückliche Verkettung von Umständen, die ihre Existenz einzig und allein des Diktators brutalem Terrorsystem und seiner Sicherheitshysterie zu verdanken haben.

Der Film fängt mit einem klassischen Konzert an. Stalin (Adrian McLoughlin) verlangt unmittelbar darnach einen Mitschnitt in sein Prachtslandhaus. Allerdings haben die NKVD-Mitarbeiter vor lauter Angst und Panik vergessen, das Konzert aufzunehmen. Das wurde zu dieser Zeit, der Film spielt 1953, noch direkt auf Vinylplatten gepresst.

Die Geheimdienstoffiziere kämpfen um ihr Leben, diesen Mitschnitt zu liefern, indem sie die Reste der Konzertbesucher wieder einfangen, Orchester und den Dirigenten teils bereits von zuhause wieder zurückbeordern, um das Konzert zu wiederholen und die gewünschte Aufnahme liefern zu können.

Die Pianistin Maria Yudina (Olga Kurylenko) weigert sich, nochmal für den Potentaten aufzutreten, ihre halbe Verwandtschaft hat er verschwinden lassen. Gegen 20′ 000 Rubel lässt sie sich erweichen. Sie schmuggelt einen persönlichen Brief an Stalin in die Plattenhülle.

Wie Stalin diese persönliche Beschuldigung liest, kollabiert er, bleibt auf dem Teppich liegen. Jetzt geht der Zirkus erst richtig los. Wer das der Reihe nach entdeckt, wie damit umgeht, bereits versucht, sich Startvorteile für die Nach-Stalin-Ära zu sichern, Iannucci inszeniert das fabelhaft.

Dabei ist Stalin noch gar nicht tot. Nach einem abenteuerlichen Transport in sein Schlafzimmer stellt sich die Frage nach Ärzten. Die guten seien alle im Gulag, ist zu erfahren. Auch hat nicht jeder im versammelten, innersten Politzirkel ein Interesse am Überleben des Potentaten.

Ausstattung und Kostüme im Film sind von dieser eigenartig sozialistisch-kommunistischen, plastischen Ästhetizität – ein schräger Augenschmaus.

Eine zusätzlich pikante Wirkung entfaltet der Film dadurch, dass die Schauspieler überwiegend ein prima British English sprechen, das das Russische wegfegt und das Machtgewurle gleichzeitig auf ein austauschbares, internationales Niveau hebt, gesprochen von Mimen, die mit vielen Wassern gewaschen sind, Jason Isaacs als Georgy Zhukov, Andrea Riseborough als Tochter Svetlana von Stalin, Steve Buscemi als der hintertriebene Nikita Krushchev, der die nicht geliebte Aufgabe der Organisation der Trauerfeier zu seinem Fortkommen nutzt, Rupert Friend als Sohn Vasily von Stalin. Mimen, denen man ansieht, wie es ihnen Spaß macht, diese aalglatten, opportunistischen, schmierigen, wetterwendischen Anpasser und Intriganten zu spielen, die Eigenschaft von Macht und Machtgier mimisch, gestisch und im Duktus der Stimme sicht- und hörbar zu machen.

Insofern lässt sich dieses Bild von Machtversessenheit und Machtverbohrtheit wunderbar auch auf heute übertragen. Söder oder Seehofer, Merkel oder Nahes, Altmeier oder Spahn alle diese Machtmenschen und viele mehr wären nahtlos in diese Bilder einzufügen – und machen uns bewusst, wie kostbar doch Demokratie und ihre Verfahren sind, wie leicht sie aufs Spiel zu setzen sind durch einfältige Machtgier und Machtversessenheit, wenn ein Einzelner nur noch die Machtposition und nicht mehr das Allgemeinwohl im Blick hat.

Dass der Film kein Quatsch ist und einen Nerv trifft, beweist das Aufführungsverbot in Russland.

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