Die Hansestadt Demmin ist sich ihrer eigenen Geschichte und der Traditionen bewusst und pflegt diese. Dadurch wird die Identifikation der Bürger mit ihrer Stadt gesteigert. Zum Erhalt lan

  • gjähriger Traditionen sollen hanseatische Bräuche, Peenefeste, Fischerinsel, das Museum, Aktivitäten in der Kriegsgräbefürsorge, traditionelle Sportveranstaltungen gefördert werden. Die Bürger Demmins sollen die Traditionen und Werte ihrer Stadt erleben und zu ihrer Erhaltung beitragen.“ Aus dem Leitbild der Website der Hansestadt Demmin.

    Kein Wort von der Aufarbeitung eines grauenhaften Ereignisses, das um die letzten Kriegstage in der damaligen Fachwerkstadt stattgefunden hat: ein kollektiver Massenselbstmord von Müttern mit Kindern. Eine öffentliche Erinnerungslücke, die jährlich von den Rechten mit einem Trauermarsch zum Gedenken an diese Hunderten von Toten für ihre Propagandazwecke genutzt wird.

    Darauf macht diese umsichtige Dokumentation von Martin Farkas aufmerksam. Sie ist eine Ährenleserdokumentation im Hinblick auf das kinematographische Abgrasen der Nazizeit. Er findet noch wenige Zeitzeugen, die als Kinder das Inferno erlebt und überlebt haben. Und die jahrelang geschwiegen haben und auch jetzt nicht leicht in den Erinnerungen kramen (keine schönen Erinnerungen, keine lustigen Erinnerungen, man hat sie begraben).

    Farkas legt damit einen demminkritischen Film vor: er macht schmerzhaft auf diese Aufarbeitungslücke aufmerksam; auf die Inaktivität des Bürgertums, der geistigen Elite des Ortes, falls eine solche vorhanden ist und wie hilflos die Stadt mit einem Polizeiaufgebot von 700 Hundertschaften Polizisten und 500 Gegendemonstranten versucht, dem Trauermarsch von 200 Rechten, die die deutschen Opfer beklagen, zu begegnen und meint, sonst nichts unternehmen zu können.

    Warum, das ist mein Schluss aus dem Film, erinnert die Stadt nicht mit viel größerer Aktivität selbst an die Katastrophe. Tagelang soll die Stadt gebrannt haben. Die Nazis waren abgezogen in Richtung Berlin, haben alle Brücken gesprengt, die Russen, die nachrückten, waren blockiert.

    Dies löste die Panik aus, die zu den Massenselbstmorden führte. Im Wikipedia-Artikel werden die Gräuel der Russen als Ursache angegeben. Aus Zeugenmund hört es sich unentschieden an, es seien Gerüchte gewesen oder auch Propaganda.

    Farkas nähert sich Demmin sachte. Er schaut sich das Leben an, befragt Menschen unterschiedlicher Ansichten. Die Stadt sei tot, hört er, schuld seien die Einkaufszentren an der Peripherie, es gebe enorme Arbeitslosigkeit. Er findet aber auch neu gepflanzte Baumreihen, die als zarte Pflänzchen Hoffnung versprechen.

    Er findet ältere Bürger und Bürgerinnen, die als Kinder das Inferno überlebt haben. Sie sind nicht leicht zum Sprechen zu bringen. Wie ein Mädchen sich mit Bruder und Mutter und vielen anderen Müttern und Kindern in einen Raum unterm Dach zwängten, dann seien Rasierklingen ausgeteilt worden und sie sollten sich die Adern aufschlitzen. Zum Glück hätten es die meisten falsch gemacht, nicht die Arterien getroffen, aber Blut sei trotzdem viel geflossen.

    Wie der Bruder des Mädchens wegwollte und Mutter und Schwester ihm folgten, wie sie einem russischen Soldaten begegneten, der die Mutter erschießen wollte und wie der Bruder sich tapfer vor die beiden gestellt habe, worauf der Soldat den Buben gestreichelt und von seinem Vorhaben abgelassen habe.

    Wie andere Kinder mit einem Messer die Gürtel und Stricke, mit denen Mütter sie an sich gebunden haben, durchschnitten, wie sie in die Peene gehen wollte und so überlebten. Es habe Wochen gedauert, bis all die Leichen von überall in der Stadt weggeräumt waren; monatelang hing dieser Geruch in der Stadt.

    Ein engagierter Lokalhistoriker, der sich des Themas annimmt und es den Rechten entreißt, scheint es in dem Mittelzentrum Demmin nicht zu geben. Vielleicht kann der Film auf diese Lücke aufmerksam machen.

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