Hicki – Was ist das Leben ohne ein bisschen Schluckauf

Lehrerin mit Macke.

Das Unmögliche wollen. Das kann ja nicht sein, dass eine Frau mit dem Tourette-Syndrom Lehrerin wird. Sie hat eine Macke, wie sie es nennt. Sie gibt unkontrolliert akustische Hicks-Äußerungen von sich, rhythmisch (das wird zu geilem Rap der Tamil-Boys verführen!) zuckt mit dem Kopf kurz nacheinander mehrmals zur Seite und stößt mit dem rechten Handrücken heftig gegen das Kind.

Ein Tick, eine Macke. Absolut unmöglich, so jemanden vor eine Klasse zu stellen. Gar vor eine Klasse an einer indischen Schule, in der nur der Abschaum aus den benachtbarten Slums gnädigerweise unterrichtet wird. Die 14 Kids aus armseligen Verhältnissen der Klasse 9f haben einen Ehrgeiz daraus entwickelt, wie lange es ein Lehrer oder eine Lehrerin mit ihnen aushält und schließen Wetten darauf ab.

Die Schule heißt Notker-Schule. Es gibt eine Widmungstafel, die an den Namensgeber erinnert, an den Mönch Notker aus St. Gallen. Im Beinamen nannte er sich selbst „balbulus“, der Stammler, wegen seiner mangelhaften Aussprache. Er war ein Geistesarbeiter in der Blütezeit des Klosters in der Nähe vom Bodensee.

Diese verrufene Klasse 9f wird zur einzigen Chance und zum elementaren pädagogischen Härtetest für Naina Mathur (die großartige Rani Mukerji). Sie hat das Tourette-Syndrom mit dem chronischen Hicks. Sie war selbst auf dieser Schule und verdankte dem Vorbildpädagogen Khan eine anrührende Erfahrung, die sie fortan die Hänseleien – wie kleinkariert sind doch die Menschen – ertragen oder ignorieren lässt.

Denn die Schule ist da, um zu lernen. Reden und Denken von Naina sind normal wie irgendwas, wenn nicht überdurchschnittlich; Tourette macht da keine Abstriche. Ihr Grundsatz ist der, dass es keine schlechten Schüler, sondern nur schlechte Lehrer gibt.

Die Schüler geben ihr manche Nuss zu knacken. Aber sie holt sie da ab, wo sie sich auskennen: beim Kartenspiel, beim Kochen, beim Reparieren von Fahrradreifen, bei Schülerstreichen (Die brauchen Planung und Einsicht!); hat alles mit Mathematik, Chemie und Physik zu tun. Aber das Leben wird ihr nicht leicht gemacht an der Schule. Sie stößt auf erheblichen Widerstand etablierter Lehrkräfte, allen voran Mr. Wadia. Und auch ihre Schüler bieten manche Angriffsfläche. Wobei die Gegenseite nicht weniger vor unlauteren Mitteln zurückschreckt.

Siddharth Malhotra, der mit Anckur Chaudhry auch das Drehbuch geschrieben hat, inszeniert diese spannenden Auseinandersetzungen und Konflikte in großem, schwungvollem Erzählduktus mit Köpfchen, Herz und Gefühl als ein perfektes indisches Kinogericht, musikalisch mit Rap, Bollywood-Songs und gut anheizenden Rhythem unterfüttert und Hoffnung nährend, dass eine Gerechtigkeit und Chancengleichheit auf Erden möglich sei. Letzteres ist vielleicht in unserer zusehends zynischen, sich spaltenden Gesellschaft eher nicht schick.

Dass es sich um eine wahre Geschichte handelt, erzählen die Bilder am Schluss, wie die originale Mrs. Mathur ihr 25 jähriges Lehrerjubiläum feiert und die Darsteller des Filmes für sie Spalier stehen auf dem Weg zum Treffen mit der 9f von damals, von der dieser Film so anrührend und anregend erzählt. Wobei dem Film gewiss leichter Flügel wachsen als dem wahren Leben (Wer die Ängste los wird, bekommt Flügel. – Vom Kartenspieler zum Investmentbanker).

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