Loveless

Wie schon in Leviathan fängt Andrey Zvyagintsev, der das Drehbuch erneut mit Oleg Negin geschrieben hat, sein neues Meisterwerk mit einer Familie in der Krise an.

Zur Einstimmung gibt es Vedutenbilder einer russischen Satelliten-Hochhausstadt gesehen aus der Distanz, aus einer Baum- und Seenlandschaft, verschneit mit vielen gebrochenen, querliegenden Bäumen von großer Symbolik.

Ein Junge marschiert da durch. Ergreift ein rot-weißes Stück Absperrband, das vergessen worden ist. Er schleudert es an einem Stecken wie an einem Anker befestigt auf einen Baumast. Dort bleibt das Teil hängen, weht im Wind und der Film hat sein Signal und Symbol bereits gefunden. Nehmen wir es ruhig als (wenig schmeichelhafte) Variante zu Hammer und Sichel.

Die Familiengeschichte fängt an in einem der Hochhäuser, in der Wohnung von Shenya (Mryana Spyvak) und Boris (Alexey Rozin) und ihrem 12-jährigen Buben Alyosha (Matvey Novikov). Sie wollen die Wohnung verkaufen. Denn die Eltern haben sich auseinandergelebt. Boris hat eine neue, Masha (Marina Vasilyeva), und auch Zhenya ist bald schon mit Anton (Andris Keishs) zugange.

Diese Beziehungen setzen soziale Schlaglichter, die Wohnung im Hochhaus und das elegant eingerichtete Haus von Anton oder Aufenthalt in einem luxuriösen Hotel.

Russische Filme lassen sich Zeit für Schilderungen, Bilder, Seele und Emotionen. Aber sie enthalten dem Zuschauer nichts Wichtiges vor. Zvyagintsev ist ein Regisseur von größter Umsicht. Nichts scheint zufällig.

Die Kamera setzt am liebsten die gerade wichtigen Schauspieler aus einer Perspektive etwas unter Kopfhöhe ins Zentrum (oder wenn sie an einem Tisch sitzen oder auf einem Bett liegen aus einer Perspektive etwas über ihren Köpfen). Die Kamera selbst (also wolle sie unauffällig in das russische Leben hineinschauen) versucht, unsichtbar zu bleiben, um ja nicht das Geschehen zu beeinflussen.

Zvyagintsev lässt dem Zuschauer genügend Zeit, in die Szene zu kommen, resp. den Schauspielern, sich ihrer Position zu nähern; nie gibt es Irritation durch Schockschnitte, immer werden die neuen Spiel- und Szenenräume – und immer perfekt hergerichtet – erst etabliert.

Irgendwann fällt den beiden sorglosen Elternteilen in ihrem neuen Liebesleben auf, dass ihr Sohn gar nicht mehr aufgetaucht ist. Da setzen sie dann doch die Behörden ein.

Voller Sorgfalt schildert Zvyagintsev den Behördenapparat (inklusive verbreiteter Kamerüberwachung, aber das nur als Wischer quasi), nimmt von Besetzung und Inszenierung her jede Figur ernst und gibt ihr ihre Würde, vor allen anderen Koordinator Ivan (Alexey Fateev) – mit Sprung in der Windschutzscheibe seines Wagens – gibt ihnen immer auch Möglichkeiten zum Schauen, zum Nachdenken, zu innerem Monolog. So wirkt alles perfekt.

Auch die Tonspur ist perfekt eingepasst, die wenn musikalisch, eher mit einer Art Rhyhtmus- oder Tondehnung, kaum im Sinne herkömmlicher Musik, oder dann ganz ohne auskommt. Denn auch ein entgegenkommender Traktor auf der Landstraße (auf dem Weg zur störrischen Oma, die eine weitere Art bescheidener Lebensqualität markiert), kann verdammt laut sein oder ein landendes Flugzeug über der Hütte der Oma oder in der Stadt das Rauschen der Stadt.

Ein Film, der die Sinne des Zuschauers bannt, der viel erzählt über das heutige Russland (auch der Ukraine-Überfall kommt in den Nachrichten vor), über das Funktionieren der Apparate von Polizei, Rettern (auch die geben in der Natur draußen mit ihren roten Signalwesten einmalige Bilder ab, wenn sie die Gegend nach Alyosha absuchen, wenn sie ganz langsam aus dem Dämmer eines Waldes oder eines Schilffeldes auftauchen).

Schmerzpunkt: die deutsche Billigsynchron, die weit entfernt von der Sorgfalt des russischen Filmarbeitsethos sich durchwurschtelt.

Ein weiteres soziales Schlaglicht wirft der Witz zweier Angestellter am Kaffeeautoamten: sagt der eine, er habe einen Volkswagen Passat, der andere, er habe einen VW-Kredit – ok, Witze mag ich nicht unbedingt im Film, aber hier drücken wir ein Auge zu, da er so schön im Rähmchen daherkommt und so wirkt, als trete er dem Kaffeeautomaten ans Schienbein – und meint dabei etwas anderes.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.