Die sind alle irr in diesem Land.

Die Japaner, die einzigen, über deren Land eine Atombombe abgeworfen worden ist, bauen wie wild Atomkraftwerke. Und auch nach der Katastrophe von Fukushima bauen sie weiter AKWs.

Die sind alle irr in diesem Land, meint der Pferdezüchter, dessen Pferde gestorben sind. Er durfte sie nicht beerdigen, solange sie nicht untersucht worden sind. So verendeten die Kadaver auf offener Weide. Das sind die horribelsten Bilder in diesem Film von Thorsten Trimpop. Sonst ist Radioaktivität eine hinterfotzige Angelegenheit, man sieht sie nicht. Sie wird hörbar, wenn Menschen mit Geigerzählern unterwegs sind im Umkreis von Fukushima. Die geben den signalhaften Sound für den Film.

Die Dokumentation konzentriert sich auf die Kleinstadt Minamisoma innerhalb der 30-Kilometer-Katastrophenzone gelegen und zur Hälfte als Kontaminationszone und somit als unbewohnbar bezeichnet.

Aber wo wollen die Menschen hin, besonders wenn sie seit Generationen hier wohnen, gar wenn sie noch einen Tempel haben? So bleiben sie hier. Sie sollten sich regelmäßig untersuchen lassen, Medikamente nehmen, Schutzmasken tragen.

Die Älteren sind sich selbst gegenüber fatalistischer, da die Wirkungen erst in 20 Jahren auftreten, sind sie dann schon sehr alt. Aber die Kinder und die Kindeskinder. Schon häuft sich Schilddrüsenkrebs beim Nachwuchs auffällig (Fachbegriff dazu: Tschernobyl-Collier). Nichtsdestotrotz erlauben die Behörden einen Marathonstaffellauf für Kinder, sie geben einen viel zu niedrigen Mikrosievertwert an.

Ein Aktivist sieht das anders. Er selbst hat sich schon lange im Bereich niedriger Strahlung aufgehalten. Er fängt an, die Folgen zu spüren: Haarausfall, Müdigkeit, chronische Erschöpfung. Er tritt in Hungerstreik, weil er ganz andere Werte misst als die Behörden an der Strecke zum Kinder-Marathonlauf. Die sind alle irr in diesem Land. Noch heute sammeln Aktivisten Staub, der hochverseucht ist, von der Straße, über die die Leute ohne Schutzanzug gehen. Und da sollen die Schulkinder vorbeirennen.

Auch ein Sicherheitsingenieur von Tepco kommt zu Wort. Er verstummt mitten in seiner Reflektion, schluckt leer, er fühlt sich für das Elend mitverantwortlich.

Man möchte sich selbst am liebsten dekontaminieren, nach dem Kino durch eine Dekontaminationsschleuse gehen und nur noch mit dem Radioaktivitätsmesser rumlaufen und mit Gesichtsmasken.

Ein Film, der das Thema ernst und differenziert angeht. In Fukushima gibt es ein Leben nach dem Unfall. Das ist kein billiger, touristischer Schnellschuss wie derjenige von Frau Dörrie, der sich mit dem Titel Grüße aus Fukushima katastrophentouristisch aufzuheizen versucht.

Als folkloristisches Zückerchen gibt es – inhaltlich angebunden über die Geschichte vom Pferdehof – Aufnahmen vom traditionellen Somo Noma Oi -Festival.

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