Konzentrierte Nachfrage.

Angela war für Christian eine Vögelbeziehung. Laut seiner Buchführung hat die Liebeszeit genau einen Monat und einen Tag gedauert (Blütlingen 1986). Angela aber war in Christian verliebt. Er wollte sie nie als Beziehung. Sie hat sich von ihm – unter Vorspiegelung falscher Tatsachen – ein Kind machen lassen. Die Mutter hat das Kind allein erzogen. Sie leben in der Nähe des Erzeugers, der ein Brillengeschäft hat, inzwischen mit einer anderen Frau verheiratet ist und mit ihr mehrere Kinder hat.

Das nichtverhütete Kind von Christian und Angela, das ist Carlotta Kittel, die Filmemacherin. Sie will mit diesem Film, der ihr Abschlussfilm an der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf ist, die Beziehung/Nichtbeziehung ihrer Eltern sezieren.

Die Eltern waren mutig oder tochterliebend genug, sich auf das Ansinnen ihrer Tochter Carlotta einzulassen. Sie hat die Eltern separat in zwei Interviewphasen befragt. In der zweiten Phase hat sie die Aussagen der ersten Phase wechselseitig vorgespielt und sich darüber mit der Mutter und dem Vater wieder separat unterhalten.

So wird der Film, der sich auf diese Interviewsituationen konzentriert, zur Introspektion einer Nichtfamilie, zur Familienaufstellung einer Nichtfamilie.

Es zeigt sich, dass die Partner wohl nicht zusammengepasst hätten; es leuchtet der Ehrgeiz der Mutter auf, sich mit der Tochter einen Kumpel und ein Team heranzuziehen, das keine Männer braucht. Denn wenn die Mutter einen Freund hatte, hat die Tochter das dezidiert vermasselt. Zu diesem Thema hat, wobei es um eine Mutter und ihren Sohn geht, July Delpy den Film Lolo – Drei ist einer zuviel bissig und humorvoll gedreht.

Vielleicht ist der Tochter durch diese Trenn-Situation viel Qual erspart geblieben, falls die beiden offensichtlich nicht zusammenpassenden Partner sich zwangsmäßig zur Familie vereint hätten. Das bleibt Spekulation. Das Leben findet nicht im Konjunktiv statt.

Der Film bietet einen symptomatischen Beitrag aus einer Welt, in der traditionelle Familienbilder und Lebensweisen dank dem Lebenskomfort und dem Wohlstand zum physischen Überleben nicht mehr nötig sind. Ein Film von preussisch-nüchterner Einfachheit. Das höchste an Kunst oder Ausschmückung ist das Bild, das an der Wand hinter dem Sofa hängt, auf dem die Mutter beim zweiten Interview sitzt: eine sich gegen die Bildmitte hin verjüngende dunkle Waldkulisse um einen See, der dort vermutlich in einen Fluss mündet; der See spiegelt diese Kulisse und den Himmel: Doppelspiel der Natur.

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