Der Geschmack von Sperma.

Es hat etwas Verschworenes, etwas Gemeindehaftes, wenn Regisseur Roland Reber, der mit Mira Gittner und Antje Nicola Mönning am Schluss mit seinem Team in einem Theater sitzt, alle kleine Kerzlein schwingen und gemeinsam singen, „Ich geh mit meiner Laterne, rabimmel rabammel rabumm….“, dazu eine zirkushafte Schlaufenmusik.

Schlaufe ist vielleicht das richtige Wort. Roland Reber scheint in der Pubertätsschlaufe gefangen mit einer 68er Antihaltung – und trotzdem Film zu machen, sich aber einer stringenten Geschichte zu verweigern, nicht die Figuren als Charaktere von Konflikten sind interessant.

Bei Reber sind die Darsteller Thesenträger. In wild durcheinandergewürfelten Szenen tragen sie das vor, was chaotisch in seinem Kopf abläuft und was er in aphoristischer Sprache, in Ansätzen in literarisch-essayistische Form bringt.

Die Themen sind die Sinn-, Identitäs- und Gottsuche; aber dem geistigen Bereich flankt immer wieder der Sex dazwischen und übernimmt die Hauptrolle; nachher muss weiterdiskutiert werden.

Die Stilmittel gehen vom theatralem Auftritt über die Kinolust am Kellergewölbe und der Überlandfahrt, dem Maisfeld und dem Baggersee; zwischen Fassbinderln und „Unterm Dirndl wird gejodelt“ changiert der Film vom Geistesfilm zum Softporno und Hardcoresexfilm. Kann sich für keines entscheiden, weil das Identitätsproblem wabert und die entscheidenden Sinnfragen nicht gelöst sind, und wo ist überhaupt Gott geblieben, und dann die Moral, die sich aufregt über Sex im Angesicht eines nackten Gekreuzigten.

Es gibt eine TV-Show-Parodie; der private Blog mit dem Handy kommt vor, das Selfie, es wird die Frage gestellt, was der Mann sei. Der Musikscore ist ein Mix aus was gerade greifbar ist und immer wieder gibt es Songversuche. Reber öffnet uns seine Gedanken- und Sexkiste freizügig, aber sie treibt ihn auch vor sich her. Seine Gemeinde macht es ungehemmt mit, lobt den Geschmack von Sperma und schluckt dieses auch. Jeder nach seinem Gusto.

Ein Mann sitzt auf einen Sessel geflezt, schwebt pathetisch in seinen geistigen Sphären von Sinnsuche, Hilfe, Tod und Wiederkehr des Gleichen. Neben ihm sitzt eine nackte Frau, sie beugt sich über seinen Schritt, bläst ihm einen; in seiner Stimmführung findet der Blow-Job ein gewisses Echo. Er meint, ein Tier würde er nie überfahren, nachdem die Frau sich von ihm ab- und der Kamera, die das filmt, zuwendet. Die nackte Frau geht über eine Steg von Blütenblättern, nicht ganz so opulent wie bei Disney in Coco. Sie geht jetzt aufrecht und macht ein Selfie von sich.

Nächste Szene, Abspielen vom Handy: ein Lob des Spermas und seins Geschmackes und ein Lob der Freiheit, das zu schlucken, was man wolle. Nikki nimmt Jana mit; Viedoblog. Undsoweiter. Konsumterror. Denken? Das schmutzige Gemisch von Liebe.

2 Antworten zu “Der Geschmack von Leben”
  1. Pia sagt:

    Ich finde Antje Moenning mutig und wunder hüpsch. Es sind keine billigen Pornos, es
    erinnert mich ein wenig an Fassbinder.
    Wenn ich ehrlich bin, warte ich jetzt auf eine explizite Sexskene! Antje, trau dich…

  2. Stefe sagt:

    Vielen Dank, Pia, für Ihr Feedback.
    Wobei Mut sicher auch eine relative Sache ist. Hier befinden sich die Darsteller durch das Gemeinschaftsgefühl, das Reber seiner Gruppe gibt, in einem gut geschützten Raum.
    Dass Antje Moenning hübsch ist, sei ihr nicht abgesprochen.

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