The Shape of Water – Das Flüstern des Wassers

Rehabilitation des Hollywood-Anstandes?

Ein schöner Ausflug in ein Hollywood, das sich in traditionell meisterlicher Kinematographie auskennt, sich treu bleiben und gleichzeitig sich auf den an sich ja propagierten Anstand besinnen möchte.

Dafür wählt Guillermo del Toro, der mit Vanessa Taylor auch das Drehbuch verfasst hat, eine Geschichte, in der das Kreatürliche als Symbol naturgegwachsenen Anstandes (wobei dieses, wenn es unanständig behandelt wird, sich zum Monster auswächst, auswachsen kann – eh klar) eine gleich doppelt tragende Rolle spielt und sich dadurch wunderbar abheben kann von der Hybris des industriell-militärisch-wissenschaftlichen Komplexes, in dem ein Teil der Handlung spielt.

Die menschliche Protagonistin ist Elisa (Sally Hawkins). Sie ist stumm, kann aber hören. Sie wohnt kinonostalgisch unterm Dach über einem Kino. Ihr Mitbewohner Giles (Richard Jenkins) ist ebenfalls ein Einzelgänger. Er ist Werbemaler – und auf der Werbetafel des Kinos ist „MARDI GRAS“ anfänglich mit einem zweiten „S“ geschrieben.

Elisa arbeitet als Putze in einem Topsicherheitsbereich von Militär und Forschung. Was den Anstand betrifft – den im Allgemeinen und den von Hollywood im Besondern, wobei Anstand vielleicht ein Oberbegriff für die sexuellen Übergriffstories bildet, hinzukommen Mobbing etc. – gibt das Saubermachen von Toiletten und Pissoirs genügend Stoff für Gespräche zwischen ihr und ihrer Kollegin Zelda (Octavia Spencer); immer den Anstand als Folie davor oder dahinter: Beobachtungen über männliches Pissverhalten. Da kommt auch der übliche Geschlechter-Kultur-Unterschied zu Relevanz.

Der andere Protagonist des Kreatürlichen ist ein Sci-Fi-Wesen, das der Geheimdienst aus dem Amazonas angeschleppt hat und in Ketten in einem Bassin gefangen hält. An diesem Wesen ist auch der russische Geheimdienst interessiert, wodurch dem Film noch das Element eines Spionagethrillers appliziert wird.

Elisa entdeckt dieses Wesen bei der Arbeit, entwickelt ein Verhältnis zu ihm und bekommt mit, dass es getötet werden soll. Sie will es retten, und verleiht so dem Film weiteren Thrill.

Entführung und Befreiung des Wesens gelingen Elisa hochprofessionell unter Mithilfe von weiteren Akteuren. Zuhause bewahrt sie es in der Badewanne auf, vertieft die Beziehung und macht klar, dass wenn der Mensch die Kreatur anständig behandelt, diese auch ihn anständig behandelt.

Ein schönes kleines Beispiel als Beitrag zur Diskussion über Missbrauch und Verführung durch Mächtige hat Guillermo del Toro eingefügt. Es ist eine Szene des Malers in einer Bar. Der Maler, als Kunde der Mächtige, betoucht den Kellner am Arm. Dieser weist den eindeutigen Anbandelversuch resolut zurück und verweist den Maler des Lokals. Hollywood bleibt sich in seiner propagierten Moral treu.

Inhaltlich wird auf das Tantalus-Thema referiert. Am Fernsehschirm werden Glanzzeiten von Hollywood erinnert. Und der türkise Cadillac, der ist eine Show und eine Reminiszenz für sich. Eingefügte Kalenderblattmoral: das Leben ist nur der Schiffbruch unserer Pläne – die lenkt doch wunderbar ab vom Anstandsthema, das weit umfassender ist, ein Grundproblem unserer Zivilisation, das weit über Anbandeln und Missbrauch hinausgeht – das aber garantiert mit dem Respekt vor dem Natürlichen zu tun hat.

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