Königin von Niendorf

Die Bande und das Mädchen.

Ein richtig schöner Film aus deutschen Landen. Ein Film über jenen merkwürdigen Moment im Leben, der auf eine Art fast ein Stillstand ist, wenn die Kindheit zu Ende geht und die Pubertät vor der Tür steht, deren Ahnung wohl mächtig Raum in einem spührenden Kinde einnimmt, dass sein Verhalten sich bereits etwas ändert. Der Moment präpubertärer Sinnlichkeit in einem Sommer voller Ahnungen.

So ergeht es Lea (Lisa Moell), der Hauptfigur, der Königin von Niendorf, wie immer man das interpretiert, ob auch dieser Moment im Leben so frei gesehen wird, dass er königlich ist.

Sommerferien fangen an. Lea will nicht mehr mit ins Camp fahren. Sie will die heimatliche Gegend genießen, sie findet es hier cooler. Weil sie Anschluss an eine Bubenbande findet.

So ein Kind wirkt, und das zeigt Joya Thome, die mit Philpp Wunderlich auch das Drehbuch geschrieben hat, wunderschön, wie eine freie Radikale. Lea fährt mit dem Fahrrad umher, besorgt Milch für zuhause, sie kreist um das Leben in dem verschlafenen Ort, nimmt es aus den Augenwinkeln wahr, es läuft en passant ab.

Und en passant fängt Thome das für den Film ein, den sie in fast quadratischem Format und mit starken Farben vor des Zuschauers Auge ablaufen lässt, nie wird ihm was aufs Auge gedrückt oder ins Ohr gebrüllt.

Joya Thome ist erblich belastet als Tochter von Rudolf Thome, der ausdrücklich im Abspann nicht genannt werden möchte oder nur als derjenige, der seinen Bauernhof als Dreh- und Aufenthaltsort für das Filmteam zur Verfügung gestellt hat, zu erkennen an den unifarben gemalten Wänden, die schon in der Doku über Rudolf Thome – Überall Blumen zu sehen waren.

Joya Thome hat ein feines Händchen für die Schauspieler aller Altersklassen, hat ein waches Auge für zauberhaftes Licht und farbenstarke, träumerisch-schöne Bilder, hat ein feines Ohr für die leisen Töne, überhaupt ein Gespür für ein ideales Zusammenwirken der verschiedenen Gewerke eines Filmes.

Auch die Story ist fast eine Nebenbeigeschichte. Wie Lea sich mit der Bubenbande zusammentut, was sie als Mutübung bestehen muss, damit sie anerkannt ist, wie die Kids in der Baumhütte hocken oder sogar gegen eine politische Sauerei eine Aktion unternehmen, nicht ganz legal, schülerstreichhaft. Wie ihr Leben um das Leben der Erwachsenen und auch anderer Jugendlicher kreist. Ein Moment voller Neugier bei gleichzeitig kritischer Distanz zu den meisten Erwachsenen oder verhaltenem Vertrauen zu einem skurrilen Musiker. Ein Interesse an der Erwachsenenwelt in einer Mischung aus Anziehung und Abstoßung; vielleicht einer der wenigen freien Momente im Leben.

In ihrer Haltung zum Leben und zum Kino erinnert Thoma an Renoir ohne auch nur eine Sekunde nostalgisch oder epigonenhaft zu wirken. Fürs deutsche Kino ist das ein Wunder.

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