Anne Clark: I’ll walk out into Tomorrow

81 kathartische Minuten Begegnung mit Anne Clark ermöglicht Claus Withopf mit diesem Film über die Sängerin und Lyrikerin.

Fast 10 Jahre lang suchte Withopf sie immer wieder auf bei Auftritten, Konzerten, im Studio, im Probenraum, zuhause beim Schreiben und er machte mit ihr sogar eine kleine Tourismusfahrt in die Gebiete ihrer Jugend in einem Arbeiterviertel in London. Dieses war kunstfeindlich eingestellt. Jemand, der mit Singen und Texten sein Geld verdienen wollte, wurde hier schief angesehen. Eine intellektuelle Diskussion fand in der Familie nicht statt. Das Schreiben war Annas Ventil.

Claus Withopf hat aus diesem vielseitigen Material einen fessselnden Videoclip mit vielen Songs und Bildspielereien dazu montiert.

Der Film wirkt durchgehend musikalisch, obwohl gelegentlich, wenn Anne Clark erzählt, die Musik ganz wegbleibt, aber sie hallt nach und dann setzt sie schon wieder ein, wodurch dieser nüchterne dokumentarische Duktus einer Anlehnung an die Haltung der Künstlerin zu Leben und Beruf weicht.

Clark verdankt ihren Einstieg dem Punk und der New Wave. Die wollten tun und machen unabhängig von den etablierten Studios und Markthirschen. Das war für sie, die keine Beziehungen zum Business hatte, die einzige Möglichkeit. Sie hat sie genutzt.

Bald schon hatte sie sogar kommerziellen Erfolg. Geld wie nie. Aber ein untreuer Tourmanager ist mit dem ganzen Geld abgehauen. Eine bittere Erfahrung. Sie hat sich nach Norwegen in die Stille zurückgezogen. Und dann unbefangen wieder angefangen.

Kommerzielles Denken liegt ihr nicht. Sie weicht von ihrer Punkhaltung nicht ab, das zu singen, was sie bewegt. Es sind die elementaren Dinge von Angst und Liebe und Sehnsucht und dem Alleinsein.

Die Intonation ihrer Songs könnte bildlich dargestellt werden als die Haltung eines Menschen, der etwas Ersehntes vor sich sieht, es nicht greifen kann und ganz konzentriert die Hand darnach ausstreckt.

So ein Mensch ist für menschliche Tricks nicht zu haben. So ein Mensch macht keine Angst. So ein Mensch gibt auch den Menschen um ihn herum das Gefühl, Mensch zu sein, nur Mensch – ohne jedes Bedeutungsgetue.

Ihre Interviewantworten sind in keiner Weise Image- oder Selbstdarstellungstexte wie bei so vielen, sie sind Ausdruck ihrer künstlerischen Selbstreflexion. Starhabitus ist ihr fremd. Sie hat eine klare Vorstellung von ihrer Musik, da kommt es durchaus zu Auseinandersetzungen mit den Musikern.

Und sie hat ein Faible für Deutschland, für die Dichter und die Kultur. Sie vertont Rilke. Withopf hat aus diesem Material über die Künstlerin Anne Clark selbst ein kleines, filmisches Kunstwerk geschaffen, das so anregend ist, wie das Betrachten eines Bildes eines großen Künstlers in einer Pinakothek, wobei gleichzeitig noch ein Konzert gegeben wird.

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