Archiv für 4. Januar 2018

Der erste Kinostarttag des neuen Jahres kann sich nicht so recht entscheiden. Key West als Schlüssel nicht nur für Hemingway. Filmbilder brauchen die Musik. Als in Amerika noch Träume wahr gemacht werden konnten. Nicht nur die Menschen zerstören den Dschungel. In Polen gibts rustikale Tierschützer und in Belgien rustikale Senioren. Das deutsche Kino strampelt sich am Willen zum Superhelden ab. Zum Sylvester gab stefes 33 Favoriten 2017. Und am Fernsehen wurde Scheitern titelgebend wie inhaltlich zum Programm.

Kino
THE LEISURE SEEKER
Rentner reißen halsbrecherisch aus mit einem Campingbus voll Erinnerungen in Richtung Florida.

SCORE – EINE GESCHICHTE DER FILMMUSIK
Wie ein Film musikalisch gebettet wird, so träumt der Zuschauer.

THE GREATEST SHOWMAN
Die Karriere von Barnum, dem Zirkusgründer, althollywoodisch durchgeblättert.

DIE DSCHUNGELHELDEN
Hier ist der Panda der Böse – aber der Elan der Dschungelhelden vereitelt seinen zerstörerischen Plan.

DIE SPUR
Unterschätzt die Tierschützer nicht!

ALTE JUNGS – RUSTY BOYS
Das Alter und der luxemburgische Nihilismus.

LUX – KRIEGER DES LICHTS
Und wieder wird ein großer Kinostoff auf deutsches Subventionsformat geschrumpft.

STEFES 33 FAVORITEN 2017
Für die schönsten, die besten und die spannendsten Filme 2017 braucht stefe mindestens 33 Kategorien.

TV
DAS INSTITUT – OASE DES SCHEITERNS: DEUTSCHE EINHEIT
Törichter Zwangsfunkhumor I.

DAS INSTITUT – OASE DES SCHEITERNS: NULL NEGATIV
Törichter Zwangsfunkhumor II.

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Schilderung und Krimi.

Janina Duszejko (Agnieszka Mandat-Grabka) liebt ihre Hündinnen Lea und Bialko so sehr, dass sie sie ihre Töchter nennt. Der Pfarrer aus der kleinen Ortschaft in der Nähe findet das eine Sünde. Frau Duszejko wohnt in einer Waldgegend in Polen an der Grenze zu Tschechien. Sie liegt im Clinch mit den Behörden und mit den Männern, die jagen in einer Gegend, in der die Menschen mit den Anforderungen der Zivilisation überfordert sind.

Der Film von Agnieszka Holland (In Darkness – Eine wahre Geschichte) mit Regieunterstützung von Kasia Adamik ist die Verfilmung des Romans von Olga Tokarczuk.

Agnieszka Holland montiert mit großzügig kinematographischer Geste im Sinne eines kulinarischen Kinos Impressionen aus dieser Gegend voll Schwere und Düsternis, unterstützt von einem oft dräuend-drängenden Score.

Der spekulative obskur, okkulte Aspekt wird noch verstärkt durch die Betonung von Frau Duszejkos Fähigkeit, mittels Horsokop das Ableben eines Menschen vorauszusehen, weshalb sie auch mitten in einem Verhör den Staatsanwalt oder den Polizisten nach den genaueren Umständen seiner Geburt, vor allem Datum und Uhrzeit fragt.

Unheil liegt in der Luft. Frau Duszejkos beide Hunde verschwinden.

Es ist eine Gegend, in der überdurchschnittlich viele Blake-Übersetzer lebten. Auch Janina, die so nicht genannt werden möchte, ist Englischlehrerin, hat sich mit William Blake beschäftigt. Sie hat Blakes Apfelbaum beeindruckt, der nicht die Buche fragt, wie er wachsen soll. Solche Hinweise verankern einen Film in der Literaturgeschichte, geben ihm Gewicht.

Und wie Blake durchquert der Film ein Menschenreich. Ein weiterer Kultur- oder Zivilisations-Hinweis ist der Insektenforscher Boros Schneider (Miroslav krobot) von der Universität in Olmütz. Er bringt Informationen über Insekten in den Film, über einen schützenswerten Käfer, der hier in der Gegend sein südlichstes Vorkommen habe und durch die EU-Habitatverordnung geschützt sei, aber Bäume würden trotzdem gefällt, darüber kann sich Frau Duszejko herrlich aufregen.

Wie sie sich ebenso aufregen kann über einen in der Verbotszeit erlegten Frischling. Sie regt sich so auf, dass die Behörden sie nicht ernst nehmen. Wie diese sowieso auf Seiten der Jäger, Wilderer und Tierquäler stehen. Anzeige über Anzeige wegen Tierquälerei versandet.

Im Laufe des Filmes häufen sich die unnatürlichen Todesfälle auf Seiten der Jäger, Wilderer, Tierquäler. Der Film ist unterteilt in die verschiedenen Jagdsaisons. Als Kapitelüberschrift ist zu erfahren, was zu jagen erlaubt ist. Oft sind die Leichen von Insekten zerfressen. Insektenlockmittel spielen auch eine Rolle.

Auf die Seite von Duszejko schlagen sich ein neu aufgetauchter junger Informatiker, der verstecken will, dass er Epileptiker ist, eine junge Frau, die einen Job bei einem dubiosen Unternehmer gefunden hat (Vermutungen von illegalen Spielcasinos und Prostitution). Nachbar Matoga (Wiktor Zborowski) ist etwas undurchsichtig.

Weitere Sujets im Film: der schwatzhafte Postbote, der polnische Pilzesammlerverein und dessen Maskenball, minimalistisches Wohnen (nicht mehr als 80 Gegenstände), eine kirchliche Segnung der Jagd, brutale Käfighaltung von Füchsen und der Einfluss von Pheromen auf Käfer. Und Tierschutz.

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Paolo Virzis letzter Streich war spektakulär, Die Überglücklichen, die vom Ausbrauch zweier Frauen aus der Psychiatrie in die toskanische Landschaft handelten.

Jetzt zeigt Virzi, diesmal in Amerika an der Ostküste, dass er auch weniger spektakulär kann, dass er damit aber vielleicht noch näher ans reale Leben rangeht – und ganz diskret seine Zweifel an der Sinnigkeit solchen Lebens, das vor allem aus Banalitäten besteht, anmeldet.

Er lässt (das Buch hat er mit Stephen Amidon und Francesca Archibugi nach dem Roman von Francesco Piccolo geschrieben) ein amerikanisches Mittelklassepaar, hochbetagt, aus der Altersroutine ausbrechen, nochmal eine Reise machen. Ein Roadmovie mit dem Campingbus The Leisure Seeker.

Ella und John (Helen Mirren, der der Spaß an der Rolle mit dem amerikanischen Zungenschlag und der Billigperücke anzumerken ist, und Donald Sutherland, bei dem man um jeden nächsten Satz bangt, so überzeugend spielt er die Ansätze von Alzheimer und man betet zu Gott, wenn er am Steuer sitzt, schnappen sich ihren alten Campingbus und brausen los. Ihre Kinder Jane (Janel Moloney) und Will (Christian McKay) informieren sie nicht.

Wie die Kinder das Verschwinden bemerken, wollen sie erst alle Hebel in Bewegung setzen, um die beiden zurückzuholen; aber die Einsicht, dass es sich um erwachsene Menschen handelt, hält sie davon ab.

Ein Teil des Schönen dieser Tag betrifft die Vergangenheit. Abends setzt sich das Paar vor den Bus, spannt ein Bettlaken auf, wirft den Diaprojektor an, betrachtet Bilder der Familie von früheren Urlauben. Melancholie wie selten.

Es gilt auch, ein literarisches Problem zu lösen, warum Autor Coleman, den sie im Altenheim aufsuchen, seine Fixierung auf Boxershorts habe und ob er selbst welche trage – auch das Hinweise auf das ungeheure Gewicht von Kultur in unserer Welt.

Die Reise hat ein Ziel: das Hemingway-Museum in Key West. Wozu ist Hemingway gut? Für den ehemaligen Englisch-Lehrer John dient er vor allem dazu, hübsche Bedienungen in den Schnellrestaurants anzumachen, sich erhaben zu fühlen ob ihrer Ahnungslosigkeit, bis ihm eine attraktive Dunkelhäutige Gegenrede bietet und sagt, sie habe den gerade bei ihrer Abschlussarbeit behandelt.

Sie sind Leisure Seeker, könnte man auch sagen, sie suchen Freizeit, Musse – von was? Erholung vom Leben? Etwas aber scheinen die beiden, zumindest Ella, kapiert zu haben: man muss aufhören, wenn es am schönsten ist. Auch das ist eine Kunst, die zur Selbstbestimmung des modernen Menschen dazugehört.

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Hollywood at its Gelecktest.

Die betagte Dame Hollywood, geliftet, faltenfrei und mit extrahierten Tränensäcken möchte sich noch mal derrappeln, möchte sich erinnern, kämpft gegen häufige Absenzen (dafür spricht der Schnitt), möchte den alten Studiostaub nochmal aufwirbeln.

Oder: die alte Dame Hollywood geht in sich, fragt sich, waren wir mit unserem Starsystem nicht ebensolche Freaks wie diejenigen in Zirkus Barnum, dessen Gründer P.T. Barnum (Hugh Jackman) dieser Film von Michael Gracey nach dem Drehbuch von Jenny Bicks und Bill Condon gilt?

Stimmt es, dass Hollywoods Starsystem funkitoniert hat, egal, was die Stars spielten, egal, ob die Rolle passte oder nicht? Dass es bei Stars keine Besetzungsfehler geben kann, da sie eh nur als Abziehbilder ihrer selbst inszeniert, perfekt gedresst, geschminkt, beleuchtet werden mit ihren vom Gesichtschirurgen geschönten Gesichtern, dass man immer das Gefühl hat, die kommen gerade aus dem Wohnwagen, aus der Maske, aus der Garderobe neben dem Set und jetzt spielen sie in kleinen Ausschnitten wie im Staatstheater mit großer Pose ihre gut auswendig gelernten Sätze?

Der Kamera fällt nichts weiter ein als im öden Schnitt-Gegenschnitterfahren mit viel Brachfläche drumherum die Stars korrekt einzufangen mit ihrem automatischen Lächeln und ihren schön geöffneten Augen, die sie kaum mehr schließen können.

Und es geht um den amerikanischen Traum, der seit Mr. Trump zum stupiden Ellenbogentraum verkommen ist. Hier ist er noch möglich. Vom armen Schneiderbuben zum reichen Zirkusunternehmer mit fetter Villa.

Die Szenen, die den Boden für die Geschichte legen, die sind süß. Sie zeigen Barnum als Kind eines Schneiders mit löchrigen Schuhen. Sein Vater muss in einem superreichen Hause Anproben machen. Bub darf mit. Bekommt Blickkontakt zum etwa gleichaltrigen Mädchen Charity. Das erhält gerade Benimm-Unterricht von einer Gouvernante.

Das zeigen die wirklich schön und haben dafür goldige Kinder ausgewählt. Der Blick der beiden hat die Liebe gleich entbrannt. Er imitiert sie; sie bricht in prustendes Lachen aus, spuckt den Tee aus. Vom Vater bekommt der Bub eine Ohrfeige. Aber der Kontakt ist hergestellt.

Barnum verspricht Charity ein ebensolches Haus und einen ebensolchen Wohlstand. Obwohl er nichts hat außer seinem Talent zum Großtun, zum Zugreifen im richtigen Moment, zum Aufschneiden und dem Schmieden von Plänen.

Der Schock für den Zuschauer ist allerdings groß, wie nach einem Schnitt die beiden entzückenden Kinder Erwachsene sind. Der Bub wird jetzt von Hugh Jackman und das Mädel von Michelle Williams gespielt. Da ist das Zarte gänzlich verschwunden. Die Bewegungen dieser beiden sind ohne Leichtigkeit, ohne Elan. Es sind Hollywood-Stars geworden, die die Geschichte des Zirkus Barnum bebildern.

Diese Erfolgsstory erzählt der Film zügig, aber ohne Rücksicht auf eine dramturgisch-innere Entwicklung; er hackt bildlich die Stationen ab, macht einen auf Sichten der Chronologie, Antippen der einzelnen Stationen, immerhin mit recht leisen Szenen dazwischen, die aber zu offensichtlich auf bedeutungslastigen Rühreffekt aus sind und auch immer wieder gesungen, auch leise, Untertext, es wird eine wichtige Geschichte erzählt wird.

Weitere Hollywood-Stars, die mitspielen sind Zac Efron als Phillip Carlyle, den Barnum für seinen Zirkus requiriert und Rebecca Ferguson als Opernsängerin Jenny Lind. Diese lernt Barnum bei einem Gastspiel in London kennen und eröffnet ihr den amerikanischen Markt.

Sein erstes Geld für ein Wachsfigurenkabinett holt Barnum sich von der Bank mit Papieren, die den Besitz von Handelsschiffen bescheinigen, die er aus seinem Pleite gegangenen Handelskontor gerettet hat, in welchem er simple Zahlenreihen addieren musste; die Schiffe aber lagen längst im fernen Asien auf dem Meeresgrund. Den Studioeindruck kann der Film in kaum einer Szene ablegen. Und garantiert humorfrei ist er auch.

Immerhin erfährt man ein Bisschen was über diesen Zirkus und seine Entstehung.

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Ein komfortabler Film, der einen mit vielen bekannten und berühmten Szenen- und Musikausschnitten aus der Filmgeschichte, überwiegend der Hollywoodfilmgeschichte, angenehm verköstigt.

Die Interviews mit den Komponisten, Regisseuren und anderen Koryphäen des Faches sind schmerzlos kurz, bringen Anekdoten zum Vorschein, etwa der Komponist, der nach einem Publikumsscreening seines Filmes sich in den Klos versteckt, um zu eruieren, ob Zuschauer Melodien aus dem Film nachpfeifen. Ehrlicheres Feedback ist kaum möglich.

Oder vom Schock des Komponisten, wenn er noch tief in der Arbeit zu einer Filmmusik steckt und in der Öffentlichkeit bereits riesig die Plakate für den Film werben.

Diese Dokumentation von Matt Schrader bestätigt, was immer schon zu vermuten war, oft aber nicht leicht zu formulieren ist für den Filmschreiber, was der Einfluss der Musik auf das Filmerlebnis ist, was die Musik mit den Gefühlen der Zuschauer im Zusammenhang mit den Bildern anstellt.

Dass sie was anstellt, wird am deutlichsten klar, wenn eine Filmstelle erst ohne Musik und dann mit gezeigt wird. Allerdings verzichtet der Film auf Experimente, wie eine Filmstelle zu unterschiedlichen Musiken wirken könnte.

Spannende Einblicke gibt es in Studios mit Filmorchestern und wie die Komponisten damit umgehen. Der eine will seine eigene Musik am liebsten selbst dirigieren, der andere hört sich das Ergebnis lieber aus dem Regieraum mit dem hochkonzentriert lauschenden, vielfältigen technischen Personal an und glaubt, so besser die Feinheiten herauszuhören.

Ein durch elektronische Musik kaum zu erzeugender Effekt bei einem Orchester ist der „Chor“-Effekt; dass kein Musiker exakt dasselbe Timing hat wie der andere, dass dauernd Unschärfen passieren, die den reizvollen Klang eines Orchesters ausmachen; wodurch wohl auch mehr Lebensnähe erzielt wird.

Gerühmt wird auch die Fähigkeit der Filmorchester, ab Blatt zu spielen; sprich: mit wenigen Proben oder gar keinen.

Ein Vorentscheid über die Musik entsteht schon durch die Vergabe des Komponier- und Spielauftrages: das Fox-Orchester in L.A. habe einen härteren Klang als das von Abbey-Road in London. Und auch der Entscheid für einen Komponisten ist ein Vorentscheid über die Musik. Wobei Hans Zimmer, den man in unzähligen Filmabspannen schon gelesen hat, immer für eine kreative Überraschung gut sei; er habe als erster Filmorchster mit elektronischer Musik kombiniert.

Für den Kinofan ist dieser Film ein wunderbares, erholsames und gleichzeitig anregendes Beiprogramm zum „normalen“ Kinobesuch mit der Erinnerung an einen Schwung von unvergesslichen Filmmelodien und Filmszenen, gleichsam ein Bad in der klassischen Kinomusikgeschichte.

Und es soll niemand glauben, es hätte je den reinen Stummfilm gegeben: von Anfang an, bei den Gebrüdern Lumières noch Ende des 19. Jahrhunderts, gab es schon die Begleitung durch einen Pianisten, später kamen Orchester oder Wurlitzer-Orgel dazu.

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Franz Rogowski

ist im Moment in Deutschland von den Schauspielern, die überhaupt fürs Kino gecastet und dann auch noch besetzt werden, der einzige, der immer auch das Kreatürliche an einer Figur durchscheinen lässt, das kann ein verhaltener Blick oder ein kaum hörbares hm, ahm sein. Dadurch genießen seine Figuren erhöhte Empathie.

Das ist einem Michael Hanecke nicht verborgen geblieben, der ihn in Happy End gleichwertig mit internationalen Stars wie Isabelle Huppert, Jean-Louis-Trintignant oder Mathieu Kassovitz besetzt hat.

Rogowski ist auch in diesem Debüt-Film von Daniel Wild als Titelfigur das Pfund, mit dem er wuchern kann. Man schaut ihm zu, diesem Gutmenschen, der in der Verkleidung des Superhelden Batman in einer deutschen Großstadt Gutes tut, Essen an Obdachlose verteilt.

Eigentlich heißt er Thorsten. Diese Aktivität von ihm ist eine rührende Idee und sie wirkt ehrlich. Darin liegt aber auch die fundamentale Schwäche des Drehbuches, zu dem sogar ein Berater im Abspann genannt wird. Auch die Entschuldigung an eine Reihe von Darstellern im Abspann, dass ihre Szenen der Dramaturgie geopfert worden seien, lässt vermuten, dass schon die Dramaturgie im Drehbuch nicht sonderlich überlegt war. Es scheint sich um Schadensbegrenzung zu handeln.

Die Exposition des Filmes ist ja noch ok. Sie zeigt uns diesen Superhelden, wie er mit seiner Berliner Mutter lebt, wie er arbeitet im Supermarkt, wie er in seinem Zimmer eine Nähmaschine stehen hat, mit der er sein etwas plumpes und wenig faszinierendes Batmankostüm selber herstellt.

Auch die anfänglichen Voice-Over Kommentare mit der angenehmen Stimme von Rogowski wirken vereinnahmend, wie er sein Handeln begründet. Ein schmieriger Medienproduzent möchte seine Aktion mit Clips im Internet vermarkten. Auch das mag noch angehen. Allein, es ist zuwenig, es ist nicht ergiebig.

So wird jetzt der Impetus des Medienmenschen und seiner ebenso undifferenzierten Crew den Film auf gefährliches Terrain führen. Das geht soweit, dass einem Obdachlosen Koks untergejubelt wird und er dann vor laufender Kamera von der hintenrum informierten Polizei festgenommen wird und im Knast landet.

Allerdings steigt die Story da auch so ungeschickt ein, dass es für eine Mediensatire nicht ausreicht.

Ab hier nimmt der Film einen desaströsen Verlauf, der noch verstärkt wird durch einen Score, der sich irre wichtig macht und eine Kamera, die sich selbst für ein Spielzeug hält, das nichts mit der Geschichte nichts zu tun hat, und durch einen Regisseur, der von Schauspielerführung eher unbeleckt scheint; wobei dieser Eindruck durch den Cast noch verstärkt wird, der im Gegensatz zu Rogoswki-Figur extrem hart und unnuanciert daherkommt, wie Auswendiglern- und Platzbeharrschauspielerei, die Frauen noch härter und glatter als die Männer, allen voran Kitty.

Noch klischeehafter wirkt der Table-Dance und Prostitutionshintergrund, der dieser Kitty-Figur zugeschrieben wird. Im Milieu verfranst sich die Story definitiv, greift zu Krimimitteln, dass der gute Thorsten nachts beim Geschäftsführer einbrechen muss, krude gedacht, krude inszeniert, krude montiert: bleifüßig.

Das ist vielleicht zu lernen, dass ein wahrer Gutmensch nicht auf Quote und auf Erfolg getrimmt werden kann. Aber das wussten wir schon lange. Es scheint den Regisseur und die Produzenten wenig interessiert zu haben, ob der Film im Kino auch konsumierbar ist, an den Kunden, der ihnen das investierte Geld zurückbringen soll, scheinen sie nicht gedacht zu haben.

Das deutsche Kino tut sich nicht unbedingt einen Gefallen, wenn es so liederlich und unbedarft sich an eine Superheldenstory heranwagt. Im Vergleich mit Hollywood lässt es die Defizite der deutschen Filmkultur überdeutlich sichtbar werden. Das deutsche Kino als der behinderte, kleine Bruder Hollywoods. Unvorstellbar, dass so ein Film in den USA genau so hergestellt würde, schon gar nicht in den großen Studios, aber genauso wenig von unabhängigen Filmemachern.

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Ein Lob des Élan vital, der Spontaneität, der Pfiffigkeit, der kleinen Handlung mit großer Wirkung und ein Votum für den Erhalt des Dschungels.

Denn der Dschungel ist gefährdet. Der böse Koala Igor züchtet in einem Bergwerk mit Sklaven – in diesem Animationsfilm kommen nur Tiere vor – explosive Knallpilze. Mit einer Installation von diesen an einer langen Reihe und unterirdisch hat er bereits eine Kettenreaktion unter dem Dschungel vorbereitet. Eine kleine Lunte wird genügen, um den Dschungel zu erschüttern und zu zerstören.

Der böse Koala ist selbst ein Stehaufmännchen. Die Gruppe der Asse hatte Koala nämlich auf eine einsame Insel verbannt. Aber Igor ist clever, beugt vor, schmuggelt in einer Zahnlücke den Samen für eine Palme. Da kann seine Leibkrabbe Surimi sich nur wundern. Es braucht lediglich etwas Zeit, bis die Palme so groß ist, dass aus dem Stamm ein Floss gemacht werden kann; das bleibt der Fantasie des Zuschauers überlassen, die Filmemacher David Alaux, Éric und Jean-Francois Tosti sind nicht an Perfektionismus interessiert, halten sich nicht mit solch zimmermännischen Aktivitäten auf.

Sie sind fasziniert von Geschwindigkeiten, Wendigkeiten und Kettenreaktionen, die gezielt oder ungezielt in Gang gesetzt werden und die Geschichte und das Abenteuer vorwärtstreiben.

So vergeht im Film die Zeit ganz schnell und die Palme ist groß, so dass der Zuschauer gar nicht dazu kommt, sich zu fragen, wovon die Inselbewohner sich denn solange ernähren.

Schon ist Igor zurück. Inzwischen gibt es zwei Gruppen im Dschungel. Neu sind die Dschungelhelden, das sind der getigerte Pinguin Maurice, der blaue Gorilla Harry, die Fledermaus Flederike, das Koboldäffchen Grummel und Tigerfisch Junior.

Die Dschungelhelden gehen aus der Gruppe der Asse hervor mit Faultier Tony, Nashorn Goliath, Stachelschwein Ricky und der Tigerin Natascha.

Diese beiden Gruppen müssen versuchen, Igor das Handwerk zu legen und in letzter Sekunde die Zerstörung des Urwaldes zu verhindern; das heißt, sie müssen zusammenspannen, um die enormen Sicherheitsvorkehrungen von Igor zu seiner Festung mit den Schimpansen zu knacken.

Sie müssen jede Menge Hindernisse überwinden, die Wächter überlisten, zum Beispiel, indem der blaue Gorilla sich braun anmalt oder auch der Pinguin junior. Sie müssen eine wahnwitzige Fahrt in einer Lore über halsbrecherische Schienen extremer als bei einer Achterbahn bewältigen und artistisch diese noch in rasender Fahrt reparieren.

Es zeichnet sie aus, dass sie mit kleinen Mitteln große Effekte erzielen. Faszinierend ist die Leichtigkeit wie Tennisbälle, mit der sie durch die Gegend und die Luft fliegen und sich schleudern lassen oder sie müssen mit einem trapzegefährlichen Vorgang eine Kopie des Schlüssels zum mit Knallpilzen hochgesicherten Tor anfertigen.

Der Film transportiert diese befreiende Leichtigkeit wohltuend durch den Verzicht auf Perfektionismus, der einem Film schnell die Poren zum Atmen verschließen kann.

Die Dschungelhelden haben ein edles Motiv: sie wollen für Gerechtigkeit sorgen.

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Datterfarce.

Ein Film aus Luxemburg. Ein reiner Luxemburg-Film. Luxemburg fährt alles auf, was es an Schauspielern hat. Vor allem alte. Ein Film über das Alter in Luxemburg, seine Sinnlosigkeit, seine Hoffnungslosigkeit.

Ein Film voller Lust am Nihilismus, am Pessimmus und daran, das Alter trottelig und als Selbstzweck vor dem Sterben darzustellen.

Der Film fängt an mit einem Blick in ein verlottertes Altenheim. Der Hausmeister treibt seine Geschäfte, verkauft den Insaßen Dinge, die ihnen fehlen, wie Fernsehprogramme über die Natur. Es stellt sich heraus, dass es dabei um Jäger und 5 nackte Frauen geht. Und das 20 Minuten lang! – wie die klischeehaft penetrante, junge Heimleiterin mit der strengen Frisur und der Brille meint. Sie kickt gleich mehrere Bewohner raus, auch weil sie rauchen oder weil sie für einen Mitbewohner zum Geburtstag eine Nutte organisieren. Einer aus dem Kreis der präsenilen Protagonisten wohnt in seinem Gartenhaus, züchtet Tauben. Einer hat eine Tochter, die Taxi fährt und deren Mann ist ein Klinik- und Altenheimclown.

Der Filmemacher Andy Bausch sieht alles am Alter, was dem Zuschauer den Boden unter den Füßen wegziehen kann, hebt es hervor, lässt die Alten trotteliger spielen als sie sind. Haut eine nervös-enervierende Zupf- und Hüpfmusik drüber. Lässt einen ein schwaches Herz haben und sogar sterben. Das ergibt eine Friedhofszeremonie.

Irgendwie spielen die Liebe und zotige Bemerkungen darüber auch noch mit. Vielleicht geht es Luxemburg, was der EU-Präsident Juncker früher mit Tricks zur Steueroase und dadurch besonders reich gemacht hat, nun besonders schlecht, dass sie mit diesem Leben nichts mehr anfangen können, keine Seriosität im Alter mehr aufbringen können. Bericht aus einer dekadenten Welt ohne Zukunft, schon gar keiner europäischen Zukunft.

Wunderbarerweise wird den Alten, die eine autonome Alters-WG in einem baufälligen Haus aufbauen wollen, ein Wohnmobil (kein Campingwagen) geschenkt. Das ist ähnlich lautend wie Autonomobil.

Um nach fast zwei Stunden zum Schluss zu kommen, schickt der Autor, der im Abspann versichert, während dem Schreiben weder Alkohol getrunken zu haben noch Auto gefahren zu sein, seine Mannen ans Meer, nicht nach Portugal, so weit kommen sie nicht, obwohl es dazu einen Bezugspunkt gäbe, denn die Enkelin eines der Senioren ist in der Schule die einzige Luxemburgerin, aber sie spricht luxemburgisch mit portugiesieschem Akzent, weil der Vater …

Immerhin, im Wohnmobil, das sehr viel Benzin frisst, sind 360 Jahre Luxemburg versammelt und ein Renteneinkommen von 6000 Euro monatlich, aber es stellt sich auch heraus, dass diese Herrschaften kaum je aus Luxemburg herausgekommen sind, der Film selbst charakterisiert seine Figuren als die Schtis von Luxemburg.

Es gibt eine Stelle, in der der Luxemburger Dialekt sogar untertitelt wird oder war es französisch? Der Zahnarzt will eine Biographie schreiben, das ist der befreiendste Moment im ganzen Film, wie er sein Tablet ins Meer wirft und „Scheißcomputer“ brüllt. Der Film blubbert daher wie ein träger Wasserfall oder wie ein Auto mit Unterdruck in den Pneus. Altenklamotte?

Kulturelle Wegmarken: Siegfried Lenz, Klaus Kinski, Johnny Cash

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