Desinteressierte Liebe.

Voll verschleiert‚ ist die fehlindizierende Übersetzung des französischen Originaltitels, der heißt „Chercherz la femme“, was soviel bedeutet, wie ‚die Frau suchen‘.

Der gscherte deutsche Titel lässt auf eine dumpfe Culture-Clash-Komödie schließen. Völliger Trugschluss, blanker Irrtum. Selten war – und da bietet die französische Filmkultur schon einen guten Nährboden dafür – der Culture Clash so witzig und wie nebenbei in einer spannenden Geschichte serviert.

Wobei auch ‚Cherchez la femme‚ meines Erachtens den Content nicht vollumfänglich wiedergeben kann. Er trifft partiell zu, indem eine der Hauptfiguren, Mahmoud (William Lebghil), tatsächlich nach seiner Islamisierung in Afghanistan und Vollbart-Rückkehr nach Frankreich an sexuellem Frust leidet und sich, wie es das Objekt seiner Begierde später formuliert, vollkommen ‚desinteressiert‘ verliebt.

Und auch der deutsche, plumpere, Titel hat mit dieser Liebessehnsucht zu tun: denn das Objekt der heterosexuellen Liebessehnsucht von Mahmoud ist voll verschleiert und er darf es nach streng islamistisch ausgelegter Meinung vor der Heirat nicht sehen noch berühren.

Unter dem Schleier allerdings steckt Armand (Félix Moati). Er ist der Geliebte der aufgeklärten jüngeren Schwester von Mahmoud, von Leila (Cemélia Jordana). Sie bewirbt sich gerade für ein Praktikum bei der UN in New York.

Da kommt Mahmoud vollislamisiert zurück. Das ist heftig, wie er seine Schwester unter seine Knute zwingen will, wie er ihren Pass verbrennt, sie in ihr Zimmer wegsperrt. Da fällt ihr und Armand der Trick mit der Burka ein.

Im Presseheft beschreibt die Autorin und Regisseurin Sou Abadi, die als Cutterin und Dokumentaristin gelernt hat, wovon der prima Schnitt und die exakte Beobachtung erstlassig profitieren, dass der iranische Machthaber Rafsanjani in einem Interview erzählt habe, dass er sich während der Revolution in einem Tschador als gläubige Frau verkleidet habe, um der Polizei und den Schahs zu entkommen.

So dürfte auch vielen anderen, verblüffenden Szenen, eine empirische Geschichte zugrunde liegen, keine Kopfgespinste. Und auch die Guten, die Eltern von Armand, die in der iranischen Botschaft leben, Darius (Predrag ‚Miki‘ Manojlovic) und die Feministin Mitra (Anne Alvaro), erkennen zumindest, dass sie wohl während der Revolution im Iran Fantasmagorien nachgerannt sind und diverse Dinge fehleingeschätzt hätten.

Betörend an diesem Film ist nicht nur seine Beiläufigkeit, sein Verzicht auf fingerzeige Moral-Allüre, sein erzählerischer Drive, sondern auch dass mit einem plumpen Verkleidungsgag im Sinne der Brüder der Klamotte, heutige und gestrige, intellektuelle und relgiöse Einstellungen aufeinanderprallen, die fein herauspräpariert sind und immer ihre Folgerichtigkeit haben, so dass nie der Eindruck entsteht, die Geschichte würde lediglich erzählt, um ethisch über den Islamismus zu richten.

Kleine Pointe, wie Mahmoud die SIM-Card vom Mobiltelefon seiner Schwester verschluckt, gibt sie ihm zu bedenken, dass darin Schweinegelatine verarbeitet sei. Von leisester Komik: die Eltern von Armand kommen dahinter, dass der sich mit dem Islam beschäftigt und vermuten, er sei bereits heimlich bekehrt, da sie entsprechende Litertur bei ihm gefunden haben, nichtwissend, dass er diese für seine Burka-Rolle braucht. Daraufhin tischen sie Schweinefleisch auf. Urkomisch, wie er sagt, er möge Sauerkraut nicht und wie die Eltern das interpretieren.

Oder wenn Armand seinem Anbeter Mahmoud mit verstellter Stimme schöne Verse zitiert und der fast zerfließt vor Gläubigkeit und Erleuchtung und Armand ihm anschließend sagt, das sei von Victor Hugo.

In so einem Film versteht es sich wie von selbst, dass das Casting und die Arbeit mit den Schauspielern großartig sind. Wobei es das Vergnügen nicht mindert, dass sich die zahlreichen Subtilitäten und kleinen, aber feingearbeiteten Szenen, immer mehr zu einer Hit-and-Run-Klamotte hochschaukeln. Denn der Liebeshunger von Mahmoud ist ein ernst zunehmender, dramatischer Motor.

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