Oper. L‘ opéra de Paris

Ein ziemlich verrückter Organismus.

Empathisch begibt sich Jean-Stephane Bron, der Dokumentarist, anfangend in der obersten, der Direktionsetage, in den nie erlahmenden Betrieb der Pariser Oper. Sie umfasst zwei Häuser, eine Ballettkompagnie (darüber hat Frederick Wiseman einen Film gemacht: „La Danse – Das Ballett der Pariser Oper, den man nur immer wieder zitieren kann; aber Jean-Stephane Bron braucht sich mit seiner wachen Präsenz nicht zu verstecken) und eine Oper, die beide pro Saison an die zehn Neuinszenierungen herausbringen, die Unmengen Geld verschlingen, so dass die Preise bald für den Normalbürger nicht mehr erschwinglich sind.

Die Eintrittspreise sind weit über der Inflation gestiegen in den letzten Jahren, das ist eines der Themen, die von der Direktion besprochen werden. Erst geht es um die Saisoneröffnung mit dem Staatspräsidenten. Das ist das Pech von Dokumentationen, wenn sie Staatspräsidenten einbauen; wenn der Film ins Kino kommt, ist meist schon ein anderer am Ruder, hier im Film darf noch Francois Hollande den Toplogenplatz einnehmen.

Auch das ist ein Problem, wen neben den Staatspräsidenten setzen. Attraktive Frauen, das ist ok. Aber der Operdirektor, das geht dann doch nicht, denn wenn was schief läuft, muss er eventuell aufstehen – und das geht ja auch nicht.

Das sind Details, mit denen Bron es schafft, eine große Glaubwürdigkeit und Nähe zu seinem Objekt herzustellen. Er streift in Windeseile durch die verschiedenen Sparten. Es gibt eine angegliederte Akademie, die den Sängernachwuchs pflegt.

Sein Beispiel ist ein junger, verträumt-ästhetischer Russe aus einem Dorf im Ural, der über Weimar nach Paris für eine zweijährige Weiterbildung geholt wird. Ihn sehen wir bei der Begegnung mit einem berühmten Sänger. Ihn sehen wir, wie er bei einer Vorführung aus der Seitengasse zuschaut, lernen will, beim Üben, bei der Korreptition, wenn er sich frustriert fühlt nach einem Auftritt im kleinen Saal oder beim Entgegennehmen von falschen oder echten Komplimenten von Fans.

Ein Betrieb mit so vielen Leuten wirft immer Probleme auf. Es grummelt im Ballett, es grummelt im Chor, Streik liegt in der Luft. Die Oper droht, aufgerieben zu werden zwischen dem Druck der öffentlichen Hand zum Sparen und zum mehr Produzieren, den Anforderungen der Künstlergewerkschaften und dem erwähnten Preisproblem bei den Karten.

Eine Aktion, die der Oper Resonanz verschaffen soll, ist das Orchester mit den Migrantenkindern aus der Banlieu. Darüber gibt es einen eigenen Spielfilm: La Melodie – Der Klang von Paris.

Bron ist gerne bei Proben dabei, Ballett, Chor, Sänger, aber auch von Aufführungen gibt es Impressionen aus dem Zuschauerraum genau so wie von hinter der Bühne, kleine Beobachtungen, die Frage der Garderoberin, ob die Sängerin sehr schwitze, oder Leute an Schaltpulten, die die Oper mitsingen, just in dem Moment, wie kurz vor Ostern ein Tenor sich krank meldet und einer aus Tirol eingeflogen werden muss, ein Ritt über den Bodensee gewissermaßen.

Oder Vorstellungen müssen umdisponiert werden wegen Streiks. Besonders angenehm fällt auf, dass Bron die Künstler und Mitarbeiter mit Interviewfragen verschont, dass er höchstens als Zeuge bei einem Interview dabei ist. Er lässt das Objekt seines Interesses sprechen, das ist reichhaltig und verrückt genug und verzichtet konsequent auf Gelaber, das ist ihm hoch anzurechnen.

Es gibt riskante Inszenierungseinfälle, die kleine Stories abwerfen, wie das Casting eines Stieres für die Inszenierung von Moses und Aron. Easy Rider hat die Rolle bekommen – verdient!

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