Solange ich atme

Ein Respeunt
ist ein Mensch, der mit einer Maschine künstlich beatmet wird. In den 70ern sah das in Deutschland fortschrittlich so aus, dass in einem Raum, der eine Pathologie sein könnte, aus den Wänden überall lebendige Köpfe herausschauen, die Körper unsichtbar in die Beatmungsmaschine weggesteckt, wie die Leichen in den Schubladen, aber auch die Assoziation des Gefängnisses bietet sich an.

So lange er atmet, ist der Mensch ein Mensch. Wobei die Szene aus Deutschland in diesem Film von Andy Serkis nach dem Drehbuch von William Nicholson nur ein kurzes, krasses Spotlight auf das Thema des Filmes wirft. Die Briten sind kreativer, menschlicher, humorvoller als die Deutschen, sie sind erfinderisch und die Liebe ist ein entscheidender Motor dazu.

Der Film fängt gekonnt an als eine RomCom mit der Liebe auf den ersten Blick 1958 in England. Robin (Andrew Garfield) ist ein junger, gutaussehender Brite, Soldat. Beim Cricketspielen entdeckt er unter den Zuschauern Diana (Claire Foy), reiner ist jugendliche Schönheit nicht darzustellen, dass einem schon fast langweilig zumute werden könnte. Robins nächster Schuss landet auf dem Porzellan auf dem Tisch vor ihr.

Wenige Szenen später ist Heirat. Flugs sind sie in Südafrika. Hier ergeben sich noch romantischere Bilder einer ungetrübten Liebe, so ungetrübt, dass man für den Rest Oednis und Ereignislosigkeit befürchten möchte. Sie wird schwanger.

Die Hulla Hoop Mode kommt auf. Bei diesem lächerlichen Reifenspiel schwankt Robin plötzlich. Wenige markante Szenen später – wie der Drehbuchautor Nicholson das knackig knappe Erzählen, das sich nie an unnötigen Details aufhält, sowieso aus dem Effeff beherrscht (Everest, Unbroken, Mandela: der lange Weg zur Freiheit, Les Misérables) – steht fest, Robin hat über Tröpfcheninfektion die Kinderlähmung, Polio, bekommen, er muss an eine künstliche Beatmungsmaschine angeschlossen werden, seine Lebenserwartung mit Maschine ist noch die von einigen Monaten – so die Meinung der Schulmedizin.

Robin möchte aufgeben. Seine Frau aber nicht. Das ist der Anfang einer einzigartigen Liebes- und Überlebensgeschichte, die sogar ein Stück Medizingeschichte (vorwärtsgetrieben von einem nicht zu bremsenden Abenteurergeist) wird, indem Robin und Diana sich nicht damit zufrieden geben, dass er fortan wie an einen festgeschraubten Motor fixiert sein soll, sondern dass er Ausflüge machen will, nach Britannien zurückkehren, Spanienurlaub.

Dazu bedarf es bestimmter Erfindungen, die Robin in Zusammenarbeit mit seinem britischen Arzt Teddy Hall (Hugh Bonneville) gedacht und realisiert hatte. Das ergibt einen Fundus an quicklebendigen Szenen, die Serkis vor allem in Nahaufnahmen präsentiert, so dass der Zuschauer nicht loslassen kann, wie der Respeunt von der Maschine. Und geprägt vom britisch-stoischen Humor und Witz von Robin mit seinem breiten Lachen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.