Kaffee mit Milch und Stress

Drive eines Monologs.

Dieser Film von Dome Karukoski nach dem Roman von Tuomas Kyro aus Finnland (Tom of Finland) wirkt wie einer der Monologe eines Thomas Bernhard, sprachlich nicht so gedrechselt, aber der Tiradenduktus und auch der Schimpfduktus sind ihm nicht fern.

Der über das Leben und die Menschen und die Technik und die Politik schimpft und findet, früher sei alles besser gewesen, ist Mielensäpahoittaja (Antti Litja). Mielensäpahoittaja ist in Finnland der Name einer beliebten literarischen Figur, eines Griesgrams. Litja ist ein großartiger Schauspieler und trägt allein schon den Film. Sein Charakteristikum ist eine Ohrenmütze aus Bärenfell.

Er ist ein Eigenbrödler, aber auch ein Philosoph, der weiß, warum er wie handelt, und der sich zuletzt absurden Vorschriften anpassen würde, der sich nur amüsiert über das alles durchdringende Sicherheitsdenken mit dem Satz, die Kinder würden sogar einen Helm tragen, wenn sie zum Kühlschrank gehen, der sich aber auch ärgert, dass er es nicht schafft, die Welt und die Menschen zu verändern.

Seine Frau ist gestorben. Sein Sohn ist verheiratet, hat drei muntere Kinder, die Frau ist emanzipiert, ist eine Geschäftsfrau und trägt mehr zum Haushalt bei als der Mann.

Mielensäpahoittaja stürzt und kommt kurzzeitig bei Sohn und Schwiegertochter unter. Sie muss russische Geschäftspartner vom Flughafen abholen. Unser Protagonist mischt sich in die Geschäftsbeziehung ein. Seine Schwiegertochter will finnische Häuser verkaufen und ist gerade dabei, sich im Preis massiv runterhandeln zu lassen. Da fängt ihr Schwiegervater an, der auch checkt, dass eine der Russinnen sehr wohl finnisch versteht und also übersetzen kann, den Russen zu erklären, was finnische Qualitätsarbeit sei und warum sie so teuer sei und dass sie nicht beim ersten besten Sturm schon den Hang runtergespült werde.

Mielensäpahoittaja geht mit den Russen auf Hasenjagd mit einer primitiven Kartonfalle und gibt seine Philosophie zum besten, dass man die Menschen gewinnen müssen (man muss Freundschaften entwickeln, wenn man gute Geschäfte machen möchte).

Mielensäpahoittaja macht und sieht vieles richtig. Auch seinen Sohn belehrt er ungeniert. Der steht nicht so wach und anpackend im Leben. Das zeigt die Aktion mit dem Baum, der zu nah an der Garageneinfahrt steht.

Später landet Mielensäpahoittaja im Krankenhaus. Ein Mitpatient jammert über Gicht. Krankenhaus ist nichts für so einen Mann.

Der Film folgt weniger einem Handlungsmuster, bald geht Mielensäpahoittaja wieder raus aus dem Krankenhaus, er folgt seinem inneren Monolog, der immer wieder die Vergangenheit aufruft, der die Gegenwart und die politischen Verhältnisse (die melden sich im Fernsehen) betrachtet und vergleicht. Dann mündet der Monolog in eine melancholische Rückschau auf das eigene, mustergültige Leben in lichten, weichen Farben, Liebe, Heirat, Kind, Haus, Baum, die aus der Heute-Sicht die Damals-Sicht in traumhaft schönen Stimmungen zeigt, ganz milde – und die Frage stellt, warum, wenn alles so mustergültig gelaufen ist, es heute so ist.

Die deutsche Billigsynchron hat ihren hölzernen Charme, so wie man aufs Klo nur noch mit der S-Card kann und wie es den alten Mann traurig macht, dass die Zeiten sich gewandelt haben. Sein roter Ford Escort (obwohl Audi ein Sponsor ist), der ist ihm länger geblieben als seine Frau. Eine Frau lässt man nicht laufen, meint er. Ein Auto wohl auch nicht. Nicht bei Shell tanken, die haben Menschenrechtsverletzungen in Nigeria begangen. Und einen „ausgegrenzten“ Jungen, Tinte, den engagiert er lebenspraktisch zum Dachrinnenputzen.

Rückblendenweisheit: Ein Rosinenbrötchen ist der Beginn vieler schöner Stunden.

Andererseits ist Mielensäpahoittaja einer, der noch mit dem gesunden Menschenverstand denkt – heute ist das ein Anachronismus.

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