Drei Zinnen

Die Amis würden wohl nach diesen großartig sicht- und nachempfindbar gemachten Fragilitäten in einer Sekundärfamilie, einer Familie, die nicht mehr die Originaleinheit von leiblichem Vater, Mutter und Kind ist, die Geschichte skrupelloser zu einem annehmbar erträglichen Ende bringen.

Das ist mein einziges Unbehagen bei diesem 2. Langfilm von Jan Zabeil (nach Der Fluss war einst ein Mensch). Er hat seither merklich zugelegt. Beim ersten Film hatte bei stefe einiges Magengrummeln.

Das Fernsehen hat Zabeil die Stange gehalten. Das sei mal löblich erwähnt, obwohl er in der Zwischenzeit nicht irgendwelche Serien- oder andere Fernsehkacke gedreht hat, zumindest ist aus IMDb nichts dergeleichen herauszulesen. Stefanie Groß vom SWR ist dem Filmemacher treu geblieben.

Tristan (Arian Montgomery) ist 8 Jahre alt. Er ist der Sohn von George, der in London getrennt von Mutter Lea (Bérénice Bejo) lebt. Mutter hat seit zwei Jahren einen neuen Freund, Aaron (Alexander Fehling). Tristan tut sich schwer, diesen als Vater zu akzeptieren.

Um die Situation zu verbessern, verbringen die Drei einige Tage in den Dolomiten in einer schlichten, aber gut eingerichteten Hütte mit direktem Blick auf die Berge, auf die titelgebenden Drei Zinnen.

Sie füllen die Tage nicht mit programmhaften Aktivitäten. Sie wollen füreinander dasein, besonders Aaron und Tristan. Aber Tristans Resonanz bleibt verhalten; sie zeigt sich in kleinen, gemeinen Sabotageakten. Und auch sein leiblicher Vater George ruft ständig an. Sie haben Handyempfang da oben.

Lea schaut dem eher stumm und tatenlos zu. Einmal versucht sie eine vermittelnde Aktion, indem sie Aaron sagt, Tristan möchte, dass er ihm vorlese. Daraus wird nichts. Sie hat es erfunden. Das ist nicht direkt eine vertrauendbildende Maßnahme.

Das habe ich schön öfter beobachtet, dass Kinder, die in diesem Alter eine einschneidende Veränderung im Elternhaus erleben, schwer und oft ein Lebenlang darunter leiden. Insofern nimmt sich Jan Zabeil ein heikle Situation vor.

Er schildert den Versuch mit großer Gelassenheit, einer fantastischen Auswahl von Schauspielern und einem ebensolchen Kameramann, der Bergaufnahmen von erhabener Prosa liefert, passend zur brüchigen Situation.

So gestaltet sich auch die Schlafsituation auf dem Dachboden schwierig. Tristan möchte neben der Mutter schlafen. Aber Aaron möchte auch faire l’amour mit Lea. Das illustriert Zabeil mit einer Szene, wie Lea und Aaron den schlafenden Tristan samt Matratze und Decke wie einen sperrigen Gegenstand mit behutsamer Vorsicht und geduckt in eine andere Ecke des Dachbodens tragen.

Aaron aber gibt nicht auf. Eines Morgens steht er ganz früh mit Tristan auf, um in die Höhe zu steigen und den Sonnenaufgang zu erleben, in der Hoffnung, das Verhältnis auf eine bessere Basis zu stellen, denn Tristans Vertrauen hat er immer noch nicht gewonnen.

Der Sonnenuntergang bringt gar nichts. Tristan spielt seine kleinen Gemeinheiten gegenüber dem fremden, starken Mann weiter. Er ist sich allerdings der Gefahren in der Einöde bergiger Geröll- und Schneewüste keineswegs bewusst. So löst denn eine kleine gemeine Handlung von ihm wie ein Schneeball eine Lawine an Eskalation von Ereignissen aus, die existentiell werden.

Der Film ist eine eindringliche Illustration zu den Themen Vertrauen, familiäre Intimität und Bindung, Risse im Vertrauen, Verlässlichkeit.

Ab und an entlockt Aaron einem zutraulichen Harmonium einige schnaufende Töne; Alexander Fehling komponiert und spielt selbst.

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