Manifesto

Da muss ich mich erst schütteln wie der begossene Pudel von dem Wust an Theoremen, Philosophemen, On-Dits, Zitaten, Dogmen zum Thema Kunst, der von der Leinwand auf mich heruntergeprasselt ist.

Kein Film zum Mitschreiben, eher ein Film, der tunlichst ein Begleitheft zur Kinokarte mitgeben sollte mit all den Autoren, Künstlern, Denkern, Revolutionären, Theoretikern, Filmemachern, Cinéasten, die zitiert werden.

Welcher Künstler schafft sich nicht seine eigene Theorie, egal wie grau oder wie trocken (so wird die Dame unterm Regenschirm im Sprühregen angesprochen) sie ist. Es scheint, die Kunst im Allgemeinen wie im Konkreten leidet vor allem darunter, dass sie nichts Nützliches, nichts Brauchbares, nichts Gscheits herstellt, dass keiner so richtig weiß, was große und wichtige Kunst ist und was nur Fake, dass es ihr oft an Legitimation fehlt, an Anerkennung, weil sie immer auch subjektiv ist (Thema des Auges und der persönlichen Perzeption) oder gibt es eine verbindliche Kunst, eine festlegbare? So gehört zur Kunst das Theoretisieren und das Theoremproduzieren, das Manifest als zwingende Kompensation ihrer Inhaltslosigkeit/Identitätslosigkeit.

Die Künstler brauchen keine Namen, so unterrichtet die Lehrerin die Schüler, die ein Drehbuch schreiben sollen – das wäre ein eigenes trübes Gewässer, die Drehbuchanleitungsliteratur, die hier allerdings nicht im Vordergrund steht.

Im Vordergrund steht mit einer brillanten schauspielerischen Leistung in diesem von vielen üblichen verdächtigen deutschen Gremien geförderten Produkt von Julian Rosefeldt die Schauspielerin Cate Blanchett in vielen Facetten von Frauen oder als Penner, die den Theoriemix bebildern und auf verschiedene Trends der Kunst umlegen, auf Dadaismus, Futurismus Konzeptkunst und weiter siehe im nicht vorhandenen Begleitheft oder im Abspann, der auch zu schnell vorbeizieht, als dass man alle hier bemühten Strömungen zitieren könnte.

Jedenfalls hält Blanchett als treusorgliche Mutter am großbürgerlichen Mittagstisch vor ihren drei in sich zusammengesackten Söhnen und dem stummen Gatten Gebete als Thesen zur Kunst, eine Grabrede wird zum Kunstmanifest verfremdet, eine Nachrichtensprecherin liest statt News Thesen zur Kunst, eine Ballettchoreographin bellt mit grauenhaft russischem Akzent ihre Kunstlitaneien hinaus, die Lehrerin in der erwähnten Schreibanleitung, der Penner zeigt am Schluss den verbalen Stinkefinger hoch über Berlin.

Erkennbar wird, dass die Kunst immer glaubt zu wissen, was wahr und was falsch sei, was legitimiert und was nicht, sie glaubt auch zu wissen, dass es keine Originale gebe, sondern nur Authentizität und Godard wird zitiert, die Frage sei nicht, woher die Kunst zitiere, sondern wohin sie ziele damit.

Sicher sucht die Kunst die Freiheit, die Unangepasstheit. Und sicher könnte man auch sagen, es sind alles Gemeinplätze über die Kunst, wenn sie in so einem Verhau präsentiert werden.

Immerhin ist daraus solchermaßen eine Art unterhaltsamen, unlexikalischen Lexikons zum Thema Kunst und Kunsttheorie geworden. Ein kleines illustriertes Kompendium, ein Zusammentrag kunsttheoretischer Bemerkungen. Kino als ein Theoriespiel.

Ergänzt und illustriert wird dieses Spiel durch ein roboterhaftes Ballett. Gerade beim Ballett taucht die Frage der Perfektion und trotzdem Lebendigkeit von Kunst gerne auf. Die Kunst leidet unter der Differenz, dass sie nicht Natur ist, dass sie nicht natürliches Leben ist, aber so sein möchte, solches darstellen möchte, erfinden möchte.

Wenn Rosefeldt so ein Motto als Leitfaden für seine Untersuchung von Kunsttheorien und –manifesten genommen hätte, hätte womöglich eine spannende Pathologie der Kunsttheorie daraus werden können, gar eine Leidensgeschichte der Kunsttheorie.

Das Fazit des Filmes: Construction of a City – oder dekoriert sie sie nur?

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