Unerledigte Geschichte.

Film in 3 Teilen zu einem laufenden Gerichtsprozess. Seit Jahren läuft in München der Mammutprozess gegen die rechtsextrem-terroristische NSU, ein Prozess mit mehreren Angeklagten, über 10 Morde, Raubüberfälle, Sprengstoffanschläge innerhalb von knapp sechs Jahren und mit jeder Menge Nebenkläger und fintenreichen Verteidigeranwälten, die bis zuletzt versuchen, den Prozess mit Befangenheitsanträgen noch platzen zu lassen.

Da hilft dieser Film von Fatih Akin zur Übersichtlichkeit zurück mit seiner Beschränkung auf einen hypothetischen Fall mit einem einzigen Attentat mit zwei Opfern und einem Täterpaar angefangen mit einem Betroffenheitskapitel, das überschrieben ist mit „Die Familie“.

Die faszinierende Diane Kruger ist die überlebende Katja Sekerd, ihren Mann und den Sohn hat sie bei dem Nagelbombenanschlag verloren. In diesem Kapitel schildert Akin, der mit Hark Bohm auch das Buch geschrieben hat, die Situation der Opfer, prototypisch, wie sie sehr schnell selber verdächtigt werden, wie sie in den Wahnsinn getrieben werden (wobei er das noch milde angeht, verglichen mit Der Kuaför aus der Keupstraße einer Dokumentation über einen der NSU-Fälle, der auch noch die zynischen Reaktionen der Politik und deren Scheinheiligkeit einfängt.

Andererseits dehnt Akin dieses erste Kapitel so, dass man sich schnell wünscht, zu all diesen bekannten und auch differenzierter geschilderten Zuständen käme noch ein weiteres Storyelement dazu.

Dieses liefert er mit dem zweiten Kapitel, das er mit „Gerechtigkeit“ einleitet. Es ist der Prozess zu dem Fall, der stehenden Fußes auf die Taten folgt. Der ist so spannend – auch durch die Besetzungen – dass momentweise an ‚Zeugin der Anklage“ von Billy Wilder gedacht werden kann, Diane Kruger ein heutiges Pendant, das sich nicht zu verstecken braucht, von Marlene Dietrich. So aufregend kann Gericht also doch im deutschen Kino sein, selbst wenn es immer wieder an den TV-Realismus zu schrammen droht.

Mit einem „In dubio pro reo“ beendet Akin dieses Kapitel. So ein Urteil kann aber ein Filmemacher, noch dazu einer mit Migrationshintergrund, keinesfalls auf sich sitzen lassen. So gönnt er sich als drittes Kapitel „Das Meer“ einen Ausflug nicht nur nach Griechenland, sondern vor allem einen Flirt mit dem Genre des Revenge-Movies, des Selbstjustizmovies, wobei die Hamburger Ethik eines Hark Bohm schon dafür sorgt, dass es in gewisser Weise ‚versöhnlerisch‘ krass endet, melodramatisch vielleicht.

Der Cast ist für einen deutschen Film extrem gut gelungen, lauter Schauspieler, die interessierende Figuren abgeben, nicht einen Moment dieses mulmige One-Click-Cast-Gefühl hinterlassen, wie so viele deutsche Subventionsprodukte es tun: Denis Moschitto als Danilo, Johannes Krisch als Haberbeck, Ulrich Tukur als Jürgen Möller und viele weitere.

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