Silly: Frei von Angst

Dieser Film von Sven Halfar vermittelt mit seinem ungetrübten, direkt privatistischen Nähkästchenblick auf die Band Silly ein Phänomen bundesrepublikanischer Realität, was in unserer immer turbokapitalistischeren Gesellschaft wenig wahrgenommen wird: ein Stück lebendiges Erbe aus der DDR, und das keineswegs nostalgisch, nein, sogar so, dass es offenbar ein Publikum im Spektrum der Altersklassen 20 – 60 anspricht.

Silly scheinen ein Stück wohliger Lebensqualität aus der DDR gerettet und heutig gemacht zu haben, grad weil sie prinzipiell „anti“ waren (es kommt die Anekdote mit dem Trick von der Katze auf dem Cover und dem englischen Namen vor).

Das dürfte weniger ein Verdienst der Musik sein, die aus Laiensicht gesehen erstklassiger Standard als Rock oder Pop ist. Es ist das Verdienst der Schauspielerin Anna Loos. Sie ist in der DDR aufgewachsen, wurde mit Silly musikalisch sozialisiert. Die Sängerin war damals Tamara. Diese starb nach der Wende, was das vorläufige Aus für die Band bedeutete.

Knapp zehn Jahre später, 2005, beginnt das Revival der Band dank der Begegnung mit Anna Loos. Sie schreibt ihre Texte selber. Hierbei geht es um Freiheit und Liebe, Herz, Zeit, Gedanken, Sturm, Frust, Frei von Angst, Sehnsucht, verlieben, bodenlos fallen, Furcht der Götter vor der Welt, Dummquatscher, Schleimer, Neider, Magie spüren, Hoffnung auf ein Morgen, kleinkarierte Welt, das Gegenteil von tot, mein Herz, „es gibt kein Land zu erobern, sondern nur Grenzen zu sprengen“ und „gib nicht auf, schick deine Glücksboten aus, schaue nicht zurück“, um Dinge, die möglicherweise ein Mensch, der noch in der DDR heute aufgewachsen ist, hier und heute für formulierungsbedürftig hält. Das Publikum dankt es.

Diese Band ist eine familiäre Angelegenheit. Sie fängt im Zentrum eines Hauses auf dem Lande an, in dem gewohnt und geübt wurde und wird. Und auch die zweite Generation ist bereits aktiv in der Band.

Der Filmemacher Sven Halfar hatte offenbar Narrenfreiheit, durfte dabei sein bei den letzten Vorbereitungen auf eine Tournee; er wird wahrgenommen von den Protagonisten, einbezogen, es wird auch mal für die Kamera geblödelt.

Halfar nutzt die Gelegenheit, einzelne der Protagonisten, wenn sie grad rumsitzen, zur Wort kommen zu lassen, Anekdoten rauszukitzeln, auch über eine Russland-Tournee zu DDR-Zeiten und er schneidet Videomaterial aus der Zeit mit Tamara in den Film.

Die Bedeutung der Band hebt er mit einem Clip hervor: der Tod von Tamara wurde sogar in der Tagesschau bekannt gegeben.

Der Dokumentarist verzichtet so weit wie möglich auf justiziable Fakten und Zahlen. Aber am Schluss unterzeichnet die Band feierlich einen Vertrag mit Universal. Dieses Label kam gerade neulich vor bei Immer noch jung – 15 Jahre Killerpilze, die nach 15 Bandjahren Universal längst hinter sich haben, während Silly nach bald 40 Jahren hier gerade eingesteigt. Insofern dürfte der Film auch begleitendes Werbevehikel für das neue Album sein.

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