Human Flow

Ein Appellativfilm, zB wie Nicht ohne uns!, einverstanden, das mögen viele Leute, besonders Cineasten, nicht. Sie mögen es nicht, wenn ihnen das Elend der Welt, hier das Flüchtlingselend – womöglich plakativ – vor Augen geführt wird.

Andererseits passiert der Appell hier enzyklopädisch und mit ungebrochen alweiweischer Künstlerwucht – wird somit zum einzigartigen Filmkunstwerk.

Manche Kritiker mögen bemängeln, dass Ai Weiwei sich der Selfiemethode bedient, er mit Flüchtlingen, oder er lässt sich von seinem Kameratam beim Filmen filmen, beim Grillen, beim Haarschneiden (aktiv wie passiv), bei direkt helfenden Aktionen bei Flüchtlingen, wie er im Flüchtlingstrek mitmarschiert, wie er im Dreck rumstiefelt. Das gibt dem Film genau den persönlichen Touch, ohne welchen der Appell doch merkwürdig anonym und kanzelhaft rüberkäme.

Er selbst ist auch ein Flüchtling, wenn auch ein privilegierter. Durch sein persönliches Auftauchen, Sich-Interessieren und Kümmern kann er geschickt verstecken, wie generalstabsmäßig der Film geplant und durchgeführt worden ist, das offenbart erst der ellenlange Abspann. Als Drehbuchautoren firmieren Chin-Chin Yap, Tim Finch und Boris Chshirkov.

Weil Ai Weiwei gegen das Organisatorische das persönliche Interesse sich erhalten hat, sind die Bilder, die er oder sein Team schießen, spannend, so dass man nicht eines verpassen möchte, auch wenn der Film über zwei Stunden lang ist. Die Macht der Bilder.

Ai Weiwei hat die größten Flüchtlingelager der Welt besucht, ist in sie hineingegangen, hat sich unter Flüchtingstrecks gemischt, ist bei der Ankunft von Schiffen im erhofft rettenden Land zugegen gewesen, bei Seerettung, in der Wüste des Irak oder von Syrien, Jordanien.

Er hat Flüchtlingslager besucht, die schon Jahrzehnte bestehen, er hat sich an der Grenze von Mexiko zu den USA aufgehalten, in Pakistan beobachtet, wie mit bunten Lastwagen Flüchtlinge aus Afghanistan, die keinen Bezug mehr zur Heimat haben, zurückgebracht werden.

Er lässt Funktionäre und Offizielle, die mit der Betreuung von Flüchtlingen zu tun haben, zu Wort kommen, vor allem vom UNHCR (Deutschland und International) aber auch von anderen Organisationen.

Er blendet immer wieder Dichterworte aus aller Welt in die Bilder ein oder Sätze aus der internationalen Flüchtlingekonvention (dabei ist zu erfahren, dass viele Flüchtlinge in der Türkei vor allem aus Syrien, den Status nicht genießen und rechtlos sind) oder aus der europäischen Menschenrechtskonvention.

Er ist dabei, wie in Calais „The Jungle“ abgerissen wird, er ist am Grenzzaun zu Ungarn oder von Griechenland zu Mazedonien.

Seine Filmzeit war 2015/2016. Vieles hat sich seither geändert. Das war die Zeit, als in kürzester Zeit sich mehr als eine Million Menschen in Richtung Deutschland auf den Weg gemacht hat. Hier wird die Kanzlerin zitiert mit ‚wir schaffen das‘ – inzwischen will sie daraus gelernt habe, wie sie im Wahlkampf betont hat.

Auch Zitate aus Zeitungen, News, von Politikern werden immer wieder eingeblendet, informative Zahlen über die Millionen von Menschen, die auf der Flucht sind. Ai Weiwei stellt einzelne Flüchtlinge stumm vor neutralem Hintergrund in Ganzkörperaufnahmen vor. Er unterhält sich mit vielen. Er setzt immer wieder die Kameradrohne ein, die graphisch faszinierende Aufnahmen von riesigen Flüchtlingscamps schießen.

So eindrücklich dieser Appell ist, so schwer ist er verdaulich. Nach dem Kino schätzt man es plötzlich, eine saubere Toilette und Möglichkeiten, die Hände hygienisch zu waschen, vorzufinden.

Der Film kommt mir vor wie ein filmisches Pendant, bei leichter Themendifferenz, zu Picassos Guernica.

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