Das Kongo Tribunal

Kino als Movens in einem politisch-demokratischen Veränderungsprozess.

Milo Rau, Autor und Regisseur dieses Filmes und des von ihm initiierten Tribunals, das zwar öffentliche, aber keine juristische Wirksamkeit hat, macht das professionell. Ein professioneller Versöhner, Gerechtigkeitsbeförderer, Bewusstseinsveränderer aus der Schweiz. Das hat dort Tradition, siehe die Gründung des Roten Kreuzes oder die häufige Übernahme der sogenannten ‚guten Dienste‘, der Aufrechterhaltung des diplomatischen Drahtes zwischen verfeindeten Nationen.

Rau geht vom Theater aus, dort hat er angefangen, Realgegner zu hypothetischen Prozessen auf die Bühne in der Einrichtung eines Gerichtssaales zu holen, um mit Orginalbeteiligten einer Auseinandersetzung übungshalber demokratische Gerechtigkeitsfindungsprozesse durchzuexerzieren, zuletzt gesehen in Die Moskauer Prozesse.

Dieser Film hier ist allerdings nicht das Protokoll der zwei Kongoprozesse, die Rau in Kinshasa und später in Berlin inszeniert hat. Dieser Film gewährt unter hilfreicher dramaturgischer Beratung und Schnitt von Katja Dringenberg einen Einblick in die Arbeit, ist teils Doku (mit hinreißenden Drohnenaufnahmen der verführerisch schönen Landschaft des Kongos, aber auch viel vom Alltagsleben in Provinzstädten und in den Dörfern) mit Ausschnitten aus beiden Tribunalen, mit Ortsbegehungen, Vorbereitungsgesprächen direkt mit Opfern von Massakern durch Milizen oder von Vertreibung durch die Banro.

Die Lage ist verfahren. Die internationalen Rohstoffkonzerne sichern sich bei einem schwachen Staat weitgehende Schürf- und Enteignungsrechte, setzen diese mit Milizen durch, wogegen der schwache Staat nichts unternehmen kann.

Sie zahlen weder Steuern noch die versprochenen Entschädigungen an die Enteigneten. Sie vergiften das Wasser und schauen dem Treiben der Milizen wohlwollend zu, weil diese den Staat weiter schwächen. Die Milizen wiederum sind attraktiv für die jungen Männer, da sie weder Bildung noch Aussichten auf eine Ausbildung oder einen Job haben.

Der Staat ist nicht in die Lage, die Verbrechen, die vor seinen Augen passieren, zu ahnden. Und so verhalten sich die UN, verhält sich Europa. Unser Vorteil: Handys bleiben billig.

Der Film trägt sowohl bei den Beteiligten als hoffentlich auch bei den Zuschauern zur Bewusstseinsbildung über solche Verbrechen bei, an denen wir alle indirekt beteiligt sind – haben Sie, lieber Leser, vielleicht Aktien von Banro?

Im Kongo selbst hatte der Film unmittelbare Auswirkung, zwei Minister haben ihre Jobs verloren, der eine ist der Innenminister, der selbst im Tribunal als Zeuge ausgesagt hat, warum die Polizei nicht eingegriffen habe bei einem der verhandelten Massaker (bei dem auch die UN, da ohne Kampfauftrag, tatenlos zugeschaut hat); es sei Nacht gewesen und die Ausrüstung der Polizei sei dafür nicht geeignet.

Im Film selbst stottert der Innenminister als Ausrede, warum er so spät den Tatort aufsuchte, eine Lampe an seinem Fahrzeug sei defekt gewesen. Verhältnisse sind das. Hier geht es zur Website des Filmes.

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