665 Freunde (BR, Mittwoch, 15. November 2017, 22.45 Uhr)

Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.

Hat der alte Gernstl vor Jahrzehnten mit einer originellen Idee das Fernsehen belebt, indem er mit einem Ton- und einem Kameramann in einem VW-Bus einfach über Land losgefahren ist, um Entdeckungen zu machen, ein System, das sich inzwischen korrumpiert hat und zu netten Rentnerreisen in schöne Gefilde (Kalifornien) mit alle Viertel Stunde Essens- und Getränkdegustationen verkommen ist, startet Sohn Jonas statt durch die reale Geographie durch seine virtuelle Facebook-Landschaft.

Da sind Überraschungen zum Vornehrein auszuschließen, denn die Menschen präsentieren sich ja selbst schon dauernd. Er wird auch gar nicht alle seine 665 Freunde vorstellen. Das Prinzip ist ähnlich wie bei seinem Papa. Es wird überwiegend ein PR-Streifen für jüngere Mittelständler oder Kleinunternehmer, es geht um die Generation kurz über 30, die alle Erfolg haben.

Diese Geschichten dominieren den Film und werden in trendiger Manier ineinander verzopft. So wird der Streifen zum Marketinginstrument – und hat damit im öffentlich-rechtlichen Fernsehen nichts verloren – für einen Szene-Koreaner und einen Caterer aus Berlin, zwei Naturerlebnis-Anbieter, eine Möbelladenbetreiberin, den Schöpfer eines Modelabels, einen DJ und Betreiber mehrerer Discos, eine Bildbandautorin und Kriegsberichterstatterin – sie alle gewinnen gegen ihre Mitbewerber durch ihren Fernsehauftritt einen Wettbewerbsvorteil.

Die Frage liegt in der Luft, wie lange dauert es, bis dem Filmemacher das erste Essen kredenzt wird. Kaum gestellt, da ward es nach wenigen Minuten schon so weit. Hielt sich dann aber in Grenzen bis zum Szene-Koreaner.

So wirken die Fragen nach dem Glück und der Life-Balance alibihaft, um der PR-Dominanz im Film einen humanen Touch zu geben. Und ebenso alibihalber wird ein einziger Arbeiter ausführlicher befragt. Zum Schluss gibt es einen knappen Roundup mit weiteren Freunden: einer, der den Feinkostladen seines Vaters übernehmen will, eine Frau, die Kinder erziehen will, jemand mit einem Reisebüro für Gehörlose, ein Spielerberater, eine Künstlerin, ein Performerin, ein Filmemacher. Und ein Cutter, der unfallweise Vater geworden ist und einer seiner Jungs stellt kecke Fragen.

Selbsterkenntnissatz aus dem Film: Das wird gesendet und nachher ist es nichts mehr wert.

Der junge Gerstl hat vom alten Gerstl durchaus sympathische Elemente geerbt, diesen grüblerisch-skeptischen Blick auf die Welt, auch dieses ausgestellte Außenseitertum; der junge will immer vergleichen und kommt sich minderwertig vor, wird aber gleichzeitig vom Vater auf seine privilegierte Situation hingewiesen, damit meint er wohl die Verpfründung mit dem BR (Guerillaköche), hat durchaus etwas Anrührendes. Aber immer weniger wird ersichtlich, wieso so ein Streifen noch ins öffentlich-rechtliche Fernsehen gehört, was er da zu suchen hat und ob es außer den Mitwirkenden und deren Freunden überhaupt jemanden interessiert.

Der Titel ist irreführend, die Zahl mag für seine Facebookfreund stimmen, aber er stellt hier nur eine ganz kleine, einseitige Auswahl vor.

Der BR selbst preist den Beitrag in seiner täglichen Zeitungsannonce an als „ein selbstironisches Generationenporträt der 30-Jährigen“ – und die Erde ist eine Scheibe; von Ironie keine Spur (und die SZ säuselt deshalb einen, ebenfalls ironiefreien, lieblichen PR-Vorbericht auf der Medienseite – immerhin scheinen sich die professionellen SZ-Filmkritiker geweigert zu haben). Für diese verzerrende Werbung werden wir vom Staat gezwungen, Zwangsgebühr vom bescheidenen Haushaltsbudget abzuknapsen, damit uns die Zeitungen auch noch suggerieren, das sei was für uns. So wird der Bürger doppelt beschissen. Die Relationen stimmen längst nicht mehr. Hier läuft gerade einiges gravierend aus dem Ruder.

Rote Karte des Zwangsgebührenzahlers!

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