Clash

Muslimbrüder furzen nicht.

Ein Husarenstück, das Mohamed Diab, der mit Khaled Diab auch das Drehbuch geschrieben hat, auf die Leinwand hievt, ein 90-minütiger Horror-Komödien-Trip durch das revolutionserschütterte Kairo in einem Gefangenen-Transport-LKW.

2011 endete durch Revolution die 30jährige Herrschaft von Hosni Mubarak. 2012 gewann Mursi von der Muslimbrüderschaft die demokratische Wahl. 2013 putschte das Militär den demokratisch gewählten Mursi weg. Es kam zu Unruhen, zu Straßenkämpfen zwischen Demonstranten beider Lager und zu Auseinandersetzungen mit dem Militär.

Das ist die kurze Einführung, die Diab im Vorlauf in Textform gibt, ohne Namen von Politikern zu nennen. Er begebe sich jetzt mitten in diese Kämpfe.

Die Kamera ist bereits in der Drehlocation, im Laderaum eines LKW. Das ist das schäbige Innere einer blecherenen Kiste mit vergitterten kleinen Guckfenstern in Augenhöhe, einem Fenster zur Führerkabine, einem Ausguck nach hinten, wenn die Tür offen ist und einem Blick durch das Dach.

Hier werden von der Polizei zuerst zwei Journalisten festgesetzt. Sie müssen die Kamera abgeben. Sie sind von Associated Press. Der eine sieht aus wie ein Ägypter, ist auch ägyptischer Abstammung, aber in New York aufgewachsen. Sie beobachten aus dem LKW, das um sie herumbrandende Unruhegeschehen.

Nach und nach zerrt das Militär immer mehr Demonstranten in das fahrbare Gefängnis. Dieses wird zum Spiegel, zum Minifokus der ägyptischen Gesellschaft und ihrer Gruppierungen: Anhänger der Muslimbrüder, Christen, Gegner der Muslimbrüder und schließlich landet sogar ein Soldat bei ihnen und drum herum toben die Straßenkämpfe, auf die immer wieder ein Blick geworfen wird oder die mittels Steinwurf, Tränengas oder Wasserwerfer aktiv ins Geschehen in der Blechkiste, in die Gruppendynamik der über ein Dutzend auf engstem Raum Gefangenen eingreift: alte Männer, junge Männer, ein Junge, ein Mädchen, eine Frau, Mutter und Krankenschwester.

Es gibt Kommunikation mit anderen Gefangentransporten wie über einen Gefängnishof, es gibt Streit um das einzige Handy, was einer reingeschmuggelt hat. Die Uhr des Journalisten, die eine Videokamera enthält, löst Verdächtigungen aus. Es gibt ruhigere Moment und einige wenige Zeitsprünge, die mit Schwarzbild angezeigt werden, ganz wenig behutsame musikalische Untermalung, vor allem das Revolutionsspektakel und der Lärm sorgen für einen ordentlichen Sound.

Der Film ist im Gegensatz zu Catherine Bigelows Detroit (bei dem es um Missbrauch der Polizeigewalt geht) kein Anklagefilm und auch keine Sensationsberichterstattung.

Der Film bezieht seine Dramatik aus der Doppelung des Aufruhrs in der Öffentlichkeit Kairos und dessen Spiegelung und Resonanz im Inneren des LKWs und aus der Erkenntnis, dass diese Menschen eigentlich ganz andere Dinge beschäftigen, als sich gegenseitig die Köpfe einzuschlagen, das geht vom Haarausfall über den Hund und ob der Läuse hat, um die Sorge um die Kinder oder wie es in Amerika sei, der DJ verteilt Visitenkarten, allerdings geht es auch um Erstversorgung von Verwundungen, ziemlich krud, improvisierte Dusche, um eine Panikattacke, aber auch um einen blutigen Rasiermessertrick, selbstironische Witze des Dicken und elementare Dinge wie die Hitze, der Durst und das dringende Bedürfnis zu pinkeln, allenfalls noch um Vorwürfe, weswegen man da hineingeraten sei.

Ein urmenschlicher Zugriff zum Revolutionsthema, turbulent und tumultös mit Steinwurf, Schüssen und kruder Wundversorgung.

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